Vier Stunden dauerte die Anhörung vor Gericht. Die ganze Zeit über blickte Ernst Mauch in das Objektiv einer Kamera, die sein Bild aus der Firmenzentrale von Heckler & Koch in Oberndorf am Neckar in einen Gerichtssaal nach Los Angeles übertrug. Obwohl Mauch in dem Verfahren bloß als Sachverständiger auftrat, fühlte er sich wie ein Angeklagter. Denn es war ein Produkt seines Arbeitgebers, das in den Händen eines Jungen zum todbringenden Spielzeug geworden war.

Ein Sechsjähriger habe 1997 in Kalifornien die Waffe seines Vaters gefunden und sie einem Freund gezeigt, erinnert sich Mauch heute. Dann löste sich ein Schuss, der Freund starb. Mauch verantwortete zu dieser Zeit die technische Entwicklung bei Heckler & Koch, Deutschlands führendem Produzenten von Handfeuerwaffen. Der Richter fragte ihn, warum ein solch schrecklicher Unfall nicht verhindert werden konnte. "Die Waffe weiß doch nicht, wer abdrückt", antwortete Mauch.

Was Waffenhersteller halt so sagen, wenn sie von ihrem Teil der Verantwortung ablenken wollen.

Abends sprach Mauch lange mit seiner Frau. Die beiden haben drei Kinder, und der Fall ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. "Da muss man doch etwas verbessern können", sagte sich der Ingenieur. Er nahm sich vor, Waffen intelligenter und sicherer zu machen. Bis heute arbeitet er daran. Und obwohl er durchaus erfolgreich ist, hat er inzwischen ein paar wichtige Lektionen gelernt: Ballern wollen sie alle. Aber sichere Waffen will kaum jemand.

Ein Dieb könnte mit einer gestohlenen Pistole nichts anfangen

Mit einer Pistole in beiden Händen steht Mauch im Schießstand des Unternehmens Armatix, für das er heute arbeitet. Am Griff der iP1 befindet sich eine Anzeige. Sie leuchtet grün. Mauch hat die Waffe auf eine Zielscheibe an der gegenüberliegenden Wand gerichtet. Er könnte nun schießen. Legt er aber seine Armbanduhr ab, wechselt die Anzeige am Griff auf rot. Keine Uhr, kein Schuss. "Diese Waffe kann kaum missbraucht werden", sagt Mauch.

Sollte ein Kind die iP1 finden und damit spielen, würde sich ein tödlicher Unfall wie in Kalifornien wohl nicht wiederholen. Auch für einen Dieb wäre sie nutzlos, sollte er die Waffe stehlen. Denn sie funktioniert nur, wenn sich der Schütze mithilfe der Uhr autorisiert. Per Funk kommuniziert sie mit der Pistole, auch ein zusätzlicher Pin-Code soll vor verhängnisvollen Fehlern schützen.

Pistolen sicherer zu machen ist das Kerngeschäft von Mauchs neuer Firma. Armatix stellt darüber hinaus noch Sperrelemente und Bügelsysteme her. Mit denen lassen sich Läufe verschließen und Waffen an der Wand sichern. Nur ein Fingerabdruck auf dem Scanner oder Pin-Code entriegelt sie.

Außerhalb der Branche ist das Start-up kaum bekannt. Armatix wirkt wie ein großes Experiment, denn intelligente Geräte sind in der Waffenwelt bislang noch exotische Produkte. Nimmt man Ballermänner der Marktführer als Maßstab, scheinen viele Schützen besonders an Militärtechnik interessiert zu sein. Deutsche Hersteller wie Heckler & Koch und Walther, aber auch amerikanische Firmen wie Colt oder Smith & Wesson haben sie jedenfalls prominent im Angebot: Sportwaffen, die Sturmgewehren der US-Armee zum Verwechseln ähnlich sehen.

Mauch, 58 Jahre alt und stark schwäbelnd, schätzt klare Worte. Waffen nennt er "Scheißdinger" oder "Mistzeug", wenn es um Schießunfälle geht. Und sieht er in den Fernsehnachrichten Terroristen und Kriminelle mit jenen Sturmgewehren und Maschinenpistolen herumfuchteln, die er früher mit entwickelt hat, wird ihm heute schlecht. Dennoch ist er kein Pazifist geworden. Schwerter zu Pflugscharen – das sei nie seine Parole gewesen, sagt er. Soldaten und Polizisten brauchten die besten Waffen.

Fast drei Jahrzehnte lang arbeitete Mauch bei Heckler & Koch. Anfangs als Praktikant während des Maschinenbaustudiums, am Ende als einer der Geschäftsführer. Waffen seien eigentlich nie sein Ding gewesen, sagt er, aber die technische Präzision darin habe ihn immer fasziniert. Schon als Berufsanfänger half der Sohn einer Bauernfamilie aus Dunningen am Schwarzwaldrand, ein neues Gewehr für Scharfschützen zu entwickeln.

Nach dem Gerichtsprozess um den toten Jungen in den USA überlegte Mauch, wie sich Waffen sicherer machen ließen. Je mehr er darüber nachdachte, desto wichtiger erschien ihm die Aufgabe. Er ließ Ideen für Sicherungstechnik entwickeln. Heckler & Koch meldete 2002 sogar ein Patent für eine "Vor unberechtigtem Gebrauch geschützte Handfeuerwaffe" an. Auf den Markt kam die Technik aber nie.

Bald darauf übernahmen Investoren den Gewehrbauer. Schnell habe es Streit über den Kurs des Unternehmens gegeben, so berichtet es Mauch. Heckler & Koch nimmt dazu keine Stellung.