Diese Geschichte, die der 1972 geborene Historiker Philipp Felsch gedankenreich erzählt, entwickelt sich in überraschenden Wendungen. Sie begann in den fünfziger Jahren, als Peter Gente, Jahrgang 1936, aus einer dieser zweifelhaften deutschen Familien stammend, Adorno verfiel und dessen Minima Moralia, jenen in Kalifornien verfassten Reflexionen aus dem beschädigten Leben, an denen so viele seiner (und meiner) Generation sich mit einem Weltschmerz infizierten, der die Bundesrepublik umgewälzt hat (zum Besseren, wie man inzwischen weiß).

Anlässlich Adornos entwickelte Peter Gente eine Begabung, die ihm später bei seiner Verlagsarbeit die besten Dienste erweisen soll, die Intuition des Jägers und Sammlers. So geriet, wer Adorno mit Andacht las, in Berührung mit Marx als unterdrückter Wahrheit, und in dieser Manier entwickelte sich ja die 68er-Revolte, deren Energien Peter Gente in seinen Verlag überführte. internationale marxistische diskussion hieß die Buchreihe, die der Merve Verlag – benannt nach Peter Gentes Freundin Merve Lowien, die zum Verlagskollektiv gehörte – seit 1970 publizierte: billige, hässliche Bücher, die Gestaltungen der Gegenwart im Licht von Marx’ Erkenntnissen illuminieren sollten. Das Verlagskollektiv selbst unterzog sich – wie damals so viele Zirkel – der textfrommen Marx-Exegese, einer Tortur, die man Literalismus nennt und deren Gegenstand auch die Bibel oder Nostradamus oder die Schriften Rudolf Steiners sein können: "Es steht doch drin in dem Buch – bloß verstehen wir es noch nicht richtig." Merve versuchte die dialektische Einheit von Theorie und Praxis zu verkörpern: Hier gehört der Merve Verlag zur Alternativkultur, der Sven Reichardt jüngst seine Studie Authentizität und Gemeinschaft gewidmet hat. So sollte die Ästhetik der Armut, der die Merve-Bände folgten, Widerstand gegen die bunte Warenästhetik leisten.

Doch was den Büchern dann zu ihrem dauerhaften Ruhm verhalf, der jetzt in dieser Studie kulminiert, das war die Wendung nach Frankreich, zum Poststrukturalismus, zur Postmoderne; zu Jean-François Lyotard und Jean Baudrillard. Fünf Jahre heroischer Lesearbeit verwandten die Merves, wie Felsch sie nennt, auf den Anti-Ödipus von Gilles Deleuze und Félix Guattari, deren Rhizom sowie Milles Plateaux Verkaufserfolge wurden. Die Buchreihe begann Internationaler Merve Diskurs zu heißen, Michel Foucault wurde einer ihrer Stars.

Heidi Paris, inzwischen mit Peter Gente verheiratet und Mitgestalterin des Programms, brachte es auf die witzige Formel: "Wir sind keine Profis, sondern Leseratten." Statt unter Qualen die Repräsentanten des revolutionären Proletariats zu mimen, erkannten sie sich als das, was sie wirklich waren, Leser – eine interessante Fassung des Bildungsromans. Strebt der orthodoxe Marxist vom Lesen ins Leben (und seine revolutionäre Umgestaltung), so gingen die Merves den umgekehrten Weg. Er führte dann weiter in die Ästhetik und die Kunstwelt; der neue Weise hieß Harald Szeemann, dem wir die Documenta 1972 verdankten.

West-Berlin war Heimat: Im Buch kann man allegorische Fotografien jener ruinösen Mauerstadt bewundern, aus der unvermeidlich ein neues Babylon erstehen musste. Zu West-Berlin gehört auch Jacob Taubes, ein weiterer von Peter Gentes Weisheitslehrern, Philosoph an der Freien Universität, der ununterscheidbar zwischen Genialität und Scharlatanerie changierte. Er weihte die Merves endgültig in den Hermetismus ein, dem zufolge die wahre Lektüre ins Geheimnis führt und eine verborgene Gemeinde von Eingeweihten stiftet, eine Idee, in der die Merves überraschend mit Veranstaltungen wie dem George-Kreis zusammenkommen. Und das leninistische Politbüro liegt nahebei; der böse Carl Schmitt hätte im Hintergrund den Jakobinerclub des revolutionären Frankreich entdeckt. Heidi Paris nahm sich 2002 das Leben; Peter Gente verzog 2007 nach Thailand, wo er 2014 starb. Aber Merve existiert und arbeitet weiter.

Diese Studie vergemeinschaftet sich eng mit zwei zuletzt erschienenen Büchern, dem bereits erwähnten von Sven Reichardt sowie Ulrich Raulffs autobiografischem Wiedersehen mit den Siebzigern. Alle drei tragen bei zur Genealogie der neuen Bürgerlichkeit, in der die Revolte von 68 auslief, wobei Raulff und Felsch an der Darstellung einer neuen Bildungsbürgerlichkeit arbeiten, die den alten Kulturkult fortsetzt.

Es fällt auf, dass die Merves, so begierig auf die neuesten Errungenschaften der Pariser Intelligenzija, einen ihrer Protagonisten komplett ignorieren: Pierre Bourdieu. Dessen Untersuchung der Kultur als symbolisches Kapital, das ununterbrochen reproduziert, investiert, akkumuliert wird, durchschaut die Produktion von Kulturgütern als Distinktionsspiel.

Es würde lohnen, die Geschichte der Merves in diesem Licht zu betrachten. Schon die qualvollen Übungen in Marx-Exegese während der Siebziger lassen sich als eine Überbietungskonkurrenz verstehen, bei der es um Distinktionen ging. Dass die Merves am Ende im Hermetismus endeten, gehört in dieses Bild.