DIE ZEIT: Wie haben Sie es geschafft, so viele Fremdsprachen zu lernen? Die meisten Menschen scheitern ja schon an einer.

Judith Meyer: Ich interessiere mich schon seit meinem zwölften Lebensjahr für Sprachen. Dabei war meine erste Erfahrung mit einer Fremdsprache gar nicht gut. Im ersten Jahr Englisch an der Schule war ich ziemlich schlecht. Es wurde dann aber schnell besser, und inzwischen habe ich, glaube ich, sehr effiziente Methoden entwickelt, um Sprachen zu lernen. Ich gehe zum Beispiel selten in Sprachkurse.

ZEIT: Das ist interessant. Vor allem Unternehmen buchen oft teure Sprachkurse, wenn ihre Mitarbeiter eine neue Sprache lernen müssen, um zum Beispiel mit den chinesischen Geschäftspartnern verhandeln zu können. Meistens sind die Ergebnisse aber auch nach mehreren Jahren ziemlich überschaubar.

Meyer: Ja, das ist kein Wunder. Allein mit einem Kurs kann man keine Sprache lernen. Erst recht nicht, wenn der Kurs nur einmal in der Woche stattfindet. Pädagogische und neurologische Studien zeigen, dass Lernen nur durch kontinuierliche Wiederholung funktioniert. Etwas, das ich nur einmal in der Woche sehe, kommt nicht im Langzeitgedächtnis an. Bei vielen Kursen in Unternehmen ist zudem das Problem, dass sie immer am gleichen Tag stattfinden. So gewöhnt sich das Gehirn daran, dass immer dienstagmorgens in einem bestimmten Raum Spanisch gesprochen wird. Außerhalb dieses Kontextes lässt sich das Gelernte dann nur schwer abrufen. Sonntagnachmittags im Café Spanisch sprechen, geht dann nicht.

ZEIT: Wie lernen Sie denn?

Meyer: Vor allem im Selbststudium und indem ich mir klare Ziele setze. Ich sage nicht: Ich lerne jetzt Spanisch. Sondern: In drei Wochen möchte ich meinen spanischen Kollegen begrüßen und mit ihm über das Wetter reden können. Dann suche ich mir die dafür notwendigen Vokabeln, Sätze und Grammatikregeln heraus und übe die Aussprache. Wenn ich dann nach drei Wochen anfange, regelmäßig mit ihm kurze Gespräche auf Spanisch zu führen, ist das ein tolles Gefühl und eine unglaubliche Motivation, weiterzumachen. Dann suche ich mir das nächste Ziel, etwa: In drei Wochen möchte ich ihn fragen können, woran er gerade arbeitet, und erzählen können, woran ich arbeite.

ZEIT: Aber braucht man nicht erst mal eine Basis an Wortschatz und Grammatik, um sprechen zu können?

Meyer: Nicht unbedingt. Für kleine Konversationen, bei denen man am Ende vielleicht wieder auf Deutsch oder Englisch wechseln kann, reichen oft schon wenige Wörter und die Formen der Gegenwart. Man muss dafür nicht 20 Verben durchkonjugieren können. Grammatik lernen wird ohnehin oft überschätzt.

ZEIT: Wieso das?

Meyer: Wer nur die Grammatik perfekt beherrscht, kann immer noch nicht sprechen. Wer nur Vokabeln beherrscht, kann sich aber schon verständlich machen. Auf dieser Grundlage kann man dann die Grammatik nach Bedarf nachbessern. Ich lerne meistens nur einige Grundstrukturen und schaue dann zwischendurch immer mal wieder in einem Grammatikbuch nach, wenn ich irgendwo eine Formulierung gehört habe, die ich noch nicht kenne, oder ich schreibe etwas und lasse den Text dann von Muttersprachlern korrigieren.

ZEIT: Aber ums Vokabelpauken kommt man dann doch nicht herum, oder?

Meyer: Nicht ganz. Vokabeln sind tatsächlich sehr wichtig, das zeigen auch sprachwissenschaftliche Studien. Je größer der Wortschatz, desto besser spricht man im Durchschnitt eine Sprache. Man kann aber viele Vokabeln auch ohne Pauken lernen, indem man die Sprache jeden Tag anwendet und so vieles quasi nebenbei lernt. Außerdem hilft es, Ähnlichkeiten zwischen Sprachen auszunutzen. Wörter wie "Demokratie" oder "Taxi" sind in vielen Sprachen gleich – zum Beispiel auf Französisch, Indonesisch, Finnisch, Arabisch oder Suaheli.

ZEIT: Der schwierigste Schritt ist es oft, eine Sprache auch sprechen zu können, also schnell genug verstehen und selber formulieren zu können. Wie haben Sie das geschafft?

Meyer: Dafür muss man die Sprachen immer wieder anwenden. Mein wichtigstes Werkzeug ist deswegen das Internet. Dort gibt es alles, was man zum Sprachenlernen braucht – und zwar kostenlos. Um eine chinesische Zeitung zu lesen, hätte ich sie mir früher teuer per Post schicken lassen müssen. Heute kann ich sie am Computer lesen und dabei auch Wörter schnell in einem Online-Wörterbuch nachschlagen. Auch ausländische Kinofilme und Fernsehserien gibt es im Internet, oft sogar mit Untertiteln. So kann man Sprachen überall in sein Leben einbauen: mal einen Film auf Französisch schauen oder einen englischen Podcast im Auto hören. Ich schalte oft niederländisches Radio ein, wenn ich Geschirr spüle. Vor allem kann man im Internet für jede Sprache Muttersprachler finden und Tandems bilden. Das Internet ist ein Paradies zum Sprachenlernen. Jeder, der wirklich sprechen können will, sollte das nutzen.

