In Hamburg tragen wir Blau. Blaue Mützen, blaue Blazer, Mäntel und Pullover in Blau, dazu ein frisches Grau in fein abgestufter Schattierung. Es heißt, das Blau beziehe sich auf die maritime Tradition, die See, den Himmel, die Uniformen der Marine und Schiffsleute. Aber viel wahrscheinlicher ist, dass wir Blau tragen, weil wir blue sind. Blue, aus dem Englischen, ein Wort für Melancholie und Trauer. Wer blue ist, weiß, dass das Leben eine Reihe von Abschieden ist, ein Gehenlassen, ein Verlust. Und schon deshalb wären wir Hamburger nicht nur die besseren Olympiagewinner, sondern auch die besseren, das heißt eleganteren, versierteren, von der Moderne und ihren Zumutungen erprobten Verlierer.

In Berlin werden Niederlagen als Triumphe gefeiert. "Arm, aber sexy" heißt die Devise, es gibt einen befremdenden Stolz auf das Scheitern, das man ausstellt, als sei es eine eigens für Deutschland erfundene Praxis. Noch die schlimmste Inkompetenz, die übelste Fahrlässigkeit lässt sich derart in einen Triumph umdeuten, und tatsächlich sind die Rekordmeldungen aus Berlin jene des Misserfolgs: mehr Armut, mehr Gewalt, mehr Schulden.

Auch das Scheitern der Olympiabewerbung wird Berlin als Prä verkaufen, als Bonus der Lässigkeit und Ausweis des Ungerührtseins. Ganz so wie der Klassenrüpel stolz ist, in der Ecke zu stehen, unter dem beifälligen Gekicher der Angepassten, wird Berlin erklären: Mir doch egal. Olympia, ist ja eh nur Mainstream und Kommerz und überhaupt: Sollen sich den Stress lieber andere machen.

Und darauf läuft es wohl auch hinaus – dass das angeblich so feine und schnieke Hamburg diese Aufgabe schultert. Dass man die Ärmel der Barbourjacken und Tweetsakkos hochkrempelt und zupackt und am Ende wieder als Musterknabe der Effizienz dasteht.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 11 vom 12.03.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Aber wenn, nur ganz hypothetisch gesprochen, wenn wir doch verlören, dann käme unsere blaue Seite zum Tragen. Blue Notes nennt man im Jazz die Töne, die den Bluescharakter eines Stückes prägen, und, ja, wir hätten den Blues. Die Stimmung wäre wie in einem Stück von Cole Porter, in das sich, durch eine Verdrehung der Chronologie, die Trompete von Miles Davis gemogelt hat, mit ihrem unsentimentalen und doch ergreifend traurigen Ton.

Tatsächlich wäre das der Soundtrack unseres Scheiterns: ein langsam dahinschlendernder Swing, in den Miles seine dezenten Seufzer tupft. Und so ständen wir da, sagen wir am Baumwall, hinter uns ein Verlagshaus (auch eine Verlustgeschichte), vor uns der Hafen. In der Rechten einen Martini oder, standesgemäßer, einen Grog, in der Linken einen Regenschirm. Der Wind wehte ein paar Blue Notes herüber, und wir spähten in die Ferne und erinnerten uns: so viele Abschiede, so viele Verluste. Eine einzige Ebbe, kultur- und stadthistorisch gesprochen. Was haben wir nicht alles weggegeben? Wen haben wir nicht alles ziehen lassen?