Eine Zahl sagt oft mehr als viele Worte. Gleich hier auf dieser Seite, schräg unten, rechts: 4,05 Milliarden Euro. Eine gute Zahl für den Veranstaltungsmarkt, der daran zu 67 Prozent (oder 2,71 Milliarden Euro) beteiligt ist, eine weniger gute für die Tonträgerindustrie (1,34 Milliarden Euro). Der Gesamtumsatz der beiden Märkte mag respektabel sein (und steht dem der Bücher um nur wenige Prozentpunkte nach) – gleichwohl ist die Tendenz zu immer mehr Live-Events und immer weniger CDs erstens weiter steigend und zweitens besorgniserregend. Denn wer für die Musik, die er zu Hause hört, nichts mehr bezahlen möchte, weil das Internet alles so hübsch kostenlos feilbietet, auf krummen oder geraden Touren, der wird irgendwann auch für das Konzert, in das er geht, nicht mehr so viel zu zahlen bereit sein. Und dann liegen endgültig alle auf der Nase, die von ihrer Musik leben wollen.

Diebstähle hat es immer gegeben, erinnert sei nur an die "Bückware" im Plattenladen – Raubmitschnitte, oft von grauenvoller technischer Qualität, die für Fantasiepreise und mit verschwörerischem Augenzwinkern unterm Ladentisch hervorgezerrt wurden. Da trug man denn das legendäre Konzert der Band X oder den einzigartigen Opernabend mit der Primadonna Y wie einen Schatz nach Hause, um all die damit verbundenen Emotionen noch einmal zu durchleben, möglichst oft, immer wieder. Schön war das und an eine gewisse Mühsal geknüpft, jedenfalls solange man es mit Plattenspielern, Tonbandgeräten und Kassettenrekordern zu tun hatte. Und geschadet hat es den hintergangenen Künstlern auch, wenngleich bloß im kleinen Stil. Als die Töne dann immer schneller laufen lernten, weil ihre Träger immer handlicher wurden, schwand die Mühsal – und mit ihr nicht nur der Reiz der Tat, sondern auch das Unrechtsbewusstsein. Heute gehen die Schäden ins Unermessliche, denn Musik lässt sich so leicht klauen wie noch nie. Just dieses Gefühl des Egalseins aber treibt die Menschen in Livekonzerte. Solange es noch welche gibt.