Sprechen Sie den Fall XY an?" – das ist eine der am häufigsten gestellten Journalisten-Fragen an deutsche Politiker, wenn sie in Diktaturen unterwegs sind. Gemeint sind besonders schwere oder prominente Verletzungen von Menschenrechten, und meist wird geargwöhnt, dass die Kanzler oder Minister sich nicht wirklich für die Opfer jener Regimes einsetzen, mit denen sie zugleich ja noch wirtschaftlich oder politisch ins Geschäft kommen wollen.

Sigmar Gabriel war diese Erwartung natürlich bewusst, als er nach Saudi-Arabien aufbrach, wo seit Monaten der zu 1.000 Stockhieben verurteilte Blogger Raif Badawi im Knast sitzt. Dass er dieses Thema ansprechen wollte, stand für Gabriel eigentlich fest, zumal er sich schon vor dem Abflug in Deutschland mit menschenrechtsengagierten Demonstranten hatte filmen lassen. Und diese Aufnahmen waren schneller in Riad als der Wirtschaftsminister.

Ansprechen also: Ja. Nur: Wie? Das Mindeste, was man bei solchen Gelegenheiten tun kann, wäre, einen Brief zu übergeben, aber das würde alle Erwartungen, auch Gabriels eigene an sich selbst, drastisch unterschreiten.

Aber was dann? Es könnte schließlich auch sein, dass eine zu offene Ansprache das Gegenteil dessen bewirkt, was man beabsichtigt. Und so stellt sich der kompromisstrainierte und in Fragen der Ehre und des Stolzes ironisch bis unempfindlich gewordene Vizekanzler die Frage, was denn für die Saudis im Falle Badawi eine "gesichtswahrende Lösung" sein könnte. Tja, wenn man da bloß mehr über die Geheimnisse saudi-arabischer Gesichtswahrungskünste wüsste. Deutsche kennen sich auf dem Feld der Ehre einfach nicht mehr so gut aus. Also versucht es Gabriel erst mal mit dem Offensichtlichsten: Wenn der Eindruck entstünde, dass der neue saudische König äußerem Druck nachzugeben schiene, sollte er Badawi begnadigen, dann wäre das wahrscheinlich schlecht. Soll man also keinen äußeren Druck ausüben? Aber warum sollte Salman ibn Abdel Asis al-Saud sich dann bewegen? Und schon endet die Spekulation, kaum dass sie begonnen hat, im Dilemma.

Ein Politiker wäre kein Politiker und Gabriel nicht Gabriel, wenn er sich durch ein dahergelaufenes Dilemma vom Handeln abhalten ließe. Folglich betritt er den "Diwan" genannten Palast des Königs guten Mutes, tauscht mit dem alten, aber sehr wachen Mann ein paar Höflichkeiten aus und fällt dann sogleich mit dem Thema Badawi ins Haus, respektive in den Palast. Gabriel verhält sich also nicht so, wie es ein König vielleicht erwarten würde, sondern so, wie Gabriel eben ist. Und was geschieht? Der Vizekanzler ist auf vieles gefasst, hat er doch von der Kanzlerin erfahren, dass ihre Telefonate in derselben Angelegenheit mit gesammeltem Schweigen beantwortet wurden. Der König aber schwieg Gabriel nicht an, sondern sagte, die Justiz sei in seinem Land eben unabhängig. Jetzt bloß nicht lachen oder fragen, ob der Richter per Zufall mit dem König verwandt sei.

Dazu also lieber nichts. Was ein König im Allgemeinen aber kann, das ist: begnadigen. Gesichtswahrend. Darum bittet der Vizekanzler auch. Die Antwort ist unklar. Nun beginnt die kritischste Phase des "Ansprechens", Gabriel weiß nämlich nicht, wie lange man einen König mit dem Schicksal eines einzelnen Untertanen traktieren kann, bevor der das als Beleidigung empfindet, das Gespräch beendet oder einfach aufsteht und geht. Gabriel ist ein jovialer Typ, und er schafft es, immerhin ein Drittel seiner Gesprächszeit mit dem König auf den armen Blogger zu verwenden. Dreißig Minuten des Ansprechens, aber was hat es gebracht? Ließ sich an der Reaktion von Salman irgendetwas ablesen? Nein, eigentlich nicht.

Das wiederum ist kein Wunder. Diktaturen neigen zur Intransparenz, zum Opaken und mitunter Okkulten, das ist Teil ihrer Herrschaftstechnologie. Das ist in Riad nicht anders als in Peking, und die Kremlogie, das Rumrätseln an den Moskauer Machtbewegungen, ist sogar sprichwörtlich geworden, unabhängig davon, welche Farbe die Diktatur in Russland gerade angenommen hat.

Diese Undurchschaubarkeit schließt im Übrigen die Frage ein, ob das "Ansprechen" von Menschenrechtsfragen sich schädlich aufs Geschäft auswirkt. Da gibt es immer ganz schlaue oder ängstliche Unternehmer, die in Delegationen raunen, diese oder jene Regierungsäußerung habe ihnen einen Auftrag vermasselt. Doch wissen tun sie das in aller Regel auch nicht genau, es hat ihnen nur wiederum jemand zugeraunt, von dem sie glauben, er spiele eine wichtige Rolle in Riad oder wo auch immer.

Was folgt aus alledem, was ergibt sich aus der ersten menschenrechtlich zugespitzten Reise eines deutschen Politikers in die saudische Diktatur? Gabriel würde das so nicht sagen, faktisch jedoch folgte er einem Prinzip: Opportunismus hätte allenfalls dann Sinn, wenn man die Opportunitäten genau kennt. Kennt man sie nicht, so bleibt nur, den eigenen menschlichen Instinkten zu folgen und sein eigenes demokratisches Gesicht zu wahren.