Andreas Rötzer, Chef des Verlags Matthes & Seitz, hat sein Studium mit der Arbeit in einem Antiquariat finanziert. Ihm war die Einordnung der Neuzugänge anvertraut, und diese Aufgabe faszinierte ihn so, dass er seine Doktorarbeit über die Taxonomie der Wissenschaften schrieb. Auch jetzt reizen ihn besonders Titel, die zwischen die Klassifikationen fallen, wie das neue Buch von Franco Berardi, das sich um Poesie und Finanzwissenschaft dreht. Bei einem Abendessen in den Verlagsräumen am Prenzlauer Berg konnte man den jungenhaft ergrauten Philosophen in Aktion erleben. Berardi plauderte über Buddhismus und Felix Guattari, den er oft besucht hatte und als westlichen Guru schilderte: "Er war sehr berührungsaffin. Sein Problem war die Identität. In der psychiatrischen Behandlung ging es ihm darum, fixe Vorstellungen abzubauen, um die verschütteten Möglichkeiten freizulegen."

Verstärkt wurde die romanische Intelligenzija an diesem Abend von Guillaume Paoli und Matteo Pasquinelli, die sich als "Expats" im Berliner Exil vorstellten. Wie Berardi sind sie nicht in der Heimat tätig, sondern bereisen die Welt für limitierte Engagements. Dass die italienische Universität überhaupt noch existiere, hielt Berardi nach den drastischen Kürzungen schon für eine gewagte Behauptung. Er publiziere nur in Amerika, klagte er und schwärmte von den Bedingungen dort: "Von der politischen Autonomie eines kalifornischen Professors kann ein Italiener nur träumen." Wie Paoli und Pasquinelli wird er vor allem von Kunstinstitutionen gefördert und hat in San Diego sogar Kreatives Schreiben gelehrt. Dass italienische Marxisten sich an amerikanischen Privathochschulen am wohlsten fühlen, ist nicht allzu überraschend, wenn man bedenkt, wie sehr diese sich am Gönnertum in Italiens Stadtstaaten zur Zeit der Renaissance orientieren. Berardi wies darauf hin, dass seine Alma Mater Bologna die erste europäische Universität und schon im Mittelalter ein Knotenpunkt für arabische und nordeuropäische Gelehrte war. Weniger geneigt ist er dem Barock: eine Vorform der Postmoderne, wobei Berlusconis Fernsehen die Trompe-l’Œil-Malerei ersetze. Pasquinelli und der Franzose Paoli diskutierten derweil die Unübersetzbarkeit deutscher Worte wie "Leib" und "Seele": "In Frankreich hat man entweder einen Geist oder eine Seele, beides zusammen ist undenkbar." Doch die Transparenz des Pariser Esprits steht nicht hoch im Kurs. Da lobte man lieber Lichtenbergs Einsicht in die Undurchsichtigkeit menschlicher Motive oder Malapartes Maxime, dass Widersprüchlichkeit interessanter als Klarheit sei.

Während Paoli durch seine Initiative der "Glücklichen Arbeitslosen" zu einer Berliner Größe wurde, hat der Neurowissenschaftler Pasquinelli an der Akademie der Künste ein Symposium über den "Metabolismus des sozialen Hirns" organisiert. Finanzwirtschaft und Netzoligarchie sind die gemeinsamen Antagonisten. Doch viel weiter reicht die Orthodoxie des Klassenkampfes nicht mehr. Fröhliche Einigkeit herrschte hinsichtlich der Absurdität des ganzen Systems. "Aber es sind nicht die Philosophen, die die Wirklichkeit zerstört haben", ruft Paoli einmal, "die Realität selbst hat die Wirklichkeit zerstört!" In seiner Eloge der Demotivation erfährt man von einer entsprechenden Baisse des Begehrens durch Warenüberflutung. Die Zone der postmodernen Ideenfusionen verließ das Gespräch erst, als Paoli beiläufig von seiner Heimat Korsika erzählte. Sie sei wichtig für ihn, aber nicht als das Andere der Zivilisation, sondern weil die Natur beseelt sei, die Steine, die Pflanzen. Doch dazu fiel niemandem etwas ein.

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