Die Fragen stellte unser Autor Malte Buhse. Er ist nicht ganz so sprachbegabt wie Judith Meyer und führte das Gespräch mit ihr auf Deutsch. Sie übersetzte es für uns ohne Anspruch auf Perfektion: Fehler gehören zum Lernen dazu.

Die mehrsprachige Version des Interviews

DIE ZEIT: Comment avez-vous réussi à apprendre tant de langues? La plupart des gens échouent à apprendre même une seule.

Judith Meyer: Je m’intéresse aux langues depuis l’âge de douze ans. Pourtant, ma première expérience avec une langue étrangère n’a pas été bonne du tout. J’étais nulle pendant la première année d’anglais à l’école. Mais cela s’est amélioré très vite et je crois que, maintenant, j’ai développé des méthodes très efficaces pour apprendre les langues. Par contre, je n’assiste que très rarement à des cours.

ZEIT: 很有意思。当某公司的员工需要学习外语时,比如他们应该用汉语跟中国合作伙伴谈判,公司经常会为他们订很贵的语言课。但是几年后,学习效果一般很差。

Meyer: 这样的结果也不足为怪。因为如果只用语言课很难学好外语。特别是在一周只有一次课的情况下。教学研究和神经学的研究显示:语言需要一直不断的复习。如果仅 仅在每周上课时学习语言,那么第二周就会忘记,不能达到长期记忆的效果。还有另一个问题,就是很多公司的语言课每周在固定的时间进行,致使大脑就习惯在固 定的时间与地点说某种外语,而在其他场合就很难记得所学习的语言。例如,习惯周二早上在某教室说西班牙语,而星期天下午在咖啡馆就不能说。

ZEIT: Allora come studia?

Meyer: Soprattutto studio da sola e mi definisco obiettivi chiari. Non dico: adesso imparerò lo spagnolo. Ma: fra tre settimane vorrei essere in grado di salutare il mio collega spagnolo e di parlare del tempo con lui. Cercherò i vocaboli, le frasi e le regole grammaticali necessari per questo scopo e praticherò la pronuncia. Quando, dopo tre settimane, comincerò ad avere conversazioni regolari in spagnolo con lui, sarà una grande soddisfazione e una motivazione incredibile per continuare. Allora definirò il prossimo obiettivo, per esempio: fra tre settimane vorrei essere in grado di domandargli su che cosa sta lavorando e di raccontargli che cosa sto facendo io.

ZEIT: ¿Pero para hablar un idioma, no se necesita un fundamento de vocabulario y gramática?

Meyer: No necesariamente. Para conversaciones breves, en las que se puede pasar al alemán o al ingles cuando es necesario, basta con algunas palabras básicas y con las formas del presente. No se necesita ser capaz de conjugar 20 verbos en todas sus formas. Muchas veces se sobrestima la importancia del aprendizaje de la gramática.

ZEIT: Πώς κι έτσι;

Meyer: Αν κυριαρχείτε μόνο πάνω στη γραμματική, δεν μπορείτε ακόμα να μιλάτε. Αν κυριαρχείτε μόνο στις λέξεις, μπορείτε να τους κάνετε να σας καταλάβουν. Σε αυτή τη βάση μπορείτε να καλυτερέψετε την γραμματική όταν θα είναι απαραίτητο. Εγώ μαθαίνω κυρίως μόνον μερικές βασικές δομές της γλώσσας και έπειτα χρησιμοποιώ ένα βιβλίο γραμματικής όταν συναντήσω κάτι που δεν γνωρίζω. Ή γράφω κάτι και αφήσω μετά να διορθώσουν το κείμενο κάποιοι που έχουν αυτή τη γλώσσα ως μητρική τους.

ZEIT: Sed oni ne povas eviti parkeradadon de vortoj, ĉu?

Meyer: Ne ekzakte. La vortprovizo ja tre gravas, tion ankaŭ montras lingvistikaj esploroj. Ju pli vasta la vortprovizo, des pli bone oni parolas la lingvon, almenaŭ averaĝe. Sed oni povas lerni multajn vortojn sen parkerado, se oni ĉiutage uzas la lingvon. Tiel oni kvazaŭ senkonscie lernas multon. Cetere helpas utiligi la similecojn de lingvoj. Vortoj kiel "demokratio" aŭ "taksio" samas en multaj lingvoj – ekzemple en la franca, indonezia, finna, araba aŭ svahila.

ZEIT: De moeilijkste stap is vaak een taal ook zelf te kunnen praten, dus om het snel te kunnen begrijpen en zelf zinnen te formuleren. Hoe heb je het gedaan?

Meyer: Daarvoor moet men de talen steeds gebruiken. Mijn belangrijkste instrument is daarom het internet. Daar vindt men alles, wat men nodig heeft, om talen de leren – en het is gratis. Om een chineze krant te lezen, zou ik vroeger een krant duur per post moeten laten sturen. Vandaag kan ik ze op de computer lezen en ook woorden snel in een online-woordenboek opslaan. Er zijn ook buitenlandse films en televisieseries op internet, en vaak ook met ondertiteling. Zo kan men talen altijd en overal in het leven integreren: Soms een film in het Frans kijken of soms een Engelse podcast in de auto luisteren. Ik luister vaak naar de Nederlandse radio, wanneer ik de vaat doe. Maar man kan vooral online moedertaalsprekers voor iedere taal vinden en taaltandems maken. Het internet is een paradijs voor het talen leren. Iedereen, wie werkelijk wil kunnen praten, zou er gebruik van moeten maken.