Die Verschleppung Hunderter assyrischer Christen Ende Februar war nur eine weitere menschliche Katastrophe in einer anscheinend nicht enden wollenden Tragödie. Worte können kaum beschreiben, wie schlimm, unmenschlich und verheerend die Lage in den vom "Islamischen Staat" attackierten Gebieten ist. Alles, was normalen Menschen als gut und anständig gilt, wird beiseitegewischt und durch grausamste Verfolgung und Hass ersetzt. Nichts davon hat etwas mit Gott oder Religion zu tun.

In den vergangenen Tagen mussten wir die Zerstörung unschätzbarer Museen, Bibliotheken und Kulturdenkmäler erleben –ein Zeichen dafür, dass alles Alte ausgelöscht werden soll, um eine völlig neue Lebensweise zu begründen. Eine Lebensweise freilich, die auf Unwissenheit, Angst und Entsetzen beruht. Diese Bedrohung geht weit über den Nahen Osten hinaus. Aus der Saat der Diskriminierung, die hier gesät wird, kann künftig überall Fundamentalismus sprießen.

Noch immer diskutieren wir auf der internationalen Bühne zu wenig über die wahren, tieferen Gründe des Dramas in Irak und Syrien: die makropolitischen Interessen und die ökonomischen Kämpfe, die vor Ort um Menschen und Ressourcen ausgefochten werden.

Ich war Ende Februar dabei, als Papst Franziskus für die Völker des Iraks und Syriens betete, für alle, die heute in Konflikten leiden und sterben. Er erinnerte uns daran, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben kann, ohne Gerechtigkeit für alle. Ob sich aber diejenigen Politiker, die an den Schalthebeln der Macht sitzen, zu dieser Einsicht bekehren lassen?

Was können wir Christen tun? Wir müssen unbeirrt Worte der Wahrheit und der Liebe sprechen. Wir können unsere muslimischen Brüder und Schwestern für ein Bündnis der Menschlichkeit gewinnen. Wir können zu dem Gott beten, der uns alle erschuf. Aber wir sollten auch diejenigen Kräfte unterstützen, die jetzt die Völkergemeinschaft drängen, den Zustrom von Waffen an die Aggressoren zu unterbinden. Und wir müssen die humanitäre Hilfe gegen Schmerz und Leid der verfolgten Menschen gewaltig ausbauen.

Aus dem Englischen von Michael Adrian. Brian Farrell, 71, ist Kurienbischof und im Vatikan zuständig für die Einheit der Christen weltweit.