Noch spät am Abend ist es heiß und schwül auf dem Bahnhof von Arriaga, bestimmt an die 40 Grad. So wie jeden Tag hier im Süden von Mexiko. Felipe, Catarina, José und León klettern auf einen Güterzug, der bald abfahren wird. Zusammen mit Dutzenden anderen blinden Passagieren wollen sie nach Norden reisen, in die Vereinigten Staaten von Amerika, kurz USA. Viele Hundert Kilometer haben die vier schon hinter sich gebracht, mehr als 2000 liegen noch vor ihnen.

Felipe, Catarina, José und León sind 15 und 16 Jahre alt, sie stammen aus El Salvador und Guatemala, sehr armen Ländern in Mittelamerika. Ihre Väter haben die Familien früh verlassen. Und als die vier noch klein waren, sind auch ihre Mütter fortgegangen – in die USA, um dort Arbeit zu finden. Ihre Kinder ließen sie bei den Nachbarn zurück.

Auf dem Bahnhof von Arriaga sitze ich mit Felipe, Catarina, José und León versteckt zwischen den Güterwaggons, und sie erzählen mir ihre Geschichten: wie ihre Mütter ihnen am Telefon immer wieder versprochen hatten, bald zurückzukommen, und wie sie diese Versprechen nie einhielten. Wie es immer öfter zu Streitereien mit ihren Ersatzeltern kam, je älter sie wurden.

"Ich weiß nicht mal mehr, wie meine Mutter aussieht, so klein war ich, als sie ging", sagt Catarina. "Ich erinnere mich nur noch daran, wie sie gerochen hat." Felipe denkt gern daran, wie ihm seine Mutter zum Geburtstag immer sein Lieblingsessen gekocht hat. Einsam und verlassen fühlten sich die vier, von Jahr zu Jahr wuchs die Sehnsucht. Bis sich jeder allein auf den Weg gemacht hat.

"Mitten in der Nacht bin ich losgezogen, ohne jemandem davon zu erzählen", sagt José. "Endlich habe ich den Mut gehabt, aufzubrechen." Und León hat jetzt wieder das Gefühl, dass "wir unser Leben selbst in der Hand haben".

An der Grenze zu Mexiko haben sich die vier zufällig getroffen. Und sie haben beschlossen, zusammenzubleiben. Sie wissen, dass es gut ist, nicht allein zu sein, denn die Reise zu ihren Müttern ist nicht nur sehr weit, sondern auch gefährlich.

Die Jugendlichen haben sich heimlich über die Grenze nach Mexiko geschlichen; wenn die Polizei sie erwischt, werden sie wieder zurückgeschickt. Oft halten Polizisten Züge auf offener Strecke an, um die blinden Passagiere abzufangen. Und sie gehen nicht gerade zimperlich mit denen um, die sie erwischen.

Auch vor Räubern müssen sich die vier in Acht nehmen. Es gibt ganze Banden, die sich darauf spezialisiert haben, Kinder und Jugendliche wie Felipe, Catarina, José und León zu überfallen und ihnen das bisschen Geld abzunehmen, das sie mühsam für die Reise gespart haben.

Und natürlich ist die Fahrt oben auf den Zügen riskant: Wer von einem Ast erfasst wird, kann vom Dach geschleudert werden. Wer beim Auf- oder Abspringen nicht schnell und wendig genug ist, kann sich böse verletzen. Die Hitze des Dschungels, die Kälte des Gebirges und die Trockenheit der Wüste müssen die vier auf ihrer Reise überstehen. Nachts schlafen sie im Gebüsch, in Parks und auf Friedhöfen. Wenn sie Hunger haben, versuchen sie sich etwas Geld oder Essen zu erbetteln, oder sie stehlen, was auf den Feldern wächst.

Es ist mehr als ungewiss, ob die vier jemals bei ihren Müttern ankommen werden, dennoch sind sie unterwegs. So wie viele, viele andere. Etwa 50.000 Kinder reisen derzeit in Mexiko als blinde Passagiere auf Güterzügen in Richtung Norden. Und das ist nur eine grobe Schätzung, vielleicht sind es noch viel mehr. Die meisten sind zwischen 14 und 18 Jahre alt, manche sogar noch jünger.

Zum Glück gibt es für all diese Kinder und Jugendlichen unterwegs auch Hilfe, zum Beispiel von Organisationen wie Amnesty International und terre des hommes. Oder auch von der Kirche. Sie hat an einigen Orten Herbergen eingerichtet, in denen die Kinder in einem richtigen Bett schlafen können und etwas zu essen bekommen. Orte, wo sie zwischendurch einmal sicher sind. Auf diese Weise zu helfen verstößt zwar gegen das Gesetz, einige Priester tun es dennoch.

Und das größte Hindernis wartet dann ohnehin erst am Ende der Reise: die Grenze zu den USA, die wie eine Festungsmauer bewacht wird. Selbst wer es bis hierher geschafft hat, kann nicht sicher sein, dass er wirklich in das Land gelangt, in dem seine Mutter lebt.

Ob Felipe, Catarina, José und León bis zur Grenze kommen und dann auch noch in die USA? Das frage ich mich, als ich die vier nach unserem Treffen am Bahnhof noch einmal wiedersehe. Ich stehe auf einer Brücke über den Gleisen, und der Zug, den sie genommen haben, schlängelt sich in gemächlichem Tempo voran. Auf einem der hinteren Wagen entdecke ich die vier. Sie sehen mich ebenfalls, springen auf und winken. Dann müssen sie sich ducken, als der Zug unter der Brücke hindurchfährt. Von der anderen Seite winken sie noch einmal, schließlich werden sie kleiner und kleiner.

Werden sie ihre Mütter wiederfinden? Ich weiß es nicht. Doch ich muss immer daran denken, was Felipe sagte, als wir uns auf dem Bahnhof von Arriaga verabschiedeten: "Wir haben so viele Jahre verloren. Aber jetzt sind wir unterwegs und schauen nur noch nach vorn. Egal, was passiert: Unsere Hoffnung lassen wir uns nie mehr nehmen!"

Dirk Reinhardt, 51 Jahre, hat über die reisenden Kinder in Mexiko das Jugendbuch "Train Kids" geschrieben.