Fast hätten wir vor Schreck den Weißwein verschüttet, als wir Gero von Randows Glosse über unsere Studie zum Linksextremismus in Deutschland lasen (ZEIT Nr. 9/15). Er warf uns vor, mithilfe einer ungeeigneten Befragung zu dem Schluss gekommen zu sein, linksextremes Gedankengut dringe bis weit in die Mehrheitsgesellschaft vor.

Gar so einfach hatten wir es uns allerdings nicht gemacht. In einem ersten Schritt befassen wir uns in der Studie Gegen Staat und Kapital – für die Revolution! mit den Dimensionen eines linksextremen Einstellungsmusters. Dabei unterscheiden wir zwischen radikal und extrem. Linksradikal ist für uns, wer einzelne Aspekte unseres Gesellschaftssystems – wie etwa die Marktwirtschaft – kritisiert und verändern will. Wer hingegen das gesamte Gesellschaftssystem ablehnt und (auch mit Gewalt) in ein anderes System umwandeln will, ist linksextrem. Allerdings ist die Trennlinie zwischen radikal und extrem fließend und lässt sich durch Befragungen nur schwer ermitteln.

Um die Verbreitung entsprechender Einstellungsmuster in der Bevölkerung herauszufinden, entwickelten wir eine Skala mit den Dimensionen Antikapitalismus, Antifaschismus, Antirassismus, Demokratiefeindlichkeit, kommunismusnahes Geschichtsbild und Antirepression, die wir mit Behauptungen unterfütterten. Um von uns als radikal oder gar extrem eingestuft zu werden, mussten die Befragten mindestens zwei Dritteln dieser Behauptungen zustimmen.

Unsere Fragen prüften wir vorab auf ihre Verständlichkeit. Dadurch ließ sich manches Missverständnis ausräumen. Zum Beispiel hatten wir ursprünglich – wie Gero von Randow auch – vermutet, die Befragten würden zwischen Marktwirtschaft und Kapitalismus unterscheiden. Diese Vermutung erwies sich als falsch: Marktwirtschaft ist für die meisten ein Synonym für Kapitalismus. Der wird allerdings tatsächlich weithin abgelehnt. Da gab es, anders als Gero von Randow meint, keine Unklarheiten.

Je nach Grad der Zustimmung zu den unterschiedlichen Aussagen stuften wir vier Prozent der Befragten als Personen mit einem nahezu geschlossenen linksextremen Weltbild und weitere 13 Prozent als anfällig für linksradikale/linksextreme Anschauungen ein. Damit behaupten wir keineswegs, dass die politische Stabilität Deutschlands bedroht ist, sondern zeigen, dass eine Minderheit der Bevölkerung Grundpfeiler unserer wirtschaftlichen und politischen Ordnung infrage stellt. Erstaunlich ist allerdings, angesichts der deutschen Vergangenheit, die hohe Zustimmung zum "Sozialismus/Kommunismus als gute Idee, die bisher nur schlecht ausgeführt wurde".

Nur, warum sollte es zukünftig anders sein, ist die "schlechte Ausführung" nicht in der Ideologie selbst angelegt? Oder sieht von Randow das anders, wenn er schreibt, "unter Kommunismus, Sozialismus und sogar unter guter Idee lässt sich alles Mögliche verstehen"? Uns jedenfalls hat verblüfft, dass Linksextreme und große Teile der Bevölkerung gleichermaßen die individuelle Freiheit gering schätzen.

Die Ergebnisse der Antworten auf die Fragen zur Anwendung von Gewalt, um politische Ziele durchzusetzen, interpretieren wir mit Vorsicht, da viele, die Gewalt für notwendig halten, dies vorsichtshalber nicht angeben. So überrascht nicht, dass nur sieben Prozent der Bevölkerung und 14 Prozent der Linksextremisten Gewalt gegen Personen als politisches Mittel befürworten.

Wer linksextreme Postillen verfolgt, sieht jedoch, dass bestimmte Personen – wie Polizisten, Banker, tatsächliche oder vermeintliche Rechtsextremisten – nicht als "Menschen" zählen. Wer zum Feind, sprich: Rassisten oder Faschisten, ernannt wird, muss dann mit allem rechnen. Die politisch links motivierte Gewalt (unter anderem Körperverletzungen, Brand- und Sprengstoffdelikte) hat in den vergangenen 15 Jahren massiv zugenommen. Viele Linksradikale und die meisten Linksextremisten begreifen sie als progressive, befreiende oder revolutionäre Gegengewalt gegen eine (unterstellte) strukturelle Gewalt des Systems.

In der Tradition der revolutionären Linken lehnen Linksextremisten nicht nur die Wirtschaftsordnung, sondern auch die pluralistische Mehrheitsdemokratie ab. Sie spielen sich als Revolutionswächter auf und wollen anderen vorschreiben, was sie zu denken und zu sagen haben. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich aber durch die Akzeptanz unterschiedlicher Interessen und Meinungen im Rahmen einer Verfassung aus, die Menschen- und Grundrechte garantiert.

Wir jedenfalls halten an unserem Extremismusmodell fest – trotz seiner zentralen Schwäche: seiner Relativität. Extremismus lässt sich eben nur relativ von der jeweiligen politischen und gesellschaftlichen Ordnung aus definieren. Aus der Perspektive des Machtzentrums im Nationalsozialismus, aber auch in der DDR, galten freiheitliche Demokraten als feindlich-negative Kräfte, mithin als Extremisten.

Dies bedeutet keine Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus. Beide unterscheiden sich in Theorie und Praxis deutlich voneinander. Auch wenn beide die offene, pluralistische Gesellschaft fundamental ablehnen und ein doktrinäres, monistisches Weltbild vertreten, so sind sie doch in Motiven und Zielen verschieden.

Die Deutschen sind kein Volk von Revolutionären, aber viele linksradikale und linksextreme Einstellungen sind Teil des gesellschaftlichen Mainstreams geworden. Offenbar besteht ein großes Unbehagen an der praktizierten Demokratie und insbesondere an der Wirtschaftsordnung. Das kann auch Gero von Randow nicht leugnen.