Das meiste, was in Berlin passiert, glaubt einem draußen kein Mensch. Wir sitzen im Wendel, in einem der raren Traditionslokale der Stadt, und müssen nun was bestellen. Der hanseatische Kollege, der nach eigenen Angaben noch nie ein Glas Bier geleert hat, geht voll auf Risiko. Welches Bier würde er, der Kellner, einem gewohnheitsmäßigen Weintrinker denn empfehlen? Das Handbuch sieht für diesen Fall eine möglichst flapsige Reaktion vor. "’n kleenet!" oder "Soll ick Ihnen ’n Tisch int Adlon bestellen?" Hier passiert etwas völlig anderes. Der Kellner lässt eine präzise getaktete Pause eintreten, dann fragt er zurück: "Rot- oder Weißwein?"

So ist das nämlich im Berlin des 21.Jahrhunderts. Wir kennen alle Erwartungen und Klischees und sind mit Feuereifer dabei, sie zu unterlaufen. Aber übertrieben wird auch nicht. Denn das Erste, was der Hamburger Biernovize kurz nach der Bestellung sieht, ist ein Teller, der frisch aus der Küche den Nachbartisch erreicht. Darauf: ein Gebirge, ach was, ein Himalaya, dessen untere Flanken aus Bratkartoffeln bestehen, der Rest bleibt unklar, Sauerkraut, Fleisch? Wir nennen so etwas das Berliner Amuse-Gueule: Der Gast guckt nach nebenan und ist schon halb satt.

Doch dann kommen die, nun ja, Vorspeisen. Vor dem Hamburger türmt sich der Hackepeter auf, schön homogen hellrot, die Berliner Alternative zum Tatar, Schweinebauch durchgedreht statt Rinderfilet, Wrangelstraße statt Elbchaussee. Das Ei ist halbiert und hart gekocht, es gibt frische und saure Gurken, und am Tellerrand daneben liegen drei Soßen, die weltläufige Gäste vielleicht Pesto nennen würden, aus Zwiebeln, Kapern, Essiggurken – und sie schmecken tatsächlich ausgezeichnet. Dazu nimmt der Eingeborene karges Roggenmischbrot, das den Hamburger mit seinen Alster-Bio-Boulangerien dezent an die Nachkriegszeit erinnert. Egal: Punkt für Berlin. Die beiden großen Bratheringe haben ebenfalls den Charakter einer Hauptmahlzeit. Der Hamburger kennt diese Zubereitung natürlich aus seiner Region, zweifelt aber trotzdem am Sinn: Erst braten, dann sauer einlegen, warum? Doch dann spendiert er ganz ohne Not noch einen Punkt für Berlin: Die Bratkartoffeln, sagt er, sind besser, knuspriger, gleichmäßiger, weniger fett als jene, die am Tag zuvor unter dem Hamburger Pannfisch lagen.

Durchatmen. Gründervater Wendel ist längst tot, aber sein im 19.Jahrhundert gegründetes Lokal existiert weiter. Es hat sich in der Werbung mal "Ecklokal mit Abitur" genannt, um einen gewissen kulinarischen Abstand zur landläufigen Kneipe anzudeuten. Drinnen ist alles original, das dunkle Holz; die mit dicker Nikotinpatina überzogenen Gemälde, die Szenen aus Lietzow zeigen, dem Dorfkern des heutigen Charlottenburgs, sogar die Bleiglasfenster mit der Bierwerbung. Prominente Gäste haben Autogrammfotos hinterlassen. Richard von Weizsäcker war mal da und alle anderen West-Berliner Bürgermeister sicher auch, ein französischer General grüßt mit schwerer Ordensbrust, und wir sitzen unter dem Foto des Wiener Tenors Gottfried Hornik, der mit seiner großformatigen Brille aussieht wie aus einer deutschen Lümmelfilm-Konserve.

Das einzige Tief an diesem Abend verursacht der Stramme Max. Der Hamburger kommt mit den noch sehr weichen Spiegeleiern nicht zurecht, nennt das Ganze "eher einen Schlabbermax" und moniert auch den zwar guten, aber doch sehr dominanten Räucherschinken darunter. Ausgeglichen wird das aber sogleich durch die Spezialität des Hauses, die Boulette, die jeden Abend um zehn frisch aus der Pfanne dargereicht wird, Stück zweisiebzig mit Mostrich. Prima, sagt der Hamburger, locker, würzig, mit Charakter. Zwei bestimmte Gewürze seien drin, sagt der Kellner, "aber die sind geheim!" Wir rätseln: gemahlene Korianderkörner?

Ach, die Sache mit dem Bier bleibt noch nachzutragen: Als der Hamburger Gast seine Präferenz für Weißwein erklärte, entschied sich der Kellner nach kurzem Nachdenken für ein – Flens. Behaupte also niemand, Berliner seien penetrante Lokalpatrioten.

Wendel, Richard-Wagner-Platz 87, Berlin-Charlottenburg, Tel. 030/3416784, Mo–Fr ab 16, Sa ab 17 Uhr geöffnet, keine Website. Hauptgerichte um 10 Euro.

Bernd Matthies, Redakteur des "Tagesspiegels", verabscheute Berliner Kneipen – sah jetzt aber seinen Irrtum ein.