Sprachvermögen, heißt es, unterscheide echte Schriftsteller von Amateurautoren. Schaut man in zeitgenössische Romane, deren Syntax und Vokabular sich eher schlicht verhalten ("Es klingelte. Anna schaute aus dem Küchenfenster. Sie sah einen fremden Mann vor der Tür. In einer Hand hielt er eine Plastiktüte, und Anna beschloss, ihm nicht zu öffnen ..."), ließe sich dieses Kriterium bezweifeln. Ein Amateurautor würde vielleicht nicht ganz zu Unrecht sagen: Wenn das Literatur sein soll, dann kann ich das auch. Und aufregender als das Leben von so einer Anna ist meines garantiert.

Das Leben der 1987 geborenen Sara Schätzl, die seit ihrer Jugend daran arbeitet, eine Berühmtheit zu werden und es als It-Girl, als skandalfähiges Objekt der Boulevardmedien und rückhaltlose Selbstdarstellerin, auch wurde – dieses Leben hat durchaus was zu bieten. Es ist in gewisser Weise exemplarisch. Sara Schätzl zählt zur Daniela-Katzenberger-Spezies jener Figuren, deren Primärleistung darin besteht, sich der Inszenierung ihrer Popularität zur Verfügung zu stellen. Immerhin schaffte sie es vom nächtelangen Posieren in Münchner Diskotheken in die Talkshow von Anne Will und in den Spiegel, wo sie 2012 von ihrer Schwangerschaft und von dem Drama berichtete, eine jener Frauen zu sein, in deren Brüsten sich vergiftete Silikonimplantate befanden. Sara Schätzl hatte da schon zu schreiben begonnen. Sie hatte eine Kolumne in der Bild-Z eitung, sie veröffentlichte 2011 das Buch Glamour-Girl, mittlerweile bloggt sie auch, und es wäre ein Fehler, von Sara Schätzls It-Girl-Status auf mangelndes Sprachvermögen zu schließen.

Nein, Syntax und Vokabular sind nicht das Problem ihres neuen Buches Hungriges Herz . Ein bedeutsames Thema behandelt es ohnehin: Bulimie. Im Alter von vierzehn begann Sara Schätzl, weil sie sich für ihre Ambitionen nicht dünn genug fand, in entsetzlichen Mengen Lebensmittel zu verschlingen und anschließend wieder zu erbrechen. Jahrelang bestand ihr Leben aus Bulimie, Berühmt-werden-Wollen und Boulevardzirkus. Der Albtraum einer ganzen Mädchengeneration, die sich in Kleidergröße 34 zwängt und hungert, wird auf schmerzhafte Weise spürbar. Aber schmerzhaft ist noch etwas anderes: der Ton, in dem Sara Schätzl ihre Geschichte erzählt, dieser gewollte Flapsigkeits- und Munterkeitston. Es ist, als würde sie ihre Sätze dazu verdonnern, wirkungsvolle Posen einzunehmen. Es sind äußerlich gelungene, aber in ihrer Grundhaltung geliehene Sätze. Genau da liegt der Unterschied zu Literatur. Er fällt hier so besonders auf, weil Sara Schätzl eigentlich sehr selbstreflektiert über ihre Krankheit nachdenkt. Der entscheidende Satz ihres Buches lautet: "Ich funktionierte, aber ich sah mir von außen dabei zu." Das trifft irgendwie auch auf ihre Art zu schreiben zu.