Der berühmte Astronom Tycho Brahe nahm im Jahr 1601 in Prag an einem Bankett von Kaiser Rudolf II. teil. Die Legende sagt, dass er wegen der Etikette – niemand verlässt den Tisch, solange der Kaiser noch sitzt! – ein dringendes Bedürfnis zu lange herausschob. Als er wieder durfte, konnte er nicht mehr – elf Tage lang quälte er sich, dann starb er an Nierenversagen.

Die Geschichte ist mit ziemlicher Sicherheit falsch. Wer lange den Harndrang unterdrückt, dessen Blase verschließt sich nicht etwa komplett, eher passiert das Gegenteil. Je länger man wartet, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Schließmuskel dem Willen nicht mehr gehorcht und sich alle Tore öffnen.

Unsere Harnblase fasst, je nach individueller Anatomie und Geschlecht, weniger als einen Liter Flüssigkeit. Wenn sie sich füllt, dehnt sich ihre Wand, und es gibt Sensoren, die das feststellen. Die melden unserem Gehirn schon bei halb voller Blase, dass es jetzt an der Zeit wäre, sich zu erleichtern. Wer also einen starken Harndrang verspürt, dessen Blase ist noch lange nicht "zum Platzen" gefüllt. Die meisten von uns werden es gar nicht schaffen, die Blase bis zur maximalen Kapazität zu füllen.

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Es gibt Situationen, in denen Menschen die Signale nicht wahrnehmen, etwa wenn sie stark betrunken sind. Kann dann die Blase platzen? Es hat Fälle gegeben – allerdings war dann immer noch eine starke äußere Einwirkung auf die Blase notwendig, etwa ein starker Schlag oder ein Sturz.

Generell ist es also nicht gefährlich, für eine Weile den Drang zur Toilette zu unterdrücken. Man sollte aber auch keinen Sport daraus machen. Wer die Blase regelmäßig entleert, der spült auch eventuelle Bakterien heraus und verhindert deren Vermehrung. Und eine ständige Überdehnung der Blase kann auch deren Muskulatur schwächen.

Und erst recht sollte man keine Einhalt-Wettbewerbe veranstalten. Im Jahr 2007 lobte ein Radiosender in Kalifornien unter dem Motto Hold your Wee for a Wii eine der begehrten Spielkonsolen aus. Die Teilnehmer mussten in regelmäßigen Abständen Wasser trinken – wer es am längsten aushielt, ohne zu pinkeln, sollte gewinnen. Eine Teilnehmerin bezahlte das Spiel mit dem Tod. Sie starb aber nicht an Problemen mit der Blase, sondern an einer Wasservergiftung (siehe dazu das Stimmt’s? in der ZEIT Nr. 1/05).

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de.

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