Hör zu, Onkel Hans – Seite 1

Vor Kurzem erreichte mich eine Leserzuschrift. "Hauptsache, wir schneiden das faule Stück Fleisch heraus und haben vor den Knilchen Ruhe." Der Twitter-Nutzer, der sich Hans-Jürgen nannte, forderte ziemlich unmissverständlich den Rauswurf Griechenlands aus dem Euro. An Kommentare dieser Art habe ich mich gewöhnt in fünf Jahren Euro-Krise, in denen ich versucht habe, den Lesern die griechische Sicht der Probleme zu schildern.

Wie konnte es so weit kommen, dass zwischen Europäern in einem Ton voller Argwohn und Missgunst gestritten wird? Warum sind wir an einem Punkt angelangt, an dem die griechische Regierung ernsthaft von Deutschland Reparationen verlangt? Ich dachte, wir hätten in Europa die alten Konflikte begraben.

Vor einiger Zeit bin ich nach Kalavryta gefahren, einer kleinen Stadt hoch oben in den Bergen der nördlichen Peloponnes, wo die Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs schrecklich gewütet hat. Die alte Dorfschule ist heute ein Museum, in dem es eine grüne Tür gibt. Ein altes Stück Holz, das Barbarei und Menschlichkeit gesehen hat. Am 13. Dezember 1943 trieben Wehrmachtsoldaten mit ihren Gewehren fast alle Kinder und Frauen aus Kalavryta durch diese Tür in das Schulgebäude hinein.

"Dann haben sie die Schule angezündet. Alle wären beinahe verbrannt." Die Worte von Andreas Papadopoulos hallten nach in meinem Kopf, während ich die Tür betrachtete. Der Cafébesitzer hatte mir wenige Stunden zuvor die Geschichte des Massakers erzählt. Fast jeder in dieser Stadt hat Eltern oder Großeltern, die damals dabei waren. "Wir haben es dem Mitleid eines einzigen deutschen Soldaten zu verdanken", berichtete Andreas weiter, "dass wenigstens die Frauen und Kinder überlebt haben." Dieser eine Soldat zerbrach mit seinem Gewehrkolben das Schloss der alten Holztür und rettete damit Hunderten Menschen das Leben.

Die meisten Männer von Kalavryta jedoch und die damals über 13 Jahre alten Jungen überlebten nicht. Sie wurden von den deutschen Soldaten auf einen Hügel getrieben und im Feuer von Maschinengewehren hingerichtet: 499 Menschen. Fast 200 weitere Opfer kamen in den nächsten Tagen aus den umliegenden Dörfern hinzu. Es waren die schlimmsten Gräueltaten der Wehrmacht in Griechenland.

"Natürlich verlangen wir immer noch eine Entschädigung", sagte mir Andreas, der Cafébesitzer, als ich ihn auf die aktuelle Debatte ansprach. "Es hat bisher schlicht keine direkte Wiedergutmachung gegeben." Die Hinterbliebenen aus Kalavryta und aus anderen Orten der NS-Verbrechen sind mit ihren Klagen bis vor den Europäischen und den Internationalen Gerichtshof gezogen. Doch ihre Beschwerden wurden abgewiesen, weil sie als Privatpersonen nicht gegen Deutschland als Staat klagen durften. Nur eine griechische Regierung könnte dies tun. Sie könnte auch, wie es Ministerpräsident Alexis Tsipras jetzt angekündigt hat, die Rückzahlung einer Zwangsanleihe aus dem Zweiten Weltkrieg verlangen. Denn diese Frage ist tatsächlich weit weniger geklärt als die Forderungen der Hinterbliebenen.

Ich kann verstehen, warum die früheren griechischen Regierungen jedoch darauf verzichteten, sich dieser heiklen Fragen ernsthaft anzunehmen. Zu gut hatten sich die Beziehungen der beiden Länder zueinander nach dem Krieg entwickelt. Auch die Geschichte meiner Familie steht dafür. Mein Vater zog in den siebziger Jahren als Gastarbeiter in eine kleine Braunkohlestadt des Rheinlands. "Ich wollte zwei, drei Jahre arbeiten und etwas Geld verdienen, um in Griechenland ein Haus zu bauen", hat er immer gesagt. Aber er wurde so gut in Deutschland aufgenommen, dass er blieb – wie Zehntausende Landsleute. Sie alle lebten gerne in einem Land, das keine drei Jahrzehnte zuvor ihre Heimat im Krieg überfallen hatte.

