In ein paar Jahren, sagen wir im März 2021, werden wir uns vielleicht fragen, wie das passieren konnte. Wenn wir doppelt zahlen müssen für unsere Handyverträge mit dem Mobilfunkstandard der nächsten Generation. Einmal für den Datentarif, natürlich, zusätzlich aber auch für alle einzelnen Nutzungsarten: Videotelefonie? Instant Messaging wie WhatsApp oder iMessage? Tethering, also die Nutzung des Handys als Modem für den Laptop? Oder einfach nur Videos in guter Qualität anschauen? Kostet alles ein paar Euro mehr im Monat.

Dieses Szenario bereiten die Mobilfunkbetreiber schon heute vor. Viele aktuelle Verträge schließen im Kleingedruckten die Nutzung von allerhand Internetdiensten aus. Das ergab in der vergangenen Woche eine Analyse von Netzpolitik.org. Das Fazit der Autoren: "Es gibt keinen Mobilfunkbetreiber, der eine weiße Weste hat" – wer weiß, wann sie anfangen, für jeden Dienst zusätzlich zu kassieren? Hier geht es aber nicht um Details der Tarifgestaltung, hier geht es um ein gesellschaftliches Thema: die Gleichbehandlung aller Daten im Netz. Egal, von welchem Internetdienst und welchen Inhalts, Netzbetreiber müssen alle Datenpakete zu gleichen Konditionen transportieren, das versteht man unter "Netzneutralität". Und die ist in Europa in akuter Gefahr.

Dabei hatte im vergangenen Frühjahr das EU-Parlament mit großer Mehrheit eine Verordnung verabschiedet, die Netzbetreiber zum Datentransport "ohne Diskriminierung, Einschränkung oder Störung" verpflichten sollte. Doch Anfang März hat der EU-Rat (also die Vertreter der 28 Regierungen) diesen Entwurf aufgeweicht. Die neue Fassung gesteht den Providern beliebige Ausnahmen zu. Bleibt es dabei, könnten aus Kleingedrucktem schnell reale Einschränkungen werden. Verbraucherschützer und Bürgerrechtler warnen vor einem Zwei-Klassen-Internet. Zu Recht!

Ob es auch so kommen wird, entscheidet sich im Brüsseler Trilog: Neben Parlament (1) und Rat (2) verhandelt jetzt auch die Kommission (3) mit. Dort ist Digitalkommissar Günther Oettinger zuständig. Der beschimpfte am vergangenen Wochenende die Verfechter der Netzneutralität als "Taliban-artig" – ausgerechnet auf einem Podium mit Telekom-Chef Timotheus Höttges. Das lässt ahnen, wie ernsthaft sich Oettinger mit den Argumenten für die Netzneutralität auseinandersetzt.

Zum Beispiel: Im vergangenen Jahr war erstmals mehr als die Hälfte der Deutschen im mobilen Internet unterwegs. Die Kinder von heute werden nicht mehr oft per PC ins Internet gehen. Sondern mit Smartphones und Tablets. Was sie dann sehen, wird heute vorbestimmt.