Zu den leiseren Höhepunkten in der Geschichte der Popmusik gehört der mehrstimmige männliche Harmoniegesang. Eingesetzt haben ihn in den sechziger Jahren Gruppen wie Crosby, Stills, Nash and Young oder die Beach Boys. Zuletzt spannten ihn Simon & Garfunkel vor ihre Folksongs – und errichteten damit sakrale Räume der Lieblichkeit und Perfektion, wenigstens für die Dauer eines Songs. 45 Jahre später versucht nun erstmals wieder ein Künstler, Luft und Licht in diese Hallen zu lassen. Er bleibt für die komplette Länge des Albums Carrie & Lowell. Er besorgt den mehrstimmigen Harmoniegesang ganz alleine. Und er hält das Niveau.

Nun ist von Sufjan Stevens allerhand zu erwarten. Er begann mit elektronischen Experimenten (Enjoy Your Rabbits), kündigte 2003 mit Michigan eine 50-teilige Reihe von Alben über jeden einzelnen Bundesstaat der USA an, die er 2005 mit Illinois wieder beendete. Er besang Außerirdische und Arbeitslose, schrieb Lieder über den Vesuv, die inoffizielle Hymne einer Stadtautobahn (The Brooklyn-Queens Expressway) und insgesamt 101 Weihnachtslieder. Zuletzt türmte er vor fünf Jahren auf The Age Of Adz Elemente der Neuen Musik auf elektronische Loops und setzte ostinate Klänge im Stil eines Philip Glass in Konkurrenz zu viertelstündigen E-Gitarren-Soli. Es war ein Grad an kreativer Komplexität und erratischer Extravaganz erreicht, der keine weitere Steigerung erlaubte.

Mit Carrie & Lowell gräbt er nun nach seinen Wurzeln. Inhaltlich, da das Album von seiner verstorbenen Mutter handelt. Und musikalisch, weil es eine Sammlung fragiler Folksongs ist. Hin und wieder setzen Alltagsgeräusche oder ein sphärisches Keyboard Akzente. Ansonsten bleibt Sufjan Stevens allein mit seinen akustischen Gitarren und seiner Stimme – die hier ganz nackt als Kern seiner Kunst sichtbar wird. Warm, weich und zerbrechlich atmet und seufzt sie sich durch Songs von pastoraler Schlichtheit. Mit einem zitternden Vibrato im Falsett und einer fundamentalen Melancholie, die dicht am Abgrund tänzelt: "Fuck me, I'm falling apart". Stevens schreibt wie ein verschatteter Simon. Und singt wie ein gebrochener Garfunkel.