DIE ZEIT: Frau Stoschek, Ende des Monats zeigen Sie einen Teil Ihrer Sammlung im Tel Aviv Museum of Art...

Julia Stoschek: ... das stimmt, und über die Einladung des Museums habe ich mich besonders gefreut.

ZEIT: Warum ist Ihnen das so wichtig?

Stoschek: Die Ausstellung ist Teil des Programmes zum 50. Jahrestag der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland und damit auch Teil eines hochsensiblen politischen Jubiläums. Es ist die erste deutsche Privatsammlung überhaupt, die in Israel gezeigt wird.

ZEIT: Inwieweit hat der politische Kontext die Auswahl der Arbeiten beeinflusst?

Stoschek: Wir zeigen dort zum Beispiel eine Arbeit von Christoph Schlingensief, die in einem nachgebauten Hitler-Bunker spielt. In dem Video sieht man Affen, die Hitler-Bilder von der Wand reißen! Auf andere Weise politisch ist in Israel natürlich die Arbeit von Mathilde de Heijne mit dem Titel Suicide Bomb ...

ZEIT: ... damit wird ein Trauma der israelischen Gesellschaft berührt.

Stoschek: Ich war wirklich überwältigt, mit welch enormer Offenheit unsere Partner in Tel Aviv diese Ausstellung kuratiert haben – in dem klaren Willen, auch Schmerzhaft-Kontroverses zu zeigen und zu ertragen. Das steht nicht nur im scharfen Kontrast zur totalitären Praxis der Nachbarstaaten Israels, sondern auch in einem erfreulichen Gegensatz zu meinen Erfahrungen in Russland.

ZEIT: Was haben Sie dort erlebt?

Stoschek: Bei der Manifesta in St Petersburg letztes Jahr wurden Arbeiten meiner Sammlung, die Sexualität thematisiert haben, zensiert und aus der Ausstellung entfernt. Es bleibt dabei, wie eine Gesellschaft mit Kunst- und Meinungsfreiheit umgeht, ist der entscheidende Indikator ihrer demokratischen Verfasstheit!

ZEIT: Sie ahnen vermutlich, dass die Ausstellung in Tel Aviv zu einer politischen Debatte führen könnte. Ist das Ihre Absicht? Wollen Sie provozieren?

Stoschek: Provokation an sich interessiert mich nicht. Das ist mir zu platt und zu einfach. Außerdem habe ich die Auswahl nicht alleine getroffen, die Ausstellung wird von Ruth Direktor kuratiert. Mir ist der politische Kontext von Kunst bewusst. Der Kerngedanke meiner Sammlung und somit auch der Ausstellung ist aber die Zeitgenossenschaft.

ZEIT: Frau Stoschek, vor 50 Jahren, zu Beginn der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und Deutschland, gab es die Zeitbasierten Medien, die Videokunst und das Bewegtbild als Kunstform noch nicht. Jedenfalls noch nicht in einer wirklich wahrnehmbaren Weise.

Stoschek: Da gibt es eine reizvolle Koinzidenz. Denn vor etwa 50 Jahren entstand die Videokunst. 1963 kam die erste portable camera auf den Markt. Wir wollen es nicht überhöhen, aber die Videokunst, das jüngste Medium der Kunstgeschichte, und diese vielleicht sensibelste, von der Geschichte beladenste und damit kostbarste Freundschaft zwischen zwei Ländern – diese beiden so unterschiedlichen historischen Ereignisse entstanden in etwa zum gleichen Zeitpunkt.

ZEIT: Sie haben gerade die Zeitgenossenschaft als Kerngedanken Ihrer Sammlung bezeichnet und auch schon öfter davon gesprochen, dass die Arbeiten, die Sie sammeln, ein Abbild einer jungen Generation seien. Was macht sie aus, diese Ihre Generation?

Stoschek: Das will ich so pauschal nicht beantworten. Ich bin aufgewachsen mit MTV, die Welt der bewegten Bilder ist mir sehr nahe.

ZEIT: In Ihrer Sammlung finden sich inzwischen Werke von Künstlern, die weit jünger sind als Sie. Können Sie deren Ideen folgen?

