Um zu erfahren, welche Glücksgefühle die Schweizer Notenbank mit ihrer Geldpolitik manchen Menschen beschert, ruft man am besten Mandy Klein an. Wenn die Unternehmerin auf die Postpakete blickt, die sich in ihrem kleinen Geschäft in Konstanz stapeln, kommt Freude in ihr auf. An der Höhe des Haufens kann sie den Wert des Franken ablesen. Seit die Schweizer Notenbank die Schweizer Währung Mitte Januar vom Euro entkoppelt hat, ist Kleins Geschäft vollgestellt mit Kartons. Die Ladenbesitzerin hat alle Hände voll zu tun und muss jetzt auflegen: Die Abholer aus der Schweiz stehen Schlange.

Rund 250 Boxen liefern die Paketdienste derzeit jeden Tag zu Klein. Darin enthalten sind Kleider, Fernseher oder Autoteile, manchmal Katzen und Skorpione, öfters auch Sexspielzeug. Ganze Gartenhäuser wurden schon vor Kleins Geschäft abgeladen. Bestellt werden die Waren von Schweizern, die Deutschland als Shoppingparadies entdeckt haben und Kleins Laden als Lieferadresse nutzen.

Das Zwischenlager im grenznahen Konstanz spart den Eidgenossen viel Geld: Denn ab einem Warenwert von 62,50 Franken (rund 58 Euro) verrechnet ihnen die Schweizer Post eine Zollgebühr von mindestens 11,50 Franken (rund 11 Euro) plus drei Prozent des Warenwertes – exklusive Mehrwertsteuer. Diese Gebühr entfällt, wenn sich die Schweizer Kunden die Ware in Kleins Laden liefern lassen. Und das tun immer mehr Eidgenossen, denn Onlineshopping im eigenen Land ist vielen zu teuer geworden: Die Preise in heimischen Onlinegeschäften liegen bei Textilien – etwa bei Anzügen – bis zu fünfzig Prozent über jenen in Deutschland. Lieferungen aus der Bundesrepublik in die Schweiz lehnen viele deutsche Händler ab.

Klein verdient an jedem Paket mit: Für fünf Euro lagert sie das Paket zwei Wochen in ihrem Laden zwischen. Abholen und verzollen müssen die Besteller ihre Pakete dann selbst. Das ist für beide Seiten lukrativ – und hat die frühere Sekretärin Klein zur Unternehmerin gemacht. Sie hat gerade den fünften Mitarbeiter für ihren Lagerservice eingestellt.

"Sumpfblüte der Frankenstärke" hat das Handelsblatt Kleins Unternehmen im Sommer 2011 genannt, nachdem die Schweizer Währung monatelang aufgewertet hatte, bis die Nationalbank die Reißleine zog und im September 2011 ankündigte, Devisen zu kaufen, damit der Franken nicht teurer wird als 1,20 Euro. Dieses Ziel gab sie zu Jahresbeginn auf. Seither erblüht an der Deutsch-schweizerischen Grenze Kleins Branche wieder. Findige Deutsche wie sie haben die Onlineshopper aus dem Alpenland als Einkommensquelle ausgemacht. Einzige Voraussetzung, um im Markt der Paketannahme mitzumischen, ist eine deutsche Adresse in Grenznähe.

Wie viele Deutsche ihre Adresse für shoppende Schweizer zur Verfügung stellen, ist nicht bekannt. Die Fachhochschule Nordwestschweiz hat berechnet, dass die Schweizer allein 2013 Waren im Wert von rund 187 Millionen Euro zu grenznahen Abholstationen bestellt haben: Bei professionellen Anbietern wie Klein oder auch bei Tankstellen und Blumenläden, die den Lagerservice zum zweiten Standbein gemacht haben. Auch Rentner setzen auf den Markt der Paketannahme, um ihr Einkommen aufzubessern.

Einer von Kleins früheren Kunden hat das Geschäft mit den Grenz-Shoppern noch weiter optimiert: Jan Bomholt, inzwischen selbst ein verlässlicher Seismograf für die Kursbewegungen des Schweizer Franken. Bomholt ist Geschäftsführer von MeinEinkauf, einem Lieferservice für Schweizer, die in deutschen Onlinegeschäften einkaufen. "Nach der Entkoppelung des Franken haben sich die Bestellungen über Nacht verdreifacht", sagt Bomholt.

Früher holte er seine Pakete selbst bei Klein ab. Dann entdeckte der frühere Internet-Investor eine Marktlücke beim Geschäft an der Grenze. "Zu Mandy Klein können die Schweizer ihre Ware schicken lassen, aber abholen müssen sie die selber." Der promovierte Betriebswirt hingegen stieg 2011 selbst ins Grenzgeschäft ein. Auf der Website seines Shops heißt es: "Nach Herzenslust aus der Schweiz heraus in '.de'-Shops einkaufen. Den gleichen Endpreis wie Deutsche Kunden zahlen."

Damit das funktioniert, bringt Bomholt die Waren ganz legal durch den Zoll. Eine Aufgabe, die ohne vollautomatisierte Technik nicht zu bewältigen wäre. "Wir sind eigentlich ein IT-Unternehmen", sagt Bomholt. 15 Angestellte beschäftigt er. Sie packen die Internetbestellungen der Schweizer auf deutschem Boden aus, kategorisieren die Ware und packen sie wieder ein. Die entsprechende Zollerklärung spuckt der Computer automatisch aus. Dann lässt Bomholt die Waren den Schweizern nach Hause liefern. Dafür verlangt er rund 15 Franken – Porto und Zoll inklusive. So shoppen die Schweizer zwar doch nicht zum gleichen Endpreis wie die Deutschen, aber häufig lohnt sich der Umweg über Bomholt.

Der 41-Jährige ist eine Branchengröße im Sumpfgebiet, doch auch er scheitert an den Waren mancher Besteller. "Die Echthaar-Sendungen von sibirischen Mädchen sind kein Problem, die haben wir öfters", sagt Bomholt. "Aber Fingernägel von Popstars liefern wir nicht mehr. Dafür gibt es einfach keine passende Zollerklärung."