DIE ZEIT: Herr Kasjanow, was bedeutet der Tod Ihres Freundes Boris Nemzow für Wladimir Putins Macht?

Michail Kasjanow: Der Tod von Boris Nemzow wird ein Wendepunkt sein. Ich hoffe, dass vor allem die Mittelschicht nicht mehr alles ertragen wird. Wir glauben, dass in den nächsten Monaten die Leute mit uns auf die Straße gehen werden, um für ihre Verfassungsrechte und vor allem gegen die Propaganda zu demonstrieren. Denn der Tod von Boris Nemzow ist eine Folge der aggressiven Atmosphäre, die die Machthaber in den vergangenen Jahren geschaffen haben. Sie nannten uns Volksverräter, "fünfte Kolonne".

ZEIT: Es wurden jetzt Verdächtige präsentiert, einer soll gestanden haben.

Kasjanow: Tschetschenen werden beschuldigt, diese Tat begangen zu haben. Es kann natürlich sein, dass sie dieses Attentat verübt haben. Aber ich werde niemals die Erklärung akzeptieren, dass die Täter angeblich islamistische Motive hatten. Ich sowie viele andere haben keinen Zweifel daran, dass dies ein politischer Mord war.

ZEIT: In Deutschland gibt es die Sorge, dass nach Putin Chaos und große Unsicherheit herrschen könnten. Haben Sie Verständnis für diese Angst?

Kasjanow: Es gibt immer einen Teil der Gesellschaft, der alles zu ertragen bereit ist, weil er Krieg fürchtet. Aber das ist keine Position, die Politiker vertreten können. Sie müssen ihren Werten treu bleiben. Deshalb ist es unmöglich für die Regierungschefs der EU, dabei zuzuschauen, was Putin derzeit macht. Ich bin zufrieden, dass große Einigkeit herrscht. Deutschland spielt darin eine Schlüsselrolle. Ich bewundere, wie Angela Merkel in dieser Situation vorgeht, denn man kann bei Werten keine Kompromisse schließen. Man hat das einmal getan, 2008, nach dem russischen Krieg gegen Georgien, als das Land die Regionen Abchasien und Südossetien verlor. Es gab einen Friedensplan, von dem Putin nicht einen einzigen Punkt umgesetzt hat. Drei Monate später betrieb der Westen business as usual mit ihm. Ihr habt damit Putin angestachelt weiterzumachen. Als Resultat haben wir heute die Annexion der Krim und die Zerstörung der Ukraine.

ZEIT: Man scheint sich in Europa vor den Folgen des Sanktionen zu fürchten und diskutiert, ob es nicht besser sei, sie aufzuheben.

Kasjanow: Ich fürchte diese Gespräche. Wenn ihr nicht jetzt den Preis zahlt, werdet ihr später einen sehr viel höheren zahlen.

ZEIT: Erkennen Sie bei Putin eine Strategie?

Kasjanow: Es gibt keine Strategie, nur Taktik, die erkennbar wird, wenn er die Schwäche seiner Partner spürt. Deshalb müssen die Gespräche darüber, Sanktionen aufzuheben, aufhören. Und: Putin sorgt sich vor allem um seine Macht. Deshalb die Annexion der Krim. Er wusste sehr genau, wie die Reaktionen des Volkes sein würden, und behielt recht damit.

ZEIT: Die überwiegende Mehrheit der Russen hat die Annexion gefeiert. Irrt er sich denn, wenn es um den Osten der Ukraine geht?

Kasjanow: Natürlich! Er dachte, er würde wie im Falle von Georgien davonkommen. Aber der Westen zeigte sich prinzipientreuer, als Putin es erwartet hat. Deshalb darf man sich derzeit auf keine Kompromisse einlassen, die die Souveränität der Ukraine oder ihre territoriale Integrität infrage stellen könnten.

ZEIT: Die westlichen Politiker wissen nicht, wie sie mit Putin umgehen sollen. Sie kennen ihn gut, waren von 2000 an vier Jahre sein Premier. Wie schätzen Sie ihn ein?

Kasjanow: Der Putin, den ich damals kannte, ist eine andere Person als heute. Der Wendepunkt war im Herbst 2004, nach der Tragödie in Beslan.

ZEIT: Terroristen aus dem Nordkaukasus brachten damals eine Schule in ihre Gewalt. Bei der Erstürmung durch russische Spezialkräfte starben mehrere Hundert Menschen.

Kasjanow: Putin hat diese Tragödie benutzt, um die Innenpolitik in Russland zu ändern. Es wurde schwieriger, politische Parteien zu registrieren, er begann, die ganze Politik zu kontrollieren.

ZEIT: Viele erklären diese Veränderung mit dem Vorgehen des Westens, mit Fehlern wie der Nato-Osterweiterung.

Kasjanow: Warum sollte das falsch gewesen sein?

ZEIT: Weil Russland sich bedroht fühlte und es Versprechen gab, nicht zu erweitern.

Kasjanow: Das ist eine Lüge. Fragen Sie Herrn Gorbatschow. Er war der Einzige, der dieses Versprechen hätte kriegen können, und er sagte kürzlich, dass es nicht einmal Gespräche darüber gab. Die Nato-Staaten sind unsere Freunde. Ich träumte als Premier davon, dass Russland Nato-Mitglied werden könnte. Und Putin schloss damals diese Möglichkeit nicht aus. Wir hatten exzellente Beziehungen zur Nato, zur EU, wir hatten gemeinsame Regierungssitzungen, wir wurden strategische Partner, wir wollten visafreien Verkehr, Zölle aufheben – das war alles 2003. Was also ist passiert?

ZEIT: Eine Erklärung lautet: Auch wenn die Sowjetunion zusammengebrochen ist, gibt es nach wie vor Einflusssphären, und der Westen mischt sich permanent in die Belange Russlands ein.

Kasjanow: Solche Argumente sind der Versuch, eine Brücke zu schlagen von der aggressiven Sowjetpolitik zum heutigen Russland. Und ihr im Westen macht den Fehler, an diese Kontinuität zu glauben. Aber die gibt es nicht! Wir haben eine demokratische Verfassung, internationale Verpflichtungen, sind Mitglied im Europarat und in der OECD. Warum also glaubt ihr, dass Russland eine Fortsetzung der Sowjetunion bedeutet? Vergesst das alles! Wir sind ein neues Land, und wir sollten wie ein demokratischer Staat behandelt werden. Das heißt: Wenn die Regierung etwas falsch macht, muss sie dafür öffentlich kritisiert werden. Das gilt doch auch in euren europäischen Staaten. Warum bleibt man dann still, wenn so etwas in Russland passiert? Wenn man Herrn Putin jetzt nicht in der Ukraine stoppt, dann macht er weiter. Dann wird er den Wunsch verspüren, den Nato-Bündnisfall zu testen. Deshalb verteidigt ihr euch bereits jetzt schon, wenn ihr die Ukraine verteidigt.

Michail Kasjanow war Premierminister unter Putin. Heute ist er einer seiner prominentesten Gegner.