Frau Müller darf jetzt doch bleiben. Zumindest in der echten Schule. Die Lehrerin und ihre Kollegen werden gebraucht. Das sagen laut einer aktuellen Studie ausgerechnet diejenigen, die im Kinostreifen Frau Müller muss weg, die Lehrerin aus dem Dienst mobben wollen: die Eltern.

Eltern gelten seit einiger Zeit als die Sorgenkinder der Schule: schwer erziehbar, mitunter hyperaktiv; meist nerven sie in Gruppen. Zwei Störungsbilder sind bekannt. Die einen Problemeltern bleiben der Schule permanent fern, denn Bildung ist ihnen egal. Die anderen schwirren morgens wie Kampfdrohnen mit ihrem Nachwuchs in den Klassenraum und nerven abends per E-Mail, weil sie finden, dass die Klassenarbeit nicht fair benotet wurde. Zum Showdown kommt es auf dem Elternabend, wo Anwaltpapas und Psychologenmuttis der Lehrerin vorwerfen, sie verbaue ihrem Nachwuchs mit schlechtem Unterricht den Weg zum Abitur. Und wenn die Lehrerin dann nicht spurt, heisst es: "Frau Müller muss weg."

Doch vielleicht ist der Film wirklich nur eine Komödie und keine verkappte Dokumentation, wie mancher Rezensent vermutete. Und vielleicht ist das ganze Gerede über die Kampfzone Schule eben doch nur – Gerede.

Die Mütter und Väter jedenfalls, die das Allensbach-Institut im Auftrag der Vodafone-Stiftung befragt hat, stehen den Lehrern ihrer Kinder in der Mehrzahl mit Wohlwollen gegenüber. Sie schätzen deren Expertenwissen und beurteilen das Verhältnis zu ihnen als recht entspannt. Vier von fünf Eltern sind zufrieden mit der Schule. Gehen die Kinder auf Grundschule oder Gymnasium, sind es sogar 90 Prozent. Von einem generellen Misstrauen zwischen Familien und Schule also keine Spur.

In der Bevölkerung mag die Meinung verbreitet sein, Lehrer seien Halbtagsjobber mit vollem Gehalt. Eltern teilen diese Meinung in der Regel nicht. Sie können sich nämlich recht gut vorstellen, welche Nerven es kostet, eine Klasse mit 30 pubertierenden Jugendlichen zu unterrichten – wenn man es zu Hause schon mit einem von ihnen nur schwer aushält.

An der jetzigen Untersuchung überrascht besonders, wie stark Eltern die Lehrer sogar in Erziehungsfragen für kompetent halten. Sie vertrauen der Schule in dem Punkt sogar eher als anderen Eltern und weit mehr als Büchern oder Internetplattformen. 70 Prozent der Eltern sagen, sie würden Beratungsangebote von Lehrkräften gern und mit Gewinn nutzen – und wünschen sich mehr davon.

Soll ich bei Hausaufgaben helfen? Welche weiterführende Schule ist die beste? Soll ein Zehnjähriger ein Smartphone haben? Unsicherheit und Zweifel sind Lebensbegleiter von Eltern. Jeder zweite meint, es sei "heute schwieriger, Kinder zu erziehen". Ob Eltern vor 40 Jahren anders empfunden haben? Schon im 18. Jahrhundert wurde beklagt, die "Lesesucht" mache die Erziehung schwieriger.

Genau betrachtet, scheint es sich bei der viel diskutierten Erziehungsnot auch heute eher um ein Randphänomen zu handeln, zumindest aus Elternsicht. Sieben Prozent von ihnen fühlen sich bei der Kindererziehung "häufig unsicher", die Hälfte behauptet: "Mein Kind macht mir keine Probleme." Dass ihr Kind den angestrebten Schulabschluss schaffen wird, glauben 83 Prozent, von den Gymnasialeltern sind es 90 Prozent.

Nun sollte man nicht glauben, jede Aussage werde im Alltag auch so umgesetzt. Manches Statement klingt, als hätten die Eltern vor dem Ausfüllen des Fragebogens noch schnell einen der einschlägigen Bestseller gelesen. Etwa wenn auf der Liste der Erziehungsziele als erstes ganz oben "Höflichkeit und gutes Benehmen" steht.

Würden die deutschen Eltern auch nur die Hälfte ihrer Vorsätze in die Tat umsetzen, könnten sie für das pädagogisch anscheinend schwer unterentwickelte Schweden (siehe Interview vorne) geradezu Nachhilfekurse anbieten.

Wobei das Fehlen einer allgemeinen Unzufriedenheit nicht heißt, es ließe sich nichts verbessern im Verhältnis zwischen Familien und Lehrern. Elternarbeit ist für viele Schulen immer noch ein eher ungeliebtes Nebenfach. Außer Elternabend und Elternsprechtag fällt ihnen wenig dazu ein. Dabei wird heute die überragende Rolle der Familie für den Bildungserfolg von niemandem mehr infrage gestellt. So wie Lehrer Co-Erzieher sind, müssen Eltern Co-Lehrer sein.

Mütter und Väter, die selbst nur einen schlechten Schulabschluss haben oder mit Armut und Arbeitslosigkeit kämpfen, tun sich schwer mit dieser Rolle. Auch das zeigt die Studie und verweist damit auf das eigentliche Potenzial der Elternarbeit – und auf die größten Widrigkeiten. Während unter den Eltern aus höheren Schichten nur wenige (19 Prozent) meinen, sie könnten ihre Kinder nicht ausreichend fördern, sind es bei den sozial Benachteiligten 49 Prozent. Sie bekunden auch sehr viel stärker eine Unsicherheit bei der Erziehung und wünschen mehr Orientierung von der Schule.

Sollen die Lehrer jetzt also nicht nur die Schüler erziehen, sondern auch noch deren Eltern? Fakt ist: Die Lehrer können gar nicht anders, als sich den Problemen zu stellen, die ihre Schüler jeden Tag in die Klasse tragen. Und wenn Erziehungsschulungen, Elterncafés oder auch Hausbesuche helfen, sollte man sie nutzen. Nur darf man die Lehrer dabei nicht allein lassen. Man sollte ihnen auch Zeit für Elternarbeit einräumen. Und ihnen Helfer zur Seite stellen.

So wie an finnischen Schulen: Dort kümmern sich Sozialarbeiter, Psychologen und Krankenschwestern um die Schüler, und wenn nötig um die Eltern. Und kanadische Schulen mit schwierigen Klientel bemühen sich mit einem "Parenting Center" Eltern an die Schule zu binden. Viele deutsche Eltern würden solche Angebote schätzen. Sie trauen der Schule anscheinend mehr zu als bislang geglaubt. Da geht noch etwas.