Wann immer in Moskau ein Haus in die Luft gesprengt oder ein Prominenter ermordet wird, verhaftet die Polizei danach in schöner Regelmäßigkeit einen Tschetschenen. Oder gleich mehrere. So geschah es am Wochenende im Mordfall Boris Nemzow. Einer der Verhafteten hat auch sofort gestanden. Saur Dadajew, Vizekommandeur des tschetschenischen Bataillons Sewer, war mit seiner Einheit für die Sicherheit des tschetschenischen Präsidenten zuständig. Nun will er im Nebenberuf den russischen Oppositionspolitiker Nemzow umgebracht haben. Das fanden die Moskauer Staatsanwälte so überzeugend, dass sie sofort Anklage erhoben haben.

Die tschetschenische Spur ist im Reich des Wladimir Putin der Klassiker der Kriminalgeschichte. Im Anfang war Tschetschenien. Das kleine Land am Kaukasus markierte den Beginn von Putins Aufstieg zum Präsidenten. Im tschetschenischen Krieg von 1999 wuchs er zum unumstrittenen politischen Führer Russlands. Nun sollen Tschetschenen einen der entschiedensten politischen Gegner Putins umgebracht haben, und die Frage stellt sich: Was hat der Tschetschenien-Komplex mit der unheilvollen Geschichte der Auftragsmorde in Russland zu tun?

Seit den neunziger Jahren wird Russland von Hinrichtungen erschüttert. Sakasnoje ubijstwo – der Auftragsmord trifft Politiker und Geschäftsleute, Menschenrechtler und Medienleute. Den Skrupellosen der Businesswelt gilt Mord als Fortsetzung der Geschäftsbeziehungen mit anderen Mitteln. Die Exekutionen geschehen auf offener Straße, aus vorbeifahrenden Autos, in Treppenhäusern, Innenhöfen und vor der Haustür. In Provinzen werden auf diese Weise vor Wahlen immer wieder Kandidaten, die Bürgermeister oder Gouverneur werden wollen, aus dem Weg geräumt.

Ihr Leben aufs Spiel setzen Reporter, die über Korruption recherchieren, Bürgerrechtsaktivisten und Journalisten wie Anna Politkowskaja, die Menschenrechtsverletzungen nachgehen, Politiker, die die Kreise der Mächtigen stören.

In der Moskauer Blase aus Kreml, Duma und regierungstreuen Medien wirken Auftragsmorde oft wie politische Symbolakte. So auch das Attentat auf Boris Nemzow im Schatten eines Kreml-Turms, auf einer Brücke über die Moskwa, die das Zentrum der politischen Macht mit dem quirligen Samoskworetschije-Viertel verbindet.

In diesem Killer-Geschäft bedient man sich gern der angsteinflößenden Tschetschenen vom fernen, als wild verschrienen Kaukasus. Aber Auftragsmörder findet man auch woanders, in Putins Reich gibt es dafür einen Markt: Russische Veteranen aus den Kriegen in Afghanistan, Tschetschenien und Jugoslawien, von denen manche nicht ins zivile Leben zurückgefunden haben. Ebenso ehemalige Mitarbeiter der Sicherheitsdienste, "für die es schwer ist, sich in der Welt draußen zu orientieren", wie der investigative Journalist Andrej Soldatow sagt. Manche von ihnen arbeiten heute als private Wachleute für Unternehmen. Andere, die es nicht so weit gebracht haben, suchen anderswo Beschäftigung. In Moskau kursieren Telefonnummern und Adressen, über die Zwischenhändler Auftragsmörder vermitteln.

Auch das Internet ist eine Fundgrube. Im russischen Netz existieren Seiten, bei denen man nicht weiß, ob sie ernst gemeint oder Satire sind. Bei "Sanitar" kann der Kunde Zyanid kaufen und Schulden eintreiben lassen, er kann den gewöhnlichen Mord bestellen, aber auch den inszenierten Selbstmord. Die Seite "Dienste eines professionellen Killers" verkauft die spurlose Beseitigung des Ehegatten oder eines Rivalen. Bis vor anderthalb Jahren bot die russische Netzseite "Zakazat killera" ("Einen Killer bestellen") Dienste wie die "physische Beseitigung" an oder den "Ausflug in den Wald für ein Gespräch". Ein "leichtes Durchrütteln" war für 1.300 Dollar zu haben, "umfassendes Verprügeln" für 3.000 Dollar, mehr kostet halt auch mehr. "Wenden Sie sich an uns, wir reden über alles", warb die Homepage. Manche hielten "Zakazat killera" für einen schlechten Scherz. Aber der Scherz schien dem russischen Innenministerium doch so ernst und brisant zu sein, dass es die beschleunigte Schließung der Seite anordnete.

Früher, unter Präsident Boris Jelzin, brachten sich wichtige Geschäftsleute gegenseitig um – und man fand die Täter nicht. Für Wladimir Putin hingegen, sagt der Russlandkenner Mark Galeotti von der New York University, sei es wichtig zu demonstrieren, "dass der Staat die Straße kontrolliert" und die Mörder dingfest mache. Dennoch soll die Zahl der Auftragsmorde unter seiner Herrschaft gestiegen sein, behaupten russische Zeitungen.

