Vor genau hundert Jahren saß der junge ungarische Philosoph Georg Lukács in Heidelberg und schrieb in einer Stimmung der Hoffnungslosigkeit und der Verzweiflung über den Ersten Weltkrieg seine späterhin berühmt gewordene Theorie des Romans. Darin prägte er die klassisch gewordene Formel, der Roman sei "ein Ausdruck der transzendentalen Obdachlosigkeit". Die Romanhelden beschrieb er als irrende "einsame Wanderer". Ihr trübes "inneres Licht gibt nur dem nächsten Schritt die Evidenz der Sicherheit oder – ihren Schein. Von innen strahlt kein Licht mehr in die Welt der Geschehnisse und in ihre seelenfremde Verschlungenheit."

Dieses Frühjahr erscheint, hundert Jahre nach der Theorie des Romans, das Buch eines ungarischen Erzählers mit stark philosophischem Einschlag, das sich liest, als seien Lukács’ Formulierungen eigens dafür erfunden worden. László Krasznahorkais Die Welt voran ist ein unerhörtes Buch bedrückendster Irrfahrten. Es erzählt von Menschen, die nicht wissen, wo sie sind, nicht wissen, wo sie hinwollen, -sollen oder -können, nicht mehr wissen, wozu sie sich mit alldem befassen, und schon gar nicht wissen, mit welchen Worten sie dieses Nichtwissen, Nichtkönnen, Nichtsein kundtun sollen. Es erzählt von diesen Irrfahrten mit einer desperaten sinnsucherischen Energie, die etwas Ungarisches haben mag und hierzulande allenfalls in Botho Strauß noch einen Verwandten findet.

Und es benutzt für seine Botschaft, denn mit einer solchen haben wir es zu tun, eine Vielfalt von Formen. Weil Worte, auch Krasznahorkais alle Grenzen des konventionellen Satzes sprengenden Wortflüsse nicht ausreichen, um zu sagen, was Worte nicht mehr sagen können, verzichtet eine vielsagend an den Schluss gestellte Erzählung sogar ganz auf Worte: Der Schwan von Istanbul besteht, wie ein in Klammern gesetzter Untertitel sagt, aus "79 Absätzen auf weißen Seiten". Auf 21 blanke Seiten folgen dreieinhalb Seiten mit 30 (pseudo)wissenschaftlichen Anmerkungen, die geheimnisvoll das Thema Vergessen und Wortlosigkeit variieren.

Er redet, Er erzählt, Er verabschiedet sich: So heißen die drei Teile des Buches, das aus 21 Prosastücken und einem Epilog besteht und bei all seiner Disparatheit doch fast so zusammenhängend scheint wie ein philosophischer Traktat. Erst im Mittelteil bekommen wir elf Stücke zu lesen, die man Erzählungen nennen kann, örtlich und zeitlich konkret gebundene Geschichten. Davor schickt der 1954 geborene Krasznahorkai, neben Imre Kertész, Péter Nádas und Péter Esterházy der bedeutendste ungarische Autor der Gegenwart, seine Leser durch Texte, die in der Eiswüste der Abstraktion spielen. Den Auftakt macht eine programmatisch betitelte Irrfahrt im Stehen, auch Irrfahrt im Ungewissen. Sie markiert, frei nach Lukács’ Worten, gleichsam den Nullpunkt in der transzendentalen Topografie des Krasznahorkaischen Geistes. Es ist die Konfession eines Jemand, der seinen "Ort" verlassen will, weil es der Ort ist, "den man wegen seines unerträglichen, nicht auszuhaltenden, kalten, traurigen, öden und tödlichen Gewichtes fliehen muss". Aber da ihm sein "Richtgefühl" nur zwei diametral sich ausschließende Richtungen weist, kommt er "während seiner jahrhundertelang scheinenden Wanderung" nicht vom Fleck, er bleibt "an dieses unendlich fremde Land (...) gefesselt".

Nach sieben nur durch Kommata und zwei Doppelpunkte gegliederten Seiten steht er aller "Sehnsucht" und "Verheißung" (Lukácsche Vokabeln auch dies) zum Trotz noch immer auf dem gleichen "sohlengroßen Stück Land" wie am Anfang, "weil dieser Punkt sein Zuhause ist, genau dorthin wurde er geboren, und dort muss er einmal auch sterben, zu Hause einst, zu Hause, wo alles kalt und traurig ist".

Auf diese allgemeine Bestimmung der condition humaine lässt Krasznahorkai in den folgenden Stücken philosophische und zeitdiagnostische Ortsbestimmungen folgen. Er bezieht sich auf Nietzsche und Buddha und ortet uns als "Gefangene eines auf Grund gelaufenen geistigen Zustandes" ohne Gott und Ideale. Er liest 9/11 als "das für uns in alle Ewigkeit unverständliche Wirken des unvermeidlichen Zufalls" und datiert auf den Einsturz der "beiden Großen Türme" dennoch den Beginn "einer neuen Welt", "eine radikal neue Epoche", die wir nicht verstehen und für die unsere einst so glänzende Sprache nutzlos, machtlos, plump ist. Er lässt einen weitschweifigen Redner bilanzieren: "Hinter Ihnen ist das Universum, auch wenn es nicht existiert. Hinter mir ist, auch wenn es existiert, nur das Nichts und wieder das Nichts." Wir wissen nichts und sind doch nur hundert Menschen entfernt vom Denken Buddhas, jenes "originellsten Philosophen der Erde", dessen Ideen "weg vom Sinn und weg von der Bedeutung, weg vom Durst der Sehnsucht und des Leidens" führten und "uns die Erleuchtung" hätten bringen können.

