Am 9. Mai dieses Jahres werden russische Panzer rollen und russische Soldaten marschieren. Und zwar in Moskau, wo Wladimir Putin den 70. Jahrestag des Sieges über Deutschland, die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus und das Ende des Zweiten Weltkriegs feiern wird. Von heute aus gesehen, ist jedoch ungewiss, ob russische Panzer und Soldaten nicht zur selben Zeit auch in der Ostukraine sein werden, vielleicht sogar kämpfend.

Diese Aussicht hat die Bundeskanzlerin vor eine diplomatisch äußerst heikle Frage gestellt. Im Sommer 2014 traf bei ihr die Einladung des russischen Präsidenten zur Teilnahme an der Militärparade ein, die sie zunächst einmal unbeantwortet ließ, dies aus einem klaren Grund: Für sie, die den Westen in der Ukraine-Krise gegen Russland anführt, wäre es nur schwer vorstellbar, an einer Feier mit russischem Militär teilzunehmen, das womöglich kurz darauf durch seinen Einsatz in der Ostukraine den europäischen Frieden gefährden würde.

Auf der anderen Seite legt Angela Merkel, so ist aus dem Kanzleramt zu hören, großen Wert darauf, Russland nicht aus dem gemeinsamen europäischen Gedenken auszuschließen, obwohl oder gerade weil man sich mit dem Land derzeit in einem geopolitischen Konflikt erster Ordnung befindet. Darum hatte sich die Kanzlerin auch für die Teilnahme des russischen Präsidenten an den Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkriegs eingesetzt, die im letzten Juni in Verdun stattfanden.

Zudem hatte sie vor fünf Jahren den 9. Mai gemeinsam mit dem russischen Präsidenten in Moskau begangen. Eine Nicht-Teilnahme würde folglich als Bruch einer Tradition und als offener Eklat wahrgenommen werden. Wobei "Eklat" wohl noch ein zu schwaches Wort ist. Die Einigkeit darüber, dass die russische Armee einst dazu beigetragen hat, Europa und auch Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien, das geteilte Wissen um die Millionen gefallenen Soldaten und um die deutsche Schuld daran, ist die tiefste Grundlage aller deutsch-russischen Beziehungen. Eine schlichte Absage würde an diesen Grundfesten symbolhaft rütteln, in Russland Aversionen vertiefen und in Deutschland gewiss zu heftigen Debatten, wahrscheinlich sogar innerhalb der Bundesregierung führen.

Was also tun? Affront gegen die Russen oder gegen die Ukraine und gegen das eigene Engagement in dieser Sache? Ende Februar, Anfang März hat die Bundeskanzlerin laut Angaben aus ihrem Umfeld dann entschieden, dass es ihr "unmöglich ist, am 9. Mai an einer Militärparade auf dem Roten Platz teilzunehmen". Zugleich suchte man nach Kompromisslösungen. Die Idee war, um den Gedenktag herum nach Moskau zu reisen, um mit Wladimir Putin zum Grabmal für den unbekannten Soldaten an der Kremlmauer zu gehen, wo beide "in Würde und gemeinsam" des Zweiten Weltkriegs gedenken würden. Diesen Vorschlag hat die Kanzlerin in der letzten Woche telefonisch dem russischen Präsidenten übermittelt, und Putin hat akzeptiert. Als Termin wurde der 10. Mai verabredet. Offenbar will auch Putin nicht an den Fundamenten der deutsch-russischen Beziehungen rühren. Die Vergangenheit verbindet beide Länder zurzeit offenbar mehr als die Gegenwart.