Wer ins Museum geht, entwickelt die erstaunlichsten Fähigkeiten. Manchen gelingt es jetzt sogar, die Kunst mit dem Hinterkopf zu sehen. Sie drehen ihr den Rücken zu, zücken das Smartphone, recken den Arm, und dann beginnt mit sanftem Fingerdruck die Zukunft der Museen. Bislang waren sie erhabene Speicher für Bilder und Skulpturen. Nun, im Zeichen der Digitalisierung, werden sie zu Orten der Bildproduktion. Die Ära des Art-Selfies hat begonnen.

Binnen kürzester Zeit konnte sich das Selbstporträt in Museen, Galerien und auf Messen zur allseits beliebten Form der Kunstaneignung entwickeln. Die einst so stillen Besucher werden aktiv, das Sehen reicht ihnen nicht mehr, sie wollen gesehen werden, zusammen mit den Bildnissen ihrer Wahl. Sie posieren, sie lächeln, sie stellen sich ins Licht der großen Meister. Im Art-Selfie, könnte man sagen, findet das alte Versprechen der Moderne zu neuem Ausdruck. Hier ist die Kunst im Leben, und das Leben ist in der Kunst.

Die meisten Museen betrachten es mit Unbehagen. Sie ahnen, dass es bei ein paar Selfies nicht bleiben wird. Wenn Bilder plötzlich nichts mehr kosten, wenn jeder sie unendlich oft und unendlich schnell kopieren, verändern, weiterversenden kann, dann verändert sich auch der Blick auf die Kunst. Dann ist es vorbei mit stiller Andacht. Dann verliert das Original an Bedeutung. Dann muss sich das Museum neu erproben: als ein Ort, der die Rahmen sprengt, die Vitrinen öffnet und das Unverfügbare aller Welt verfügbar macht.

In Frankfurt haben sie schon mal damit begonnen. Pünktlich zum 200. Gründungstag in dieser Woche wagt das Städel, eine der wichtigsten Malerei-Sammlungen der Republik, einen zweiten Anfang. Die Verheißung: Keine Öffnungszeiten mehr! Keinen Eintritt! Keine Wärter! Keine lärmenden Schulklassen und neunmalklugen Kunstführer! Das Städel bleibt ganz das alte und verändert doch alles.

So entschieden wie kein anderes europäisches Museum will es sich neue Räume erschließen, drängt hinein in die digitalen Sphären und lässt dort nichts unversucht, die eigene Autorität kraftvoll infrage zu stellen. Das beginnt schon damit, dass die Kuratoren ihr Deutungsmonopol einbüßen. Künftig befinden nicht mehr sie allein über Rang und Klasse eines Gemäldes und darüber, was wie und in welcher Abfolge gezeigt wird. Im Reich des Digitalen, in dem jetzt sukzessive die komplette Sammlung zugänglich gemacht wird, inklusive all jener Bilder, die seit Jahrzehnten im Depot vor sich hin träumen, werden die Besucher zu Kuratoren. Und sie werden vom Städel regelrecht dazu verführt, das Museum anders und auf selbstbestimmte Weise zu durchstreifen, die klassischen Ordnungspfade zu verlassen und den eigenen Interessen und Intuitionen zu vertrauen.