Zum vierten Jahrestag des syrischen Aufstands haben die USA Baschar al-Assad scheinbar das schönste Geschenk präsentiert: die Aussage des amerikanischen Außenministers John Kerry, man werde wohl doch mit dem Diktator verhandeln müssen, um den Krieg zu beenden. Assads Rücktritt hatte Washington bekanntlich lange Zeit ebenso wortreich wie folgenlos verlangt.

Inzwischen ist Kerry zurückgerudert, aber seine Andeutung, dass der Westen mit Assad reden muss, hat gehörige Aufregung ausgelöst. Die syrische Opposition ist empört, die französische Regierung erklärte den syrischen Präsidenten erneut zum Paria, der für den Tod Abertausender Menschen verantwortlich sei.

Lassen wir die ethischen Prinzipien einfach mal beiseite und stellen die hässliche realpolitische Frage: Muss man mit Assad und der syrischen Armee nicht doch kooperieren, um die größere Gefahr, den "Islamischen Staat", zu besiegen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Die realpolitische, garantiert ethikfreie Antwort lautet: Nein. Assads Armee ist noch stark genug, um Fassbomben auf Wohnviertel zu werfen, aber längst außerstande, größere Gebiete zurückzuerobern und zu halten. Auch in den alawitischen Hochburgen erwächst Assad Konkurrenz. Viele der alawitischen Milizen, die er als Schattenarmee in diesen Krieg geschickt hat, schikanieren und erpressen inzwischen die regimeloyale Zivilbevölkerung und entziehen sich der Kontrolle von Damaskus.

Selbst wenn er ernsthaft wollte: Assad hätte im Krieg gegen den IS nichts mehr zu bieten.

Er will es auch gar nicht. Denn es würde sein Ende bedeuten.

Egal, ob im Irak oder in Syrien, den IS kann man nur mit der Unterstützung der sunnitischen Bevölkerung besiegen. Anders als im Irak, wo es enge Verflechtungen zwischen dem IS, sunnitischen Stämmen und alten Netzwerken aus Saddam-Zeiten gibt, ist die Terrormiliz in Syrien ein Fremdkörper, der mit schierer Gewalt in das Machtvakuum des Bürgerkriegs eingedrungen ist. Assad ließ den IS – und lässt ihn immer noch – weitgehend gewähren, nimmt er ihm doch einen Teil seiner Arbeit ab: die systematische Zerstörung und Unterwerfung von Gebieten, in denen Formen der Selbstverwaltung – und damit politische Alternativen zum Regime entstanden waren.

Seit die US-geführte Koalition im September 2014 ihren Luftkrieg gegen den "Islamischen Staat" auch auf syrisches Territorium ausgedehnt hat, hat Assad die Bombardierung von Gebieten unter Kontrolle moderater Rebellen massiv erhöht. Dabei kamen nicht nur unzählige Zivilisten, sondern auch Rebellen ums Leben. Ebenjene, die nach dem Plan der USA irgendwann als Bodentruppen gegen das Kalifat marschieren sollten.

Die USA sehen dem tatenlos zu, weswegen immer mehr Syrer überzeugt sind, dass die USA – und damit der Westen – mit Assad gemeinsame Sache machen. Viele Syrer sehen sich vor die Wahl gestellt zwischen der Anarchie zersplitterter Rebellengruppen, dem unberechenbaren Terror des Assad-Regimes und dem – für Sunniten – berechenbaren Terror des IS. Und für viele ist die dritte Option jene, die am ehesten das Überleben garantiert.

Assads ungebremste Zerstörungswut gegen das eigene Land ist also eine Existenzgarantie für das Kalifat in Syrien. Das zu begreifen wäre der erste Schritt zu seiner Bekämpfung. Dies würde in der Tat bedeuten, dass man mit dem syrischen Diktator reden müsste. Eine kurze Botschaft reicht: Syrische Luftangriffe gegen Wohnviertel, womöglich noch im Windschatten amerikanischer Kampfflugzeuge wie unlängst in Rakka geschehen, haben ab sofort militärische Konsequenzen.

Alles Weitere muss man ohnehin nicht in Damaskus diskutieren, sondern in Teheran und Riad. Das Schicksal der Syrer hängt maßgeblich davon ab, ob Iran und Saudi-Arabien den IS als gefährlich genug ansehen, um darüber ihren Stellvertreterkrieg in Syrien einzustellen. Momentan sieht es nicht danach aus.