Dreizehn Jahre waren sie zusammen, die schöne Lady Inquichin und ihr 254 Jahre jüngerer Liebhaber Frank Peter Zimmermann. Jetzt reichten fünf Millionen Euro nicht, um sie jener Firma zu entreißen, der diese Stradivari infolge eines Bankencrashs nun gehört und die sich vom Eigentum offenkundig zur Gewinnerzielung verpflichtet sieht. Doch selbst wenn die Lady neuerdings im Tresor schmachtet, können wir ihr so nahe kommen wie selten. Mit Mozart. Bei ihm hört man alles, jede Schwäche und jedes Glück seiner Interpreten, jede Farbe ihrer Instrumente. Zimmermann hat sich ihm gestellt. Mit der Lady. Als er sie noch hatte.

Bei ihr stimmt alles, was man sich über Stradivaris Instrumente erzählt. Wenn Zimmermann das Adagio aus dem G-Dur-Konzert spielt, diesen großen, schlicht anmutenden Bogen, dann wandeln sich zwar die Farben mit den Saiten, aber selbst in der höchsten Saite tönt noch das sonore der tiefsten. G, D, A, E sind weniger Register als Zonen eines Körpers und einer Seele, und sie spiegeln die Orchesterfarben, das Pizzicato der Celli, die Hörner, die Flöten, die sanften Streicher. Eine Geige mit einer echten Stimme, reif und wissend.

Lebendig und sensibel agiert Zimmermann hier, trifft sich auch mit Mozarts Witz im Rondo, ohne den eigenen Ernst zu verleugnen. Denn ein Charmeur wie Fritz Kreisler, sein Vorgänger bei Lady Inquichin, ist er nicht, auch das dämonisch Unberechenbare, das Gidon Kremer dem Konzert vor 30 Jahren gab, ist ihm fern. Zimmermann ist ein kluger, integrer Handwerker mit Sinn für Meisterwerke. Den jüngeren Mozart aber, den 17-Jährigen, der im B-Dur-Konzert noch ein paar Eierschalen abwirft, verfehlt er.

Das wird besonders deutlich, weil zugleich mit Zimmermann auch Vilde Frang Konzerte von Mozart aufgenommen hat. Die Norwegerin ist 21 Jahre jünger als der Deutsche, Jahrgang 1986, wird seit Jahren beängstigend hoch gehandelt und hat dabei nicht den Kopf verloren, wohl aber ihr Herz. An Mozart nämlich, bei dem sie das Zerbrechliche eher entdeckt als andere. Ganz vorsichtig geht sie um mit ein paar abwartenden Tönen im Takt 115 des Allegro, wo Zimmermann energisch weiterbraust wie im Motorboot. Ihr Einsatz im Adagio ist ein Nachdenken auf drei Tönen, als hätte sie alle Zeit der Welt. Man könnte es fast ein bisschen zu romantisch finden, aber da ist mehr, und da ist außerdem das Orchester.

Das Ensemble Arcangelo hat die historische Praxis inhaliert und spart am Vibrato. Das ist auf Zimmermanns CD zwar ähnlich, beim Kammerorchester der BR-Symphoniker, aber die Briten haben im B-Dur-Presto mehr Kick, in Synkopen, in Punktierten, in den Skalenraketen. Die einen betreuen ein Jugendwerk, die andern lassen es krachen. Was beide Ensembles komplett verschenken, ist die Stelle im ersten Satz, an der einem D-Dur-Septakkord nicht das g-Moll folgt, das jeder Profi von 1773 hingeschrieben hätte, sondern ein alienhaftes Es-Dur. Da wird unerschrocken durchmarschiert.


Umso mehr Gespür haben Frang und ihre Leute für die geheimnisvollen Abwege mitten im langsamen Satz des A-Dur-Konzerts, des letzten der vier Konzerte, die allesamt 1775 entstanden und bis heute jeden Semifinalisten nervös machen. Sie gelten wegen ihrer Transparenz und Schlüssigkeit als unbestechliche Gradmesser für Intonation und Gestaltungssicherheit, und man ist froh, wenn jemand diese doch etwas trübsinnigen Konkurrenzkriterien so beschwingt vergessen lässt wie diese Musiker. So witzig, zart, inspiriert hat man KV 219 wohl noch nie gehört.

Da fliegen die Töne weg aus dem Notentext, verwandeln sich in Mitteilungen, Dialoge, Witze, kleine Sarkasmen, hauchfeine Verzögerungen. Obwohl man Frang anhört, dass sie alle großen romantischen Konzerte in den Fingern hat, obwohl sie geschmeidig Brillanz genießt und den Klang ihrer Geige (die von Haus aus nicht so viel Magie mitbringt wie Zimmermanns Ex-Stradivari), tritt sie nicht in erster Linie solistisch auf, sie agiert und reagiert im Kollektiv.

Wer sich im Netz anschaut, wie vor 50 Jahren das A-Dur-Konzert von Menuhin, Karajan und den Wiener Symphonikern zelebriert wurde, ätherische Linien eines Einsamen, neben dem Karajan als Skulpteur zwischen Kerzen den Klang einer tönebügelnden Herrencombo formt, mag erheitert sein. Wobei diese Wiener doch überraschend gefährlich werden, wenn es an die Motive mit Migrationshintergrund geht: Die "alla turca"-Passagen im Rondo haben da mehr Kante als in den Neuaufnahmen.

Frangs Hang zum schönen Klang wird von Kirchenhall verstärkt, Frank Peter Zimmermann dagegen holt man in trockenerer Akustik mehr nach vorn, als er es nötig hat. An Zugriff fehlt es ihm nicht, und im D-Dur-Konzert steckt er mit seiner Energie das Ensemble an. Schäkern und zögern mag er auch da nicht, dafür zeigt er den 19-jährigen Komponisten als Autorität, er nimmt auch im stilvermischenden Rondo vieles ernster, als es ins immer noch beliebte Bild vom heiteren Überflieger passt. Das klingt nicht "wie öhl" (Mozart über sein eigenes Geigenspiel), sondern wie ein durchaus teutsches "hier stehe ich".

Mit 23 Jahren weiß Mozart dann schon so viel vom Leben, dass er in seiner Sinfonia concertante für Violine und Viola eine Liebesgeschichte schreibt, als hätte er den Figaro bereits hinter sich. Eine Kostbarkeit, wie Vilde Frang und Bratscher Maxim Rysanow das Andante als Szene entwickeln, zwei so verschiedene Typen, sie zum Davonfliegen neigend, er eloquent, aber standfest, dass man über die Übereinstimmung staunt. So ähnlich geht es einem ja auch mit Zimmermann und seiner Lady. Gerade darum sollte sie zu ihm zurückkehren.