Man muss die Zahlen ein wenig auf sich wirken lassen. Ida, der allerorts gefeierte, gerade mit dem Auslands-Oscar prämierte Film von Paweł Pawlikowski, wurde sowohl in Frankreich als auch in Amerika von jeweils mehr als einer halben Million Menschen gesehen. Im Kokowääh- und Zweiohrküken-verwöhnten Kino-Deutschland aber fand er nicht einmal 20.000 Besucher – das sind weniger Leute, als für gewöhnlich bei einer Pegida-Demo herummarschieren. Der mit dem Silbernen Bären ausgezeichnete Film Body von Małgorzata Szumowska fand in Deutschland bislang gar keinen Verleih. Das ist dann doch ein bisschen schade, denn man bekommt hierzulande nicht so recht mit, dass die derzeit aufregendsten Filme Europas aus Polen kommen.

Was erst einmal gar nicht verwundern muss. Das polnische Kino galt bereits in den frühen sechziger Jahren westlichen Produktionen als ebenbürtig, wenngleich hier und da etwas stärker improvisiert werden musste. 1961 wurde Roman Polańskis Film Das Messer im Wasser, der bis heute zu den wichtigsten Referenzen polnischer Filmemacher gilt, gedreht – und zwar mit erheblichen Schwierigkeiten: Die Hauptdarstellerin hatte Heißhungerattacken und nahm während der Dreharbeiten in Masuren ziemlich zu. Der Regisseur hatte während des Drehs einen Autounfall und verbrachte drei Wochen im Krankenhaus. Zu allem Unglück kam ein Reporter zum Set und klagte in seiner Zeitschrift das ausschweifende Leben der Filmcrew an, was bei den Parteifunktionären nicht so gut ankam. Als der Film abgedreht war, erwies sich die Tonspur als unbrauchbar, man musste ihn synchronisieren. Doch der in Schwarz-Weiß gedrehte Spielfilm wurde für den Oscar nominiert, es war der größte internationale Erfolg des polnischen Kinos zu sozialistischen Zeiten, und er machte Polański weltbekannt.

Der Plot ist denkbar schlicht: Ein wohlhabendes Ehepaar nimmt einen jungen Vagabundierer mit auf eine eintägige Segeltour, und es entspinnt sich das erwartbare Gerangel um die Frau, symbolisiert durch ein Messer, mit dem die Männer herumspielen. Das Schiff gleitet unter den sanften Jazzklängen von Krzysztof Komeda selbstvergessen dahin, und für einen Moment vergisst man die Klaustrophobie und das angestaute Begehren in Polańskis Klassiker, der weltweit als kleine Sensation galt. Offenbar war es im Ostblock möglich, einen völlig unsozialistischen Film zu drehen, der den Symbolismus von Ingmar Bergman aufgreift, diesen aber mit Psychologie unterlegt, einen Film, der ironisch mit Nouvelle-Vague-Motiven spielt, der überhaupt den Akzent mehr auf die Form als auf eine politische Botschaft legt und damit in Konkurrenz zu westlichen Autorenfilmen treten konnte.

Die Kommunisten betrieben in Polen bekanntlich eine vergleichsweise liberale Kulturpolitik. Die Funktionäre mischten sich im Entstehungsprozess eines Filmes in der Regel nicht ein, erst nach den Dreharbeiten musste mit der Zensurbehörde verhandelt werden. Das Messer im Wasser wurde vom Parteichef Władysław Gomułka zwar verabscheut, aber in die Kinos kam er dennoch (in der DDR natürlich erst Jahre später). Die Zurückhaltung der Partei war die Voraussetzung dafür, dass das polnische Kino mit Polański, Krzysztof Kieślowski, Andrzej Wajda international reüssierte. Fast alle polnischen Regisseure besuchten die Filmhochschule in Łódź, die noch heute als herausragend gilt.

Ida spielt nicht zufällig im Jahr 1962, dem Jahr, in dem Das Messer im Wasser in die Kinos kam. Auch er ist in Schwarz-Weiß gedreht, zudem im ungewohnten, hohen Normalformat, das früher üblich war. Er handelt von einer junge Nonne, die zu ihrer Tante, der einzigen Verwandten geschickt wird, bevor sie ihr Gelübde ablegen darf. Die Tante, eine schon leicht verlebte Richterin mit stalinistischer Vergangenheit, konsumiert eifrig Alkohol, Zigaretten und Männer, offenbart ihrer Nichte deren jüdische Herkunft, und auf einer Autoreise durch die Weiten des Landes, die auch eine Fahrt in die albtraumhafte Vergangenheit der Nazis und Kollaborateure ist, landet man in einem Provinzhotel. Eine Band spielt Coltranes Naima (ganz analog zu den Jazzklängen Komedas bei Polański), die sozialistische Miefigkeit ist aufgebrochen, die westliche Dekadenz, die Versuchung sind allgegenwärtig, und auch hier droht eine Dreierkonstellation den fragilen Frieden zu stören. Man bekommt eine Ahnung davon, wie untüchtig Polen im Aufbau des Sozialismus war und dass Freiheit und Sünde an so vielen Ecken lauerten.

Und wie bei Polański besticht der Film durch eine Flut an Filmbildern, die große Gemälde sind: sich in die Tiefe hinabschwingende Treppengeländer, Tapetenmuster, an denen man haften bleibt, Ornamente von Fenstergittern, vor denen sich die Liebenden annähern. Und wie im Messer im Wasser wurde mit hoher Tiefenschärfe gedreht, selten verschwimmt etwas im Hintergrund, was den Szenen etwas leicht Surreales und Abstraktes verleiht.