Er fiel Piraten in die Hände, geriet zwischen Kriegsfronten und kämpfte wochenlang mit dem Gelbfieber. Doch als Nikolaus Joseph von Jacquin (1727 bis 1817) im Juli 1759 nach Wien zurückkehrte, machte ihn das, was er in fünf harten Jahren gesammelt hatte, zum gefeierten Aushängeschild der Wissenschaft. Ausgiebig bestaunte die Presse die Ausbeute seiner Forschungsreise in die Karibik: 67 Kisten voller Heil-, Nutz- und Giftpflanzen, bunter Zier- und Blumengewächse, und fast alles unbeschadet. Die grüne Beute war sagenhaft, und Jacquins Auftraggeber, Kaiser Franz I. Stephan, vollauf zufrieden.

Illustre Gäste bewunderten die schillernden Exotika in den Glashäusern von Schönbrunn, während sich die Gelehrten daranmachten, das Gesammelte zu katalogisieren und zu systematisieren. Damals änderte sich die Vorstellung der Herrschenden, sie würden selbst im Zentrum des göttlichen Kosmos stehen. Die Heil- und Naturkundler schufen eine neue Vorstellung von Leben, die Wissenschaft entwickelte sich, und Männer wie Jacquin – der es bis zum Rektor der Universität Wien brachte – hatten ihren Anteil daran.

Die Aufklärung brachte eine Revolution des Wissens in ganz Europa, Allgemeinbildung wurde zu einem wertvollen, erstrebenswerten Gut. An der Universität Wien standen das 18. und 19. Jahrhundert im Zeichen umwälzender Reformen, die mit Maria Theresia begannen und bis in die Regierungszeit Kaiser Franz Josephs reichten. Zentral war, den Einfluss der Kirche, die bis dahin den Bildungssektor dominiert hatte, zurückzudrängen.

Die Unzulänglichkeiten der jesuitischen Universität für die Belange des Staates waren bereits in der Regierungszeit von Karl VI. immer stärker zutage getreten. Besonders in den Rechtswissenschaften und der Medizin hatte man den Anschluss verloren. Nun griff der Staat nach der Bildung. Maria Theresia betraute ihren Leibarzt Gerard van Swieten mit der Umgestaltung der Hochschulen. Jesuiten wurden aus Schlüsselpositionen verdrängt und der Orden schließlich aufgehoben. Verwaltung und Lehre wurden getrennt und Studiendirektoren eingesetzt, die über Lehrpläne wachten sowie Professoren bestellten. Schritt für Schritt wurde die Universität Wien zu einer Bildungs- und Forschungsstätte, die säkulares Wissen systematisch ordnete, bewahrte und weitergab.

Der Niederländer van Swieten, ein Verfechter der Aufklärung, war es, der das Kaiserpaar davon überzeugte, einen Holländisch-Botanischen Garten nach wissenschaftlichen Grundsätzen anzulegen. Und er hatte Jacquin, den Sohn eines Freundes, 1752 dazu eingeladen, sein Medizinstudium in Wien zu beenden. Der junge Niederländer aus ärmlichen Verhältnissen war ein zäher Bursche: Den Weg von Paris kommend legte er zu Fuß zurück.

Dem Kaiser selbst war aufgefallen, wie hingebungsvoll er sich den Pflanzen in Schönbrunn widmete und ein Verzeichnis von ihnen anlegte. Auch heimische Pflanzen, wie den Enzian, pflückte er, um sie zu trocknen und zu archivieren.

Die Entscheidung, ihn auf Reisen zu schicken, erwies sich als goldrichtig, nicht zuletzt für den Pflanzenflüsterer selbst. Nach seiner Rückkehr häufte Jacquin Reichtum an, wurde Professor für Botanik und Chemie, Direktor des Botanischen Gartens der Universität und später der Kaiserlichen Gärten von Schönbrunn, die er zu den reichhaltigsten der Welt machte. Dazu kamen 1774 ein Adelstitel, der Stephansorden und ein Posten als Rektor. Sein Sohn Joseph Franz von Jacquin folgte den Fußstapfen des Vaters, die Tochter wurde indes von Wolfgang Amadeus Mozart am Klavier unterrichtet.

Unterwegs waren einige der Herbarien ein Fressen für die Ameisen geworden, doch der Absolvent der k. k. Zeichenakademie hatte alles penibel abgezeichnet. Die Fachwelt überschlug sich mit Lob für die publizierten Bildbände und Folianten, in denen Tausende Arten beschrieben waren. Als Praktiker war Jacquin eine Größe. In der Theorie verließ er sich auf Carl von Linné, den revolutionären schwedischen Botaniker, der die Klassifizierung von Pflanzen und Tieren anhand von Gattungen und Arten begründete und der Biologie eine Systematik gab. Für die Medizin und die Erschließung neuer Nutzpflanzen war die Botanik von Bedeutung, wie für das Verständnis von Leben an sich. Linné legte einen Grundstein, Gregor Mendel, der anhand der Kreuzung von Erbsen die genetische Vererbung aufzeigte, den nächsten. Auch Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, las Linnés Bücher.

Es waren spannende Zeiten, als sich die Forscher spezialisierten und sich neue Disziplinen herausbildeten. In Wien wurden Lehrstühle für Chemie und Botanik gegründet sowie eine montanistische Akademie und eine Tierarzneischule errichtet. Die Forscher versuchten erstmals, ihr Fach einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen. Wenn in Schauversuchen künstliche Blitze, Knallgasexplosionen und schwebende Luftkugeln die Zuseher begeisterten, gerieten die Naturwissenschaften zur Show.

Die Zeit der habsburgischen Jäger und Sammler, die in fernen Landen Naturalien an sich rafften, ging zu Ende. Erst 23 Jahre später schickte der Kaiser wieder Botaniker aus, um grünen Nachschub zu besorgen. Der Grund war das Missgeschick eines Unglücksraben gewesen, der im kalten Winter von 1780 vergessen hatte, die Glashäuser in Schönbrunn zu heizen. Der Frost kroch in die Blätter und zerstörte einen Großteil von Jacquins Schätzen.