Man atmet unweigerlich auf, wenn nach solchen Exerzitien die konkreten Erzählungen des Mittelteils folgen. Mit einem schwer betrunkenen Simultandolmetscher irren wir staunend durch Shanghai, landen im Koma am Nine Dragon Crossing, wo unzählige Autobahnen übereinander den Triumph der Technik und den Verlust der Weisheit symbolisieren. In einer anderen Erzählung irren wir mit einem Westler durchs Gewühl des indischen Varanasi und kommen mit einem dicken Mann, der verdächtig nach einem Wiedergänger Buddhas aussieht, ins Philosophieren über das Wesen des Wassers. Oder wir fliehen mit einem portugiesischen Arbeiter aus dem Staub der Marmorbergwerke in die reine Bergluft der Serra d’Ossa und stoßen dort auf einen verfallenen und verlassenen Palast mit einem solchen Reichtum an Fliesen, "als hätten sie in diesem riesigen Palast alles erzählen wollen, was in der Geschichte der Menschheit von den Anfängen bis dahin geschehen war".

Man atmet auch deshalb auf, weil in den Erzählungen des Mittelteils jenes Herumirren, das im philosophischen Eröffnungsteil mehr behauptet als gezeigt wurde, endlich Form geworden ist. Allerdings tragen auch die mittleren Geschichten schwer an ihrer Bedeutung, und die philosophischen Erörterungen, in die manche von ihnen ebenfalls irgendwann geraten, erscheinen bei allem Scharfsinn doch etwas steril.

Alles in allem jedoch atmet man kein einziges Mal so frei und glücklich auf, wie man es durchgängig bei jenen meisterlichen Erzählungen in Krasznahorkais vorherigem Band Seiobo auf Erden getan hat, dem 2010 auf Deutsch erschienenen Schwester- und Gegenbuch. Die Welt voran zeigt die Sinnlosigkeit und den Verlust des Heiligen; Seiobo zeigte die Präsenz des Heiligen und die Erleuchtung. Krasznahorkai ist, dies nur nebenbei, mit diesem antithetischen Buchpaar in umgekehrter Reihenfolge geglückt, was hundert Jahre früher Georg Lukács, unserm anderen Ungarn, versagt geblieben war. Dieser hatte der tristen und transzendental obdachlosen Theorie des Romans ein Buch der Erfüllung und Erleuchtung folgen lassen wollen: Eine Studie über Dostojewskis befreite Seelen wollte er, wie er Max Weber schrieb, in "die bewusste und ausgesprochene, aus den Literatur- und Zeitanalysen wieder entsteigende Metaphysik" münden lassen. Es ist nicht dazu gekommen.

Warum aber schenkte einem Seiobo mit seinen unterschiedlichen, beispielhaften Geschichten dauerhaft jenes Leseglück, das sich im neuen Buch nicht ohne Weiteres einstellen will? Aus drei Gründen: Krasznahorkai ist es mit dem Heiligen erkennbar ernst, während seine Diagnosen der Sinnlosigkeit etwas bloß Behauptendes, ja Posierendes haben. Sodann: Der Weg zum Heiligen gibt den Erzählungen von Seiobo eine Dimension der Entwicklung und Spannung, die den repetitiven Irrfahrten des Sinnlosen meist fehlt. Schließlich: Krasznahorkai präsentiert uns das Sinnlose direkt und abstrakt, während er uns zum Heiligen nur indirekt und sehr konkret gelangen ließ – durch handwerklich präziseste Beschreibungen beispielsweise der Kunst des japanischen Maskenbaus oder der russischen Ikonenmalerei.

Nur eine Erzählung beschwört die Absenz des Heiligen so überzeugend wie der Vorgängerband seine Präsenz. Das zweitletzte Stück Gehen in einem Raum ohne Segen gibt in dreißig puritanisch gefügten Paragrafen das Ritual eines negativen Gottesdienstes: Eine Gemeinde entweiht und schließt ganz buchstäblich ihre Kirche – in vollendeter Sündhaftigkeit, wie wiederum Lukács gesagt hätte, in "Frevel und Niedertracht", wie Krasznahorkai sagt, nimmt sie Abschied vom Heiligen. Da danach nur noch die zwanzig Seiten der leeren Erzählung und ein knapper Epilog folgen, ist dieses stärkste, ganz zu reiner Form gewordene Stück zugleich Krasznahorkais Schlusswort.