Seit Mittwoch dieser Woche wird die Ukraine ganz offiziell gerettet. Am Vormittag gab das Direktorium des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington einen Hilfskredit für die Regierung in Kiew frei. Insgesamt 40 Milliarden Dollar sollen in den kommenden drei Jahren in ein Land fließen, das kurz vor dem ökonomischen Zusammenbruch steht. Der Krieg im Osten hat die ökonomische Lage der Ukraine, die ohnehin ein wirtschaftlicher Sanierungsfall ist, weiter verschlechtert. Die Inflationsrate beträgt 28 Prozent, die Währung stürzt ab, die Wirtschaft ist im vergangenen Jahr um sieben Prozent geschrumpft, die Schuldenquote hat sich verdreifacht.

Hat Wladimir Putin also bekommen, was er wollte – eine Ukraine, die ökonomisch derart destabilisiert ist, dass sie zu einer Last für die EU wird?

Europa werde für die Ukraine nicht in einen Krieg ziehen, das hat Angela Merkel klargemacht. Aber nun könnte das Land, ökonomisch gesehen, zu einem Fass ohne Boden werden. Das Ringen um die Ukraine entwickelt sich damit zu einem Wettlauf gegen den Wirtschaftskollaps.

Kalyniwka, etwa eine Autostunde östlich von Kiew. Wer auf der Hauptstraße nach links abbiegt, gelangt nach ein paar Metern auf ein weitläufiges Fabrikgelände. Es ist das Reich von Alexander Stepanenko, einem stämmigen Mann mit grauen Haaren. Stepanenko arbeitet für die Veka AG, ein mittelständisches Unternehmen aus dem Münsterland, das hier in Kalyniwka Fenster produziert. Als die ZEIT Stepanenko vor einem knappen Jahr besuchte, herrschte so etwas wie Aufbruchstimmung. Die Krim war zwar schon verloren, aber es bestand Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Neuanfang in dem von Korruption und Misswirtschaft geplagten Land.

Stepanenko hatte große Pläne: In der Ukraine wird massenweise Gas und Heizöl verschwendet, weil die meisten Wohnungen praktisch nicht isoliert sind. Durch den Einbau von modernen Fenstern könnte das Land Energiekosten sparen, die Abhängigkeit von russischem Gas verringern – und Veka würde daran verdienen, das war die Idee. Stepanenko hatte sogar schon Platz geschaffen für eine zusätzliche Anlage zur Verarbeitung von Kunststoffgranulat zu Fensterrahmen. Doch die Anlage wurde nie in Betrieb genommen. "Die Leute haben kein Geld mehr", sagt Stepanenko. Wer denkt noch an neue Fenster, wenn die Inflation ein Drittel seines Vermögens auffrisst?

Expansionspläne hatten eigentlich auch eine Reihe von Autozulieferbetrieben, die sich im Westen der Ukraine angesiedelt haben. Lohnkosten von rund zwei Euro pro Stunde machen das Land zu einem attraktiven Fertigungsort für Arbeiten, die nicht komplett maschinell erledigt werden können, wie etwa die Montage von Kabelbäumen oder Sitzheizungen.

"In der Ukraine können heute noch viel mehr Projekte aus der EU realisiert werden, meinetwegen zu Beginn auch als benachbarte Werkbank", sagt Alexander Markus, Chef der dortigen Delegation der deutschen Wirtschaft. Hätte es im September vergangenen Jahres nur nicht diesen einen Satz aus Moskau gegeben, der alles bremste. "Seit Putin zitiert wurde, er könnte, wenn er wollte, in zwei Wochen in Kiew sein, bekommen selbst die Unternehmen, die schon in der Ukraine tätig sind, kaum noch neue Projekte von Auftraggebern aus der EU." Wem in Deutschland, so Markus, sei denn klar, dass zwischen Donezk und Lwiw 1.200 Kilometer liegen? Die Nachrichtenbilder vom "Ukraine-Krieg" ruinierten das Business-Image des gesamten Landes.

Noch vor gut einem Jahr verhandelten Energiekonzerne mit der Regierung in Kiew über gewaltige Projekte. Der US-Konzern Chevron wollte in der Westukraine Gas fördern, per Fracking. Das Unternehmen hatte vor, 350 Millionen Dollar in die Erschließung des sogenannten Olesska-Feldes zu investieren, Geologen rechnen dort mit einer jährlichen Fördermenge von zehn Milliarden Kubikmetern Gas. Chevron erwartete vor einem Engagement die Vereinfachung einer Reihe von Steuergesetzen. Dazu kam das ukrainische Parlament im Chaosjahr 2014 allerdings nicht; Chevron beerdigte daraufhin im Dezember den Deal. Die niederländisch-britische Shell hatte in der Ostukraine ebenfalls mit der Erkundung eines Ölfeldes begonnen, die ExxonMobile entlang der Küste der Krim. Nach der Invasion dieser Gebiete durch Russland zogen sich die beiden zurück.

Nicht nur, dass Investitionen ausbleiben – die ukrainische Regierung gibt heute viel Geld aus, um sich des russischen Zugriffs zu erwehren. Die Kriegskosten für die Regierungsseite beliefen sich im vergangenen Jahr laut einer Studie des Razumkow-Zentrums, einem wirtschaftspolitischen Forschungsinstitut in Kiew, auf über 27 Milliarden Griwna (die Summe in der ukrainischen Landeswährung entspricht etwa 1,2 Milliarden Euro), für 2015 sind im Haushalt 80 Milliarden Griwna vorgesehen. Das sind fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Als wären diese Belastungen nicht schon hoch genug, hat die Regierung auch noch eine Kriegssteuer in Höhe von 1,5 Prozent auf alle Einkommen verhängt. Und weil die Armee nicht nur Mittel, sondern auch Soldaten braucht, fehlen in vielen Betrieben Fachkräfte.