Vor wenigen Monaten ist der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr nach dreizehn Jahren zu Ende gegangen. Fünfundfünfzig deutsche Soldaten sind in dieser Zeit in Afghanistan ums Leben gekommen. Insbesondere das Attentat am 7. Juni 2003 auf einen Bus, in dem deutsche Soldaten saßen, die gerade wieder nach Hause fliegen wollten, fand in der deutschen Öffentlichkeit große Beachtung. Oberfähnrich Andrejas Beljo, Oberfeldwebel Carsten Kühlmorgen, Feldwebel Helmi Jimenez-Paradis und Stabsunteroffizier Jörg Baasch sind dabei gestorben.

Die deutsche Gegenwartsliteratur – ständig dazu ermahnt, sich packenden und zeitdiagnostischen Stoffen zuzuwenden – hat sich das Thema nicht entgehen lassen. Plötzlich gab es in Deutschland wieder: Kriegsliteratur. Ingo Niermann und Alexander Wallasch erzählten in Deutscher Sohn die Geschichte eines durch einen Sprengstoffanschlag traumatisierten Kriegsheimkehrers. Linus Reichlin schickte in seinem Roman Das Leuchten in der Ferne seinen Helden Martens zum Geiselbefreien nach Afghanistan. Jochen Rausch erzählte in Krieg aus der Perspektive eines Vaters, dessen Sohn in Afghanistan gefallen ist. Der Spiegel-Journalist Dirk Kurbjuweit verwickelte in seinem Roman Kriegsbraut eine Bundeswehrsoldatin in eine afghanische Lovestory.

Jetzt folgt ein neuer beachtlicher Wurf: Norbert Scheuer, bisher ein lakonischer Autor naturmagischer Dorfromane aus der Eifel, ist mit seinem weitab der Hauptstadtjournalisten-Prosa angesiedelten Roman aus Afghanistan in diesem Frühjahr für den Leipziger Buchpreis nominiert. Scheuer lässt den Sanitätsobergefreiten des IV. Infanteriebataillons Paul Arimond, beginnend mit seiner Ankunft in Afghanistan im April 2003, ein Feldlager-Tagebuch führen, das mit einer fiktiven dpa-Meldung endet: Am 9. Juni 2004 fällt der Sanitätsobergefreite Paul Arimond in einem Bus auf dem Weg zum Flughafen in Kabul gemeinsam mit drei weiteren Bundeswehrsoldaten einem Anschlag zum Opfer, beinahe so, wie es Oberfähnrich Beljo und seinen Kameraden wirklich ergangen ist.

Scheuer, der in seinem Nachwort verschiedenen Augenzeugen und Verfassern von Dokumentationen über Afghanistan dankt, verzichtet auf Pulverdampf und Fabulierkunst, hält sich nüchtern an die Tatsachen. Das Tagebuch begleitet den 24-jährigen Bundeswehrsoldaten durch die letzten Monate seines Lebens. Man schwitzt, schlägt die Zeit in der Bar und in der Pizzeria tot, liest Thoreau im Bibliotheks-Container, hockt auf Klappstühlen im Staub, kämpft gegen Wüstenmäuse und kann nicht schlafen, wenn nachts die Raketen übers Lager fliegen.

Es sind Nahaufnahmen aus der Etappe, von denen der Bundeswehrsanitäter beinahe mit dem kalten Weltkriegsstoizismus eines Ernst Jünger berichtet. Irgendwo im Land explodieren Mädchenschulen, geraten Kameraden in einen Hinterhalt. Als Sanitäter wird er zu Sterbenden gerufen, deren noch warme herausgerissene Gedärme er in die Leiber zurückstopft. Derartiges erwähnt er gelassen und wie nebenbei. In der Hauptsache interessiert er sich nicht für den Krieg, sondern für die im Kriegsgebiet ansässigen Vogelarten. Diese Obsession verlangt vom Leser einige ornithologische Langmut. Blauracke, Elster, Uhu, Türkentaube, Rotstirngirlitz, Wanderfalke, Moabsperling, Bienenfresser, Wiedehopf, Schwarzmilan, Hirtenstar, Kolkrabe, Rotschwanz, Drongo, Rötelschwalbe, Gänsegeier, Goldammer, Rauchschwalbe, Bülbüls, Ziegenmelker, Säbelschnäbler, Rothalstaucher, Kiebitz, Wüstenfalke, Königshühner, Graubrustmeisen, Paradiesfliegenschnäpper, Schwarzkopfedelsittich, Jungfernkranich, Fluss-Seeschwalbe – um nur mal die Wichtigsten zu nennen – werden nicht nur vorgestellt und mit dem korrekten lateinischen Namen versehen, sondern zumeist auch per "Kaffeeaquarell" gezeichnet (und im Buch abgebildet). 137 Vogelarten, darunter "35 Erstsichtungen", kann der junge Sanitäter in seinen letzten Lebensmonaten in Afghanistan verzeichnen. Sie alle sind gefiederte Zeugen der vollendeten Schönheit einer vom Menschen unberührten Welt.

Die Skurrilität dieser Abschweifung auf einen ornithologischen Nebenschauplatz mitten im Krieg ist gewollt und nicht ohne Charme. Ihre Pointe ist sympathisch: Im Wettkampf zwischen Natur- und Zeitgeschichte, zwischen Menschenwerk und Schöpfung, siegt für die Dauer dieses Romans die Schöpfung. Norbert Scheuer schreibt unter anderem deswegen so wunderbar unaufgeregt und lapidar, weil er sich eine Welt vorstellen möchte, in der ein Vogel bedeutender ist als ein Kampfhubschrauber.