Als Teju Coles Roman Open City 2011 in den USA erschien, übertraf sich die Kritik in ihren Lobeshymnen auf den 1975 geborenen Autor. Salman Rushdie erklärte ihn zu einer der größten Begabungen seiner Generation. Open City ist ein Flaneur-Roman: Julius, ein junger Psychiater in Manhattan, erkundet die Stadt auf seinen Spaziergängen. Er beobachtet das zeitgenössische New York, wo die Schicksale einer globalisierten Welt zusammentreffen. Julius selbst wuchs in Nigeria auf und ist als junger Mann in die USA gekommen. Unter ähnlichen Vorzeichen steht auch die ungewöhnliche Biografie des Autors Teju Cole: Seine Eltern sind Nigerianer, aber er wurde in den USA geboren, weshalb er immer einen amerikanischen Pass hatte. Gleich nach seiner Geburt kehrten seine Eltern zurück nach Nigeria. Dort wuchs Cole auf. Als er 17 war, machte er von seinem amerikanischen Pass Gebrauch und ging in die USA. Heute lebt er in Brooklyn.

Jetzt erscheint auf Deutsch Coles Debüt Jeder Tag gehört dem Dieb. Es kam zuerst 2007 in einem kleinen Verlag in Lagos heraus, 2013 erschien bei Random House in New York eine leicht überarbeitete Ausgabe. Auch dies ist ein Zwei-Welten-Buch: Der Ich-Erzähler kehrt aus den USA besuchsweise in sein Heimatland Nigeria zurück und beschreibt die dortige Lethargie, den Fatalismus und die Korruption. Wir haben Teju Cole in einer Bar in Midtown Manhattan getroffen.

DIE ZEIT: Mister Cole, der Held von Jeder Tag gehört dem Dieb schenkt seinem Heimatland nichts. Warum ist sein Blick auf Nigeria so unerbittlich?

Teju Cole: Ich wollte seinen Zorn zeigen. Den Zorn eines Menschen, der überzeugt ist, dass dieses Land Besseres verdient hat. Es gibt ja sonst immer die Neigung, sich mit Kritik an Afrika zurückzuhalten, nicht zu streng zu sein. Schließlich will man nicht, dass die Leute schlecht über Afrika denken, also sagt man nur nette Sachen.

ZEIT: Den Vorwurf kann man dem Buch Jeder Tag gehört dem Dieb nicht machen. Es beschreibt Nigeria als ein Land, das von räuberischen Gangs bedroht wird. Auch der Terror von Boko Haram kündigt sich schon an. Doch statt sich politisch zu engagieren, strömen die Nigerianer in die christlichen Freikirchen!

Cole: Es gibt überhaupt keine politische Kritik in Nigeria. Das Land hat zwei Parteien ohne große ideologische Unterschiede. Beide sind mehr oder weniger neoliberal, und beide sind korrupt – es gibt einfach die Regierungspartei und die Oppositionspartei, das ist alles.

ZEIT: Wenn der Ich-Erzähler das nigerianische Nationalmuseum betritt und sieht, wie dieser Ort verkommt, erreicht sein Zorn einen Höhepunkt. Warum gibt es einfach kein historisches Bewusstsein?

Cole: Das Museum ist natürlich so lieblos geführt, weil es am allgemeinen Korruptionssystem teilhat. Aber es spielt noch etwas anderes eine Rolle: Nigeria besteht aus mehr als 200 ethnischen Gruppen, das macht es für das Land schwierig, sich als eine Nation zu fühlen. So ganz kann ich jedoch auch nicht erklären, was mit Nigeria los ist. Ich bin in so viele Länder gereist, jedes andere afrikanische Land, ob Kongo, Kenia oder Südafrika, ist näher an einer Normalität als Nigeria. In Nigeria ist alles komplizierter. Es ist ein Mysterium für mich. Deswegen schreibe ich jetzt noch mal über Nigeria, diesmal allerdings ein Sachbuch.

ZEIT: Beschreiben Sie die Nigerianer!

Cole: Nigerianer sind hart im Nehmen, tough, sie sind nie weich oder easygoing. Jeder Nigerianer ist überzeugt, dass der einzige Unterschied zwischen ihm und denen, die das Sagen haben, das Geld ist. Und dass schon morgen er selber das Sagen haben könnte. Es gibt kein Klassensystem. In Nigeria denkt jeder: "Ich soll weniger bedeutend sein als du? Vielleicht heute, aber warte nur, morgen kann das schon ganz anders aussehen!" Jeder ist überzeugt, dass er eigentlich der Aristokrat sein müsste, ihm nur im Moment das Geld dazu fehlt. Deshalb kämpft jeder mit allen Mitteln darum, an die Spitze zu kommen.