Im Fall Nemzow sind die Hintermänner "wahrscheinlich in ultranationalistischen Kreisen zu finden", sagt Galeotti. Von dieser Sorte gibt es in Russland genug: Noworossija-Kämpfer, Ukraine-Hasser, Großrussland-Fans, Xenophobe. Nemzow, ein Politiker mit jüdischen Wurzeln, sei für sie ein perfektes Hassobjekt gewesen, meint Galeotti: "der playboyhafte Lebensstil, die ukrainische Freundin, Kritik am Anschluss der Krim und der Militäroperation in der Ostukraine". Doch da die Spur zu diesem Täterkreis politisch nicht gewünscht sei, habe man auf ein altes Stereotyp zurückgegriffen: "Einen Job für einen Tschetschenen".

Der mutmaßliche Attentäter Saur Dadajew hat sich nicht nur selbst des Mordes an Nemzow bezichtigt, sondern auch gleich ein Motiv geliefert. Als gläubiger Muslim habe er sich dafür rächen wollen, dass Nemzow im Internet seine Solidarität mit den ermordeten Journalisten der französischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo bekundet habe. Dass Russlands Außenminister Sergej Lawrow bei dem Trauermarsch für die Terroropfer in Paris mitlief, störte Dadajew offenbar weniger. Auch wenn sein Geständnis nicht überzeugt, so ist es doch "ungeheuer angenehm" für die Mächtigen, sagt Mark Galeotti.

Dadajews Motiv passt bestens in die russische Vorstellungswelt. Islamischen Kaukasiern, besonders Tschetschenen, wird in Russland gern das Schlechteste unterstellt. Nach einer Umfrage des Lewada-Instituts rufen sie bei 42 Prozent aller Russen Feindseligkeit oder gar Angst hervor, nur 12 Prozent finden sie sympathisch.

Furcht und Abneigung gehen weit in die Geschichte zurück. Im 19. Jahrhundert besangen Schriftsteller wie Puschkin und Lermontow die Tschetschenen eher als romantische Wilde mit Kindschal, dem Krummdolch. Der russische Kaukasus-Forscher Adolf Bersche beschrieb sie vor 150 Jahren als "fern der Zivilisation und nah dem Barbarentum. Sie haben einen ausgeprägten Hang zu Diebstahl und Mord, und das nimmt ihnen jede Chance, sich fleißig und friedlich zu beschäftigen." Das Bild der Tschetschenen hat sich seither nicht wesentlich aufgehellt.

So leuchtet es auch in der Putin-Ära vielen Russen ein, dass nach einem kapitalen Verbrechen Tschetschenen verhaftet werden. Das war so nach den Anschlägen auf russische Wohnhäuser 1999 und den Morden an den Journalisten Paul Klebnikow 2004 und Anna Politkowskaja 2006. Für die russische Regierung sind Tschetschenen nicht romantische, sondern nützliche Wilde.

Niemand spielt diese Rolle besser als Ramsan Kadyrow, der erst 38-jährige Führer der Tschetschenen. Auf Instagram posiert er als Pistolenschütze, Boxer, Raubkatzen-Streichler, Familienliebling – und natürlich als gläubiger Muslim. Kadyrow stachelte Proteste gegen die Karikaturen von Charlie Hebdo an und nennt den verhafteten Leibwächter Dadajew einen "tief religiösen Mann und mutigen Krieger". Kadyrows Vater, der tschetschenische Präsident, kam 2004 durch einen Anschlag ums Leben. Seither hat der Sohn in der Republik ein autoritäres Regime errichtet. Unerbittlich verfolgt er jeden Gegner, seinen Häschern werden Attentate auf Rivalen in Dubai und Moskau zugeschrieben.

Mit Wladimir Putin hat Kadyrow einen Pakt geschlossen, sagt der Putin-Biograf und Chef des Moskauer Instituts für nationale Strategie, Stanislaw Belkowski: "Kadyrows Tschetschenien bekennt sich zur russischen Föderation, dafür darf er alle seine Feinde in jeder Ecke der Welt umbringen." Kadyrow genieße Narrenfreiheit. Ende vergangenen Jahres versammelte er Tausende von Kämpfern im Stadion von Grosny und nannte die Truppe die "kämpfende Infanterie von Wladimir Putin", die "Freiwilligentruppe" des russischen Oberkommandierenden. Ausgerechnet kurz nach dem Attentat auf Nemzow verlieh Putin ihm den "Ehrenorden" für "beruflichen Erfolg, öffentliche Tätigkeit und Jahre der harten Arbeit".

Das Wort vom Freiwilligentrupp war nicht nur dahingesagt. Im vergangenen Jahr kämpften in der Ostukraine tschetschenische Bataillone gegen die ukrainische Armee. Kadyrow sprach offen über diese Schmutzarbeit für den Kreml, während die russischen Truppen unerkannt bleiben sollten.

Für den Mord an Boris Nemzow werden jetzt wahrscheinlich Tschetschenen ins Gefängnis gehen. Sie decken die eigentlichen Drahtzieher – ob sie nun aus dem Dunstkreis der russischen Sicherheitsdienste oder der Ultranationalisten stammen.

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