Woran macht man so ein Bandjubiläum eigentlich fest? Am ersten Album, an der ersten Jam-Session? An dem historischen Moment, in dem Klaus Meine und Rudolf Schenker sich in die Augen schauten und sagten: Hey, wir kommen aus Hannover, geile Typen sind wir trotzdem? Für Letzteres spricht die Konstanz, mit der dieses zentrale und alles in allem formschöne Männerpaar sein Ding durchgezogen hat. Bandmitglieder kamen und gingen, die Welt taumelte von Krise zu Krise, Meine jedoch turnt noch immer in Lederstrumpfhosen am Mikro herum, während Schenker seine Flying V traktiert. Dass sie ihr Jubiläumsalbum Return to Forever genannt haben, wäre da nicht nötig gewesen. 50 Jahre Scorpions allein beweisen: Originalität wird überschätzt, in der Beharrlichkeit liegt die wahre Kraft.

Meine, Schenker und Co. sind nicht nur das, was man Urgesteine nennt, sie führen ihren Hardrockbetrieb nach Kriterien eines mittelständischen Unternehmens: kein modischer Schnickschnack, nur patentierte, im Einsatz erprobte Ware. Exportweltmeister sind sie sowieso. Kraftwerk bespielen die Neue Nationalgalerie? Pah, die Scorpions sind big in Japan. Rammstein lassen das befreundete Ausland ergruseln? Den Scorpions liegt halb Moskau zu Füßen. Und was Udo anbelangt, den alten Lindenberg: Sein Mauerfallmusical mag Touristen an den Potsdamer Platz locken, was aber ist das gegen die Millionen, die das Intro von Wind of Change mitpfeifen? Okay, in der Hauptstadt werden sie nicht geliebt. Berlin, diese Stadt, die ewig wird und nie ist, hat sich das Metropolenmäntelchen umgeworfen und tanzt zu Marschierpulvertechno, die Scorpions gelten dort als Männer, deren in Schweiß gebadetes Metalmuckertum irgendwann in den Siebzigern stecken geblieben ist. Meine und Schenker freilich kann auch das nicht erschüttern. Zum einen gilt der Prophet im eigenen Land selten viel, zum Zweiten und viel Wichtigeren: Solange Berlin von altwestdeutschem Elterngeld alimentiert wird, ist die ewige Projektemacherei eine Blase mehr, die früher oder später nur platzen kann. Wenn es so weit ist, wird die Generation Kreativbetriebswirtschaft noch mal froh sein um ihre Doppelhaushälften im Niedersächsischen!

Nein, egal, was der aktuelle Trend gerade gebietet, 2015 wird das Jahr der Scorpions. Gerade sind sie auf Platz 2 der Albumcharts geschossen, ab Sommer wird dann die Welt gerockt, die Trucks für die Tour sind bereits gemietet. Sollte aber doch einmal ein Blatt Papier zwischen Meine und Schenker passen, bedeutet selbst so etwas heutzutage noch lange nicht das Ende. Erst unlängst haben Led Zeppelin (zu drei Vierteln), Pink Floyd (virtuell) und Queen sich reuniert, in diesem Jahr sollen Fleetwood Mac und die Kinks folgen. Die Nachfrage nach wahren Werten floriert. Wenn uns nicht alles täuscht, sind Wiedervereinigungen sogar der neue Rock ’n’ Roll.