24. Februar 2015

Lieber Herr Fest –

es ist so weit. Ihren schönen Zuspruch "Bleiben Sie mir erhalten" kann ich nicht mehr mit antwortendem Leben erfüllen. Ich bin leergelebt. Nur noch eine Hülse. Ich irre durch eine taube, echolose Welt – ortlos. Ein überflüssiger Mensch.

Meine Phantasie läuft nicht in den Bahnen von Algorithmen, mein Denken ist nicht digital, meine Sehnsucht kann nicht twittern, meine Träume gibt es nicht per Facebook.

Die Himmel, in die ich einst meine Hoffnungen malte, sind zerbrochen; und nicht nur meine Hoffnungen. Diese Himmel habe ich zeitlebens ausgemolken auch für die Hoffnung so manchen Künstlers, ihm jenen Mut zu Leben und Werk zu schenken, den ich nicht mehr habe. Das Rückgrat meines Lebens ist zerstört. Mein Horizont ist der Tod. Ich fürchte ihn nicht.

Das Schilf am Sylter Watt singt mir nur mehr Heines "Ich hab’ mit dem Tod in der eigenen Brust / den sterbenden Fechter gespielt". Auch vor Ihnen. Mehr, meinte ich, gehörte sich nicht. Für Schluchzer bin / war ich zu altmodisch. Meine geliebten Sylt-Wolken segelten vollgesogen mit meiner Kunstsucht, sie trugen Namen hinan, mal Zurbarán, mal Joseph Roth, mal Winterreise und mal natürlich Tucholsky, dessen Abschiedswort ich übernehme – "keine raison d’être mehr". Ich höre nur mehr Scherben, sie klingen wie das Wetzen der Messer, die mein Herz zerschneiden. Die können den Seelenkrebs nicht operieren.

Lieber Herr Fest: Mir liegt (korrekt: lag) ungemein viel daran, mich von Ihnen anständig zu verabschieden; von Ihnen, vor dem ich versucht habe zu verbergen, wie schwarz die Schatten allmählich wurden; von Ihnen, dem ich so viel zu verdanken habe – dem Verleger für seine ganz ungewöhnliche Fürsorge, dem Menschen für seine Befreundung.

Ich bitte um nichts; fühlen Sie sich nicht verpflichtet, für den ehemaligen Schriftsteller etwas zu tun – ein toter Autor ist sehr tot. Nur dies: Falls Herr Bruns (gemeint ist Gerhard Bruns-Raddatz, der eingetragene Lebenspartner, Anm. d. Red.) irgendetwas braucht, bei dem Sie ihm helfen können: Tun Sie das als letzten Händedruck zwischen uns. Fast hätte ich geschrieben: "Ich werde es Ihnen nicht vergessen."

Jedenfalls habe ich ihn gebeten, Ihnen als Abschieds- und Erinnerungsgeschenk die silberne Wunderlich-Cigarettendose zu übergeben; sie stand so oft dabei, wenn wir an den Manuskripten arbeiteten. Remember.

Adieu.

Ihr Raddatz