In der Ukraine herrscht Krieg, Russland und Europa haben sich entzweit. Als die Sowjetunion zerbrach, hätte sich niemand vorstellen können, dass 25 Jahre später die Konfrontationen der Vergangenheit noch einmal nach Europa zurückkehren würden. Damals glaubte man nicht nur im Westen Europas, sondern auch in Russland, dass die Zeit des Kalten Krieges für immer zu Ende gegangen sei. Warum sollte nicht auch Russland ein Teil des freien Europas werden, so fragte sich Gorbatschow, der nicht verstehen konnte, warum der Warschauer Pakt aufgelöst wurde, die Nato aber weiterbestehen sollte. Manche empfanden den Zerfall der Sowjetunion und die Geringschätzung, die ihr im Westen entgegengebracht wurde, als tiefe Demütigung.

Die Sowjetunion war am Ende, aber ihre Nachlassverwalter taten nichts, um der Bevölkerung den Abschied vom Imperium zu versüßen. Boris Jelzin, der inkompetente und überforderte Präsident der Russländischen Föderation, war das Symbol dieser zerrissenen Zeit. Im Rückblick wurden die Jelzin-Jahre von den meisten Russen als eine Zeit der Katastrophen wahrgenommen. Die Freigabe der Preise und die Privatisierung der Staatsbetriebe, die von den marktliberalen Reformern als Schocktherapie durchgesetzt worden waren, erwiesen sich als Desaster. Fast alle russischen Waren verschwanden vom Markt, die Währung zerfiel, die Bevölkerung verarmte, und die kommunistischen Funktionäre teilten das Staatseigentum unter sich auf. Blutige Verteilungskriege zwischen Mafiabanden erschütterten die Ordnung, es schien, als hätte sich der Staat selbst abgeschafft. Die Bürger Russlands und der anderen ehemaligen Sowjetrepubliken machten die Erfahrung, dass freier Markt und freie Wahlen zwar den Funktionären und Kriminellen halfen, ihnen selbst aber nichts zu bieten hatten. Im Jahr 1991 hatten die meisten Bürger noch geglaubt, die nationale Unabhängigkeit der Republiken, die Einführung von Wahlen und freier Marktwirtschaft würden die Lösung all ihrer Probleme sein, auch in Russland. Am Ende der neunziger Jahre überwog das Gefühl, die Auflösung der alten Sowjetunion, die Jelzin während eines geheimen Treffens mit den Staatschefs der Ukraine und Weißrusslands im Herbst 1991 verabredet hatte, sei ein Fehler gewesen.

Putins Popularität ist nur auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen verständlich. In seiner Regierungszeit wuchs der Wohlstand der Bürger, Millionen reisten ins Ausland und berauschten sich am Konsum. Die Preise für Rohstoffe stiegen, und Putin gelang es, die Elite am Reichtum teilhaben zu lassen und sie an sich zu binden. Zur selben Zeit entmachtete er Mafiapaten und Oligarchen. Nun war es zwar erlaubt zu stehlen, aber man durfte es nur noch mit Erlaubnis und im Auftrag des Staates tun. Die Bandenkriege verschwanden aus der russischen Wirklichkeit. Das Ende der Demokratie war der Preis, der dafür entrichtet werden musste, und die meisten Russen waren bereit, ihn zu zahlen. Denn Ordnungssicherheit ist unter prekären Verhältnissen wichtiger als Entscheidungsfreiheit. Im Westen hat man davon nichts verstanden.

Seither ist auch die Idee des Imperiums wieder präsent. Putin trat nicht mehr als Bittsteller, sondern als Regierungschef einer Großmacht auf. In Europa stieß diese Machtpolitik auf Ablehnung, auch weil sie die nationalen Republiken auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion infrage stellte. Nach dem Georgienkrieg, der faktischen Annexion Abchasiens, Ossetiens und der Krim und der Unterstützung von Separatisten in Transnistrien und im Osten der Ukraine haben die USA und die EU die Kooperation mit Russland aufgegeben.

Das Tischtuch zwischen der EU und Russland ist zerschnitten. Auf Sanktionen folgen Sanktionen, und es ist ungewiss, wohin diese Eskalationsstrategie führen wird. Im Westen will man nicht begreifen, was das verloren gegangene Imperium für die Eliten und die Mehrheit der russischen Bürger bedeutete, und in Russland begreift man nicht, dass der Versuch, das Vielvölkerreich wiederzubeleben, im Westen als Bedrohung empfunden wird. Inzwischen spricht man in Russland von Europa nur noch im Modus der Verachtung. Nicht nur Politiker werfen der EU und der Nato vor, eine Doppelmoral zu pflegen. Über die völkerrechtswidrige Bombardierung Belgrads und die Intervention im Irak habe das westliche Bündnis nur mitgeteilt, es müssten Menschenrechte geschützt und Terroristen gejagt werden. Russlands Regierung aber werde der Bruch des Völkerrechts vorgeworfen, obgleich sie doch nur bewahren wolle, was 1991 in einem Akt der Willkür zerstört worden sei. Die russische Propagandamaschine läuft auf Hochtouren, und sie verbreitet Fernsehbilder und Texte, die keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit der eigenen Mission aufkommen lassen.

Wie konnte es zu dieser Konfrontation kommen? Über ihre Ursachen gibt es keinen Zweifel: Es ist die Wiederauferstehung der imperialen Mission in Russland, ihr Anlass aber war der Sturz des ukrainischen Präsidenten. Als Viktor Janukowitsch verkündete, er werde das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen, brachte er die westlich orientierte Intelligenz gegen sich auf, die um jeden Preis verhindern wollte, dass die Ukraine in den Schoß des Imperiums zurückkehrte. Das Assoziierungsabkommen versprach der Ukraine eine Einbindung in den europäischen Wirtschaftsraum und in die europäische Sicherheitsarchitektur. In Moskau empfand man dieses Versprechen als einen Versuch, die Interessensphären des Westens auf das Territorium des alten sowjetischen Imperiums auszudehnen. Die Nato im Schwarzen Meer und im Osten der Ukraine? Undenkbar!

Man hätte in dieser Frage zu einer Verständigung kommen können, wenn die Regierungen in Europa nicht Partei ergriffen und alle Befürchtungen Putins bestätigt hätten. Sie verkannten einfach den Ernst der Lage und hielten die Intellektuellen, die auf dem Maidan das Wort geführt hatten, für die Repräsentanten der Macht. Man hätten wissen können, dass die Revolution auf dem Maidan nicht das ganze Land repräsentierte. Auf der Krim und im Osten der Ukraine gab es zwar niemanden mehr, der den abgesetzten Präsidenten verteidigt hätte. Aber nur wenige identifizierten sich dort mit dem Aufbruch in Kiew und der Westorientierung der neuen Machthaber. Wenn ein Präsident durch den Willen der Straße aus dem Amt getrieben werden konnte, warum sollte das nicht auch im Osten der Ukraine und auf der Krim erlaubt sein? Und so entstand eine Bewegung, die zunächst nichts anderes verlangte als Eigenständigkeit und Autonomie innerhalb der Ukraine. Sie verband sich in den nächsten Wochen mit den imperialen Ambitionen Putins, der in das Vakuum hineinstoßen konnte, das die westlichen Politiker mit ihrer geschichtsvergessenen Politik hinterlassen hatten. Putin konnte sich jetzt zum Anwalt jener Menschen erheben, die sich zwar noch mit dem alten Imperium, aber nicht mit dem ukrainischen Nationalstaat identifizierten und die nicht Verlierer einer Revolution werden mochten, die sie nicht gewollt hatten.