Eine gefährliche Spirale aus Vorwürfen und Beleidigungen

Der Ort der Erschießungen in Kalavryta © Zacharias Zacharakis

Wie war es möglich, dass Deutsche und Griechen in dieser kurzen Zeit nach 1945 zueinander fanden? In unserer Familie spielte die Nachbarschaft eine wichtige Rolle: Mein deutscher Ersatz-Opa, ich nannte ihn Onkel Hans, wohnte bei uns gegenüber und hatte als Wehrmachtsoldat in Russland gekämpft. Bei Kaffee und Kuchen am Küchentisch der Familie Zacharakis erzählte uns Onkel Hans viel über den Krieg, die Nazi-Zeit und über Adolf Hitler, der schließlich "nicht nur Schlechtes getan" habe. Meine Eltern und wir Kinder versuchten das irgendwie zu verstehen.

Jeden Sommer stiegen wir und viele andere griechische Gastarbeiterfamilien in unsere schönen deutschen Autos und fuhren damit südwärts in die Heimat meiner Eltern. Wir erzählten dort von dem guten Leben in Deutschland und von den Deutschen, die ja auch nur Menschen seien. Manchmal sogar ganz nette. Das hatten inzwischen auch die griechischen Gastwirte und Hoteliers bemerkt, die deutsche Touristen als zuverlässige Kunden kennenlernten, die, einmal gut behandelt, jedes Jahr wiederkamen. Auf dieser Ebene der kleinen Kontakte entwickelte sich über die Jahrzehnte etwas, das wir in ein großes Wort fassen können: Völkerverständigung.

Und jetzt, ist das alles zerstört? Meine Freunde in Berlin können nicht begreifen, warum Premierminister Tsipras und seine Links-rechts-Regierung die Reparationsfragen mitten in den Verhandlungen um die griechischen Schulden wieder aufgeworfen haben. "Ist das nicht längst alles geklärt?", fragen sie mich. Oder: "Warum holen die plötzlich die Nazi-Keule aus der Kiste?" Wie so häufig muss ich dann versuchen, eine Erklärung zu finden.

Mir fällt nur eine Begründung ein, warum Tsipras die Weltkriegsgeschichte wieder reaktiviert und damit die ohnehin belastete deutsch-griechische Freundschaft weiter strapaziert: Er ist ernsthaft gekränkt und verzweifelt. Ich begleite ihn als Journalist nun schon seit fast drei Jahren. Dieser Mann ist kein verrückter Radikaler, er will schlicht, dass es den Menschen in Griechenland nach sechs Jahren Krise endlich etwas besser geht. Mit einem ökonomisch durchaus schlüssigen Konzept dazu ist er nach der gewonnenen Wahl nach Brüssel gefahren – und auf Beton gestoßen, auf deutschen Beton.

Wir sind in dieser Krise in eine gefährliche Spirale aus Vorwürfen und Beleidigungen hineingeraten. In den letzten Jahren haben mich Arbeitskollegen immer wieder gefragt, ob sie sich als Deutsche überhaupt noch zum Urlaub nach Griechenland trauen sollten. Ich habe dann häufig mit einem Satz geantwortet, den mir ein griechischer Hotelbetreiber einmal gesagt hat: "Wir hassen die Deutschen nicht, wir mögen nur ihre Politik nicht." Und hier liegt wahrscheinlich die Antwort auf die meisten Fragen dieser Tage. Deutschlands Starrheit in der Euro-Krise und Griechenlands Flucht in die Reparationsfrage sind hässliche Rückfälle in eine zutiefst nationale Politik.

Ich würde mir wünschen, dass beide Seiten in diesem Streit ein Stück zurückweichen. Die Reparationsforderungen sind aus der Sicht der Geschädigten berechtigt. Griechenland aber hat auf weitere Zahlungen verzichtet – weil es im Gegenzug eingebunden wurde in die Europäische Union. Den Schuldigen wurde vergeben. Auch die deutsche Regierung sollte sich in der Frage der griechischen Schulden bewegen, sonst nimmt dieser Konflikt nie ein Ende. Es ist unbestritten, dass Griechenland in der Vergangenheit schwere Fehler begangen hat. Jedem in diesem Land ist dies schmerzlich klar geworden. Aber auch im Schuldenstreit sollte es nicht um Bestrafung, sondern um eine Lösung gehen.

Die Menschen in Kalavryta machen vor, wie Europa funktioniert. Sie organisieren seit Jahren einen Austausch mit deutschen Schülern. Sie halten das Gedenken aufrecht – ohne Hass. Auch der Cafébesitzer Andreas weiß Versöhnliches zu berichten: "Jedes Jahr im Sommer kommen viele Deutsche her", sagt er. Sie besuchen die Gedenkstätten des Massakers, gehen in die alte Schule mit der grünen Tür. "Wir sitzen dann gemeinsam in unserem Café und reden über die Vergangenheit und Zukunft", sagt Andreas. Das sei nicht leicht, aber es gehe.

Sollte Europa Griechenland nicht endgültig aufgeben wollen, kann man sich an den Bürgern und Besuchern von Kalavryta ein Beispiel nehmen. Wer an die Zukunft Europas glaubt, muss sich hin und wieder selbst überwinden.

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