Ohne Vorurteile kann der Mensch nicht leben; deshalb hätte Rotkäppchen dem übel beleumundeten Wolf nicht so leichtfertig vertrauen sollen. Anderseits macht das Vorurteil blind, wie ein frischer Bericht des US-Justizministeriums zum Fall Ferguson zeigt. Man erinnere sich: Im August hatte der Polizist Darren Wilson den jungen Schwarzen Michael Brown erschossen. Nach Prüfung des Beweismaterials entschied die Grand Jury damals gegen eine Anklage: Es war nicht Willkür, sondern gerechtfertigte Notwehr.

Gleich danach brachen in Amerikas Städten Wut und Gewalt aus. Die große Mehrzahl der Medien – hier wie dort – hatte lustvoll und ausgiebig das Rassismus-Narrativ verbreitet; da hätte ein schießwütiger weißer Bulle einen unschuldigen Jungen niedergestreckt, der sich ihm mit erhobenen Händen genähert hätte. Das Bild passte "genau", ist aber falsch, wie jetzt der 86 Seiten lange Bericht des US-Justizministeriums zeigt.

Im kleinsten Detail analysiert der Report die Ballistik- und DNA-Indizien sowie die Zeugenaussagen. Nein, Brown wurde nicht in den Rücken geschossen; nein, er hatte sich dem Polizisten nicht mit "Hands up, don’t shoot!" genähert. Dieses ikonische, aber erfundene Zitat erschien landesweit auf den Plakaten, die den Protest befeuerten. Zuvor schon hatte Brown bei einem Diebstahl den Ladenbesitzer bedroht. Er hatte versucht, dem Polizisten die Waffe zu entwinden. Der interessanteste Teil des Berichtes aber zerpflückt die anfänglichen Zeugenaussagen, die das schauerliche Rassismus-Motiv ausgemalt hatten.

Einer nach dem anderen widerrief, wollte es aber nicht offiziell und öffentlich tun, weil er die Rache der schwarzen Gemeinde fürchtete. Nüchtern notiert der Report: Viele Zeugen seien "unzuverlässig, weil sie Aussagen gemacht hatten, die den forensischen Beweisen widersprachen oder im Konflikt mit ihren früheren Behauptungen standen". Im Bericht bleiben diese Zeugen anonym. Einer erklärt, warum er nur als "Zeuge 103" reden wollte. In seiner Nachbarschaft seien lauter Schilder mit der Aufschrift "Petzer werden bluten" aufgetaucht. Die Nummer 108 entzog sich der Vorladung durch die Grand Jury.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Der Bericht endet mit dem lapidaren Satz: "Aus all diesen Gründen folgt, dass dies kein Fall für den Staatsanwalt ist; er sollte geschlossen werden." Doch damit ist die Causa nicht beendet. Am selben Tag gab das Bundesjustizministerium wie zur Kompensation einen zweiten Report heraus, der auf 102 Seiten verkündete, was stellvertretend für die deutsche Presse eine taz-Überschrift zusammenfasst: Amtlich: Polizei in Ferguson rassistisch – im Kern verrottet. Der erste Bericht aber findet in der hiesigen Presse nicht statt – und in der amerikanischen kaum.

Was ein interessantes Licht auf die vierte Gewalt wirft. Die Salvierung des Polizisten Wilson passt nicht ins Bild, die Anklage gegen seine Truppe aber sehr wohl. Sie bestätigt, was wir schon immer wussten: Das weiße Amerika ist und bleibt ein Pfuhl des Rassismus. Die Realität aber gibt sehr selten ein Narrativ von Gut vs. Böse her; "was wir schon immer wussten" müsste in Wahrheit Neugier und kritische Distanz herausfordern. Zu Recht riet Mark Twain, der große Ironiker der amerikanischen Literatur, einem angehenden Journalisten: "Zuerst sollten Sie sich die Fakten besorgen; erst dann dürfen Sie diese zurechtschnitzen, wie es passt."