Ojemine! Schon im Titel dieses Bilderbuchs steckt das ganze Ausmaß der Bestürzung: "Ich muss wohl geschlafen haben", mutmaßt die Erzählerin, die sich auf den 48 Seiten zwar keinmal zeigt, uns dafür aber an jedem ihrer Gedanken teilhaben lässt. Ursache des Schreckens ist ein alltägliches Malheur: Beim Bügeln hat sich das Eisen in die bestickte Tischdecke gebrannt. Kein Drama, so etwas passiert – wäre es nicht ausgerechnet das Tischtuch, welches die Mutter so liebt, weil es sie an die eigene Mutter, die Großmutter der Erzählerin, erinnert. Was tun? Wie den hässlichen Fleck beseitigen? Die verschiedensten Lösungen rasen der Erzählerin durch den Kopf – vom teuren Fleckentferner bis zur Notlüge.

Der Clou dieses Buches ist, wie das absurd-verzweifelte Kopfkino bildlich inszeniert wird: Auf jeder Doppelseite lesen wir den Gedanken der Erzählerin zunächst als Text auf der linken Buchseite, ihm gegenüber steht der Abdruck des Bügeleisens, als bräunlicher Umriss auf zartbeigem Grund, wie überhaupt das ganze Buch in warmen, harmonischen Farbtönen gehalten ist. Jeden dieser Abdrücke des Grauens verändert die polnische Illustratorin und Autorin Iwona Chmielewska mit wenigen blauen Strichen so, dass er ein jeweils neues, passendes Bild zum Gedanken ergibt. Als die Erzählerin überlegt, ob sie die Schuld dem kleinen Bruder zuschieben soll, verwandelt sich der Bügeleisen-Abdruck in den Kopf eines schlafenden Babys mit Bommelmütze und Schnuller. Als sie erwägt, sich zu verstecken, sehen wir eine Bügeleisen-Maus.

Chmielewska gehört zu den wenigen Bilderbuchkünstlern, die noch ohne Computer arbeiten, auch dieses Buch gestaltete sie ausschließlich in Frottage und Buntstift. Sie wurde bereits vielfach ausgezeichnet, ist dem deutschen Publikum aber noch weitgehend unbekannt. Deshalb gebührt dem kleinen Gimpel Verlag ein Dank, dass er dieses Buch verlegt hat – in Südkorea erschien Ojemine! schon 2010, in Polen 2012.

So reduziert und minimalistisch die Geschichte und die Seiten daherkommen, so voller Spannung fragt man sich bei jedem Umblättern: Wie wird es wohl ausgehen? Was wird die Mutter sagen? Natürlich lässt sich der Fleck nicht vor ihr verbergen, und die Erzählerin verwandelt sich auch nicht in eine Maus. Doch statt des befürchteten Donnerwetters oder einer Strafe wartet am Ende der Geschichte eine Mutter, die dem verängstigten Kind ebenfalls mit einem Bügeleisen entgegentritt – und dem ersten Abdruck symmetrisch einen zweiten hinzufügt. Schließlich greift sie noch zu Nadel und Stickgarn und ergänzt die beiden Abdrücke um Flossen, Auge und Mund. So entsteht ein freundlicher Fisch, und die Erzählerin erkennt, dass sie diese Decke "nun auch liebt", denn die erinnert sie fortan "an uns drei, die Großmutter, die Mutter und mich".

Es ist eine einfache, nachdenklich stimmende Geschichte über ein Kind, das mit Ängsten und Schuldgefühlen kämpft. Und in diesem simplen Handlungsrahmen werden gleichzeitig große moralische Fragen verhandelt: Darf man lügen? Muss man immer für seine Taten geradestehen? Es ist zugleich eine Geschichte, die zeigt, was Generationen in einer Familie verbinden kann. Und eine Geschichte, die vorführt, dass durch Kreativität etwas Neues, noch Wertvolleres entsteht.

Gerade Kinder können das gut nachvollziehen: Wie oft sehen sie beispielsweise in vorbeiziehenden Wolken Tiere, in Astlöchern unheimliche Gesichter! So ist dieses Buch nicht nur eine kleine "Schule des Sehens", es empfiehlt sich auch unbedingt zur Nachahmung. Wer kein wertvolles Tischtuch verbrennen will, kann ja auf Papier mit Formen spielen.

Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 12. März, 15.20 Uhr, stellte Radio Bremen das Buch vor. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa.