Der Sänger als Wolkenschieber

Zu den elementaren Ängsten eines Sängers zählt die Furcht, Intendanten, Agenten oder das Publikum könnten ihn für Jahrzehnte an sein Repertoire ketten wollen. Tatsächlich wird manche Sopranistin bis zum Eintritt ins Rentenalter als Kammerzofe gebucht, mancher Tenor muss lebenslang den Evangelisten in Bachs Passionen singen, mancher Bass darf nichts anderes als den Sarastro in der Zauberflöte geben. Der Sänger – so wünscht es das Auditorium insgeheim – soll immerzu singen, was er am besten kann und wir von ihm gewöhnt sind!

Bei Philippe Jaroussky, dem famosen französischen Countertenor, ist das so eine Sache mit der Zuständigkeit und den Ketten. Seine Projekte sprangen schon immer in weiten und unberechenbaren Intervallen durch die Musikliteratur. Auf nichts möchte er abonniert werden. "Ich muss noch viel entdecken, und irgendwie läuft mir die Zeit davon", sagt er. "Wie lange kann ich noch so singen, wie ich jetzt singe?" Auch das Alter ist unter Sängern ein beliebtes Tabu, über die Endlichkeit der eigenen stimmlichen Ressourcen redet niemand gern.

Der artig gekämmte, aber höchst kreative Franzose ist vielseitig bis zur Flüchtigkeit und entwickelt unendlich viel Lust auf unendlich viel Musik. In diversen Ausflügen an den Ackerrain des Repertoires schärft er seine Stimme, die jubelnd in die Höhe fahren kann und sinnliches Licht ausgießen, das fast so intensiv leuchtet wie Neon; ebenso vermag er sein Timbre aber auch in unendlich weiche, verhangene Trauer zu betten. Jarousskys Vibrato ist kostbar mensuriert und leiert nicht. Um seine Stimme wabert nicht der Hauch eines Nebels. Vor allem klingt sie – bisweilen eine Gefahr in diesem Fach – keine Sekunde lang weibisch.

Das Einzigartige an Jarousskys Vokalkunst ist, wie bewusst er ephebenhafte Klarheit und Raffinement in seiner Stimme zu vermählen versteht. Der bescheidene, aber geistig abgeklärte und reife Sänger ist jetzt 37 Jahre alt und befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere. In der Branche gilt er als Apoll.

Dass er sich auf diesem selbst gewählten Parcours am liebsten sportlich bewegt ("Auf barocke Meterware habe ich immer weniger Lust"), zeigt schon seine Wahl des Pariser Lokals für das Interview. Das Le Floréal ist eine mäßig kompetent möblierte Kneipe, eher eine Art wirbeliger Szenetreff im 10. Arrondissement. Jaroussky fällt hier in seinem grünen Kapuzenpulli kaum auf. Er ist höflich, kommt pünktlich auf die Minute und hat alle Zeit der Welt. Fast liest man es als Metapher, dass er grünen Tee mit viel Honig bestellt: ein Künstler, dem es auf die Gesundheit der Kehle ankommt – und natürlich auf die Botschaft.

Mit fabelhafter Wandlungsfähigkeit dringt Philippe Jaroussky jetzt in eine Welt vor, die Sänger seines Fachs bislang kaum haben ergründen wollen: in die Vertonungen von Gedichten des Lyrikers Paul Verlaine. Damit springt er fast gleichzeitig in den Salon, ins Cabaret und in die Kaschemmen von Paris im späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Natürlich heißt die zeitgleich unter dem Motto Melodies françaises erscheinende Platte einfach Green – "Grün". Denn: "Das ist der Titels eines Liedes, das Claude Debussy, André Caplet und Gabriel Fauré vertont haben, einer schöner als der andere, und auf keines der Lieder wollte ich verzichten." Solche klingenden Synopsen gibt es auf der Platte viele, dass ein Komponist aus einem Verlaine-Gedicht eine Elegie macht, der nächste eine Brandrede und der dritte eine ironische Volte.

"Die Sprache Verlaines ist wie Muttermilch für mich"


Jarousskys Kehle hat schon viel bewältigen müssen. Welten liegen zwischen Pergolesis keusch-erbaulichem Stabat Mater und dem jazzig anspringenden Monteverdi-CD-Projekt Teatro d’amore von Christina Pluhar, Gräben klaffen zwischen Händels nobler Melodik in der Oper Agrippina und der effektvollen Literatur für Kastraten des Barockkomponisten Nicola Porpora. In dessen Arien erreichen die Koloraturen die Geschwindigkeit eines TGV, der die nahe Gare du Nord längst verlassen hat. "Aber Koloraturen sind für mich nur noch begrenzt interessant", gesteht Jaroussky, "pure Virtuosität ist kein Musizierideal für die Ewigkeit."

Erst recht nicht für einen wie ihn. Die Stimme eines Countertenors spricht nur unter leichtem Druck an, damit die Kopfstimme sich zwar weitet, aber trotzdem nicht ins Fisteln fällt, sondern das Brustregister hinzumischt. Das ist auf Dauer höllisch anstrengend. Umso mehr Spaß hat Jaroussky daran, Türen aufzustoßen und unbekannte Räume zu erobern. "Es gibt ja so unglaublich viel spannende Sachen in der Musik, bei denen man sich ohrfeigen müsste, wenn man sie vernachlässigt." Wie etwa jüngst Agostino Steffanis Oper Niobe, Regine di Tebe, in der Jaroussky den Anfione, Niobes Gatten, in ein anrührendes Wechselbad der Gefühle steigen lässt. "Das ist eine so wunderbare Musik – und unfassbar der Moment, als Niobe vor Schmerz zu Stein erstarrt", schwärmt der Sänger. "Der Schmerz ihres Gatten über diese unaufhaltsame Verwandlung ist für mich ein ganz großer Augenblick der Opernliteratur."

Die kommenden Wochen widmet er, wie das so üblich ist, Konzerten mit dem Programm seiner jüngsten Platte. Green ist Jarousskys bislang erstaunlichstes und umfassendstes Projekt. Denn Paul Verlaine war einer der bizarrsten Dichter der Literaturgeschichte; gleich mehrfach versuchte er seine Mutter zu erwürgen und seinen Kollegen und Freund Arthur Rimbaud zu erschießen; fortwährend kam er mit dem Betäubungsmittelgesetz in Konflikt und saß mehrmals im Gefängnis. "Dem würde ich heute, sosehr ich ihn verehre, am liebsten nur mit Leibwächtern und Personenschutz begegnen", lacht Jaroussky. Als Dichter aber war Verlaine ein Engel, der in Clair de lune wie auf Zehenspitzen den Mond besang, in die Wonnen und Höllen der Mythologie hinabstieg, den Masken der Commedia dell’Arte begegnete – und vor allem das liebende und zagende Herz als Born aller Freuden und Schmerzen ausmalte. Der Lyriker Verlaine war die Referenzgröße des französischen Symbolismus. "Für mich als Sänger, der am liebsten auf Französisch singt", beteuert Jaroussky, "ist die Sprache Verlaines wie Muttermilch."

Von dieser exotisch-anspielungsreichen Welt der Poesie fühlten sich viele Giganten jener Zeit aufgerufen: Claude Debussy und Gabriel Fauré, Reynaldo Hahn und Charles Koechlin, Emmanuel Chabrier und Florent Schmitt, Camille Saint Saëns, Arthur Honegger und Edgard Varèse. Dass diese Tour d’Horizon für Jaroussky ("Ich bin auch bei YouTube auf Spurensuche nach Verlaine-Liedern gegangen") eine erfüllende Schnitzeljagd gewesen sein muss, zeigt die Auswahl. Sogar Georges Brassens und Charles Trenet, beide angeblich Meister im leichteren Fach, haben sich von Verlaine zu größtem Kunstsinn angespornt gefühlt. Und wenn Jaroussky das singt, wenn er die Synkopen tanzen lässt, verschwimmen die Grenzen zwischen Chanson und Kunstlied endgültig. Und wenn er die Töne so anschleift, wie ein Geiger mit der linken Hand übers Griffbrett rutscht, dann ist das stilistisch perfekt.

Jaroussky fallen solche Manöver leicht: "Im Herzen bin ich immer Geiger geblieben." Die Violine war sein erstes Instrument, und Geiger sind – neben dem großartig distinguierten Pianisten Jérôme Ducros – auch beim Green-Projekt mit von der Partie: keine Geringeren als die des Quatuor Ebène. Dessen Stehgeiger improvisiert in Trenets Chanson d’automne so herzzerreißend lauschig, dass der Hörer das Gefühl hat, er steige zu diesen Klängen gerade aus der Metro-Station Pigalle ans Licht der Welt. Und manchmal klingt das Streichquartett wie ein einsames Akkordeon, dessen Klänge von der Seine herüberwehen.

Unfassbar, wie wandlungsfähig Jaroussky diese Verlaine-Welt durchmisst. Sie kommt ihm entgegen, weil die Lieder in Umfang und bevorzugter Lage für einen Countertenor ideal erreichbar sind. Einzelne hymnisch abgeschossene Spitzentöne, bis hinauf aufs hohe G sind Ausreißer in dieser Welt der gepflegten Mittellage. "Für die Stimme ist das wesentlich entspannender als die Hochseilartistik so mancher barocker Arie." Dafür kann der Franzose hier seine musikalische Gestaltungskompetenz zeigen: Florent Schmitts Il pleure dans mon cœur verlangt nach Süße in der Stimme, in Koechlins Lied auf den gleichen Text hängt der Himmel voller impressionistischer Akkorde, und der Sänger wird mit dem Pianisten zum Wolkenschieber. Ganz aus sich heraus geht er in der schmeichelnden Melodik eines Léo Ferré oder den Aquarellen der immer noch zu entdeckenden Komponistin Podowski, die im bürgerlichen Leben Régine Wieniawski hieß und die Tochter des großen Geigers Henry Wieniawski war.

Auch Green wird bei Jaroussky bald Grünspan ansetzen (das Wortspiel sei erlaubt), denn den Meister drängt es weiter: "Unbedingt muss ich mich mit Bach beschäftigen." Davor graut ihm ein bisschen: "Deutsch ist eine Sprache, die man sehr gut beherrschen sollte, damit der Sänger nicht als Fremdkörper empfunden wird." Wie man hört, sind seine Übungen erfolgreich verlaufen. Auch Telemann steht zur Debatte. Und am Ende der langen Zimmerflucht wartet eine weitere Tür: Sie führt ins Dirigentenzimmer. Schon jetzt leitet Jaroussky für ausgewählte Projekte ein kleines Kammerorchester namens Ensemble Artaserse. Der kluge Mann sorgt vor: "Countertenor bleibe ich nicht bis zum Eintritt ins Rentenalter."