Absolut höhensicher schwingt sich das SWR Vokalensemble auf die enigmatische Leiter in Giuseppe Verdis erstem Stück der Quattro pezzi sacri: C-Des-E-Fis-Gis-Ais-H-C und wieder retour. Sukzessive verwebt der Dirigent Marcus Creed Bass, Alt, Tenor und Sopran, auf märchenhaft dichte Weise. Einerseits meint man, die Muster der Musik klar auseinanderhören zu können, andererseits mischt sich der Klang, als wäre alles eins – eine endlos tiefe Fläche von rätselhafter Schönheit, herausragend gesungen.

Allerdings belässt es die Dramaturgie der Aufnahme nicht bei Verdi allein. Nummer Drei der Pezzi folgt Yliam von Giacinto Scelsi, ein raffiniert improvisiertes Sopransolo über sechsstimmigem A-Capella-Frauenchor von 1964. Verdis Flächen werden förmlich weiter aufgebrochen. Vier Jahre später schickt Scelsi eine Tenor-/Bass-Männerfraktion los, zeitgemäß versehen mit Schlagzeug und E-Gitarre. So wird aus den vormals minutiösen Madonnen-Miniaturen eine Art archaischer Marsch, kämpferisch rhythmisiert. Das hat – wie die ganze CD – etwas konzentriert Panoramahaftes: eine Werkschau im Kleinen, jenseits jeder konventionellen Zusammenstellung von italienischen Komponisten.

Italia folgt den Wegen von America und Russia, den vorangegangenen Einspielungen: Da wurde Leonard Bernstein gehuldigt, und es kamen Antipoden wie Feldman oder Cage mit auf den Sockel. Umgedreht traf Tschaikowsky auf Schnittke und Gubaidulina – und am Ende hatten und haben sie alle praktisch mehr miteinander zu tun, als man sich theoretisch träumen lassen will. So ist bei Ildebrando Pizzetti reichlich Vergangenheit und urtümliche Gregorianik zu vernehmen. Gleichwohl mündet die Musik in eine dissonante Stille – die später von Luigi Nono weiter ausgeforscht wird. Aparterweise kommt dessen Sarà dolce tacere auf der CD vor Pizzetti, was bewusstseinserhellend ist: Wer greift hier aufs Erbe zurück und wer der Zukunft voraus? Neben dem unbedingten Willen zur Schönheit, der diese Interpretationen auszeichnet, hören Marcus Creed und das SWR-Vokalensemble nie auf, solche Fragen zu stellen. Und nach 71 Minuten und 54 Sekunden ist man um Einiges klüger. Danke.

Italia (Hänssler Classic)