Stoschek: (lacht) Ich hoffe, es geht gerade noch. Aber richtig ist: Die jüngeren Künstler, Jahrgang 1980 oder noch später, wie Ryan Trecartin oder Ed Atkins, das sind die wirklichen Digital Natives, die sind, im Gegensatz zu mir, komplett in der digitalen Welt aufgewachsen. Trecartin zum Beispiel arbeitet mit diesen Internetkürzeln, dieser Facebook-Sprache, das ist für mich wie Dadaismus. Da gibt es eine komplett neue Sprache. Das ist absolute Echtzeit.

ZEIT: Verstehen Sie diese Sprache?

Stoschek: Ich versuche es.

ZEIT: Frau Stoschek, in einer Pressemitteilung zu der Ausstellung in Tel Aviv heißt es: "Die Ausstellung konzentriert sich auf existenzielle Fragen sowie die formalistischen technischen Aspekte von Videokunst." Was sind "existenzielle Fragen"?

Stoschek: Fragen, die uns alle beschäftigen. Wie leben wir? Wo leben wir? Warum und wofür leben wir? Diese Fragen interessieren alle und Künstler, die Zeitbasierte Medienkunst schaffen, besonders.

ZEIT: Stellen Sie sich diese Fragen auch als Sammlerin, vor allem aber als Mensch?

Stoschek: (lacht) Ja, klar. Aber vor allem bin ich Archivarin der aktuellen Kunstproduktion.

ZEIT: So meine ich das nicht.

Stoschek: Ich ahne das.

ZEIT: Ich versuche es noch mal: Sie befassen sich quasi permanent mit Künstlern und Arbeiten, die sich auf zum Teil sehr unmittelbare Weise mit den wirklich krassen Fragen des Lebens beschäftigen. Versuchen Sie, das von sich fernzuhalten, oder setzen Sie sich dem aus?

Stoschek: Ich muss das nicht fernhalten. Ich trenne die Kunst gewiss nicht von meinem Leben. Die Künstler und die Kunst prägen mich sehr. Es liegt mir aber nicht, mich und mein Leben zu interpretieren oder zu kommentieren.

ZEIT: Gibt es einen Künstler, eine Arbeit, die Ihr Leben verändert hat?

Stoschek: Gibt es, auf jeden Fall.

ZEIT: Ich meine Ihr Leben, nicht Ihr Wirken als Sammlerin.

Stoschek: Das habe ich schon verstanden. Ja, es gab eine Begegnung in New York, 2003, es war die erste Berührung mit der Videokunst, ich sammelte noch nicht. Ich sah die Arbeit von Douglas Gordon: Play Dead. Real Time. Ich weiß nicht, ob Sie die kennen ...

ZEIT: ... leider nicht.

Stoschek: Man steht in einem riesigen Raum, zwei große Screens, ein Monitor am Boden. Und man sieht, in Überlebensgröße, einen Elefanten, der dressiert wurde, sein eigenes Sterben zu spielen. Einem Tier beizubringen, seinen eigenen Tod zu spielen, das hat mich ungeheuer berührt. Man sitzt davor, es wird einem fast schwindelig, alle, wirklich alle Sinne werden angesprochen, der ganze Körper, das hatte ich bis dorthin noch nicht erlebt. Und es war die erste Begegnung mit Videokunst, die ja dann auch mein Leben bestimmen sollte.

ZEIT: Sind es genau solche Momente, für die man sammelt?

Stoschek: Sicherlich auch.

ZEIT: Auch?

Stoschek: Ja, weil es auch andere Antriebe gibt und ich nicht alles auf Begriffe wie Katharsis reduzieren möchte.

ZEIT: ... einen eigentlich sehr passenden Begriff.

Stoschek: Es geht nicht immer nur darum, Dinge zu durchdringen. Aber natürlich geht es immer auch um diesen Moment der persönlichen Erlebbarkeit ...

ZEIT: ... der Einsamkeit auch?

Stoschek: Ja, das ist ein Gefühl, das ich leider gut kenne.

ZEIT: Man sagt ja oft, die eigentliche Kreativität, das Schaffen, das Genie, auch in der Kunst, brauche die Einsamkeit.

Stoschek: Verzeihung, aber das ist schon sehr klischeebeladen. Trotzdem glaube ich, dass das bei vielen Künstlern so ist.