Man kann stundenlang durch die Stadt radeln, ohne hinterher ein konkretes Bild im Kopf zu haben. Zum Teil liegt das daran, dass Leipzig keine einprägsame Silhouette und auch sonst wenig klassische Sehenswürdigkeiten hat. Schon im 18. und 19. Jahrhundert, als Leipzig noch eine der reichsten Städte Europas war, scheint den Einwohnern das Geschäft wichtiger gewesen zu sein als das Image. Doch heute, zwei Weltkriege und drei Systemabstürze später, scheint hier gar nichts mehr richtig zusammenzupassen.

Es gibt, vor allem im Zentrum, fantastische alte Kontorhäuser, deren Fassaden so üppig verziert sind, dass man fürchten muss, sie könnten unter der Last des Ornaments einstürzen. Dahinter sitzen heute Ketten wie Sport Scheck, Zara und H&M. Es gibt viel Grün und viel Wasser, aber auch viel schnödes Brachland. Selbst in den besseren Wohnvierteln rund um den Clara-Zetkin-Park findet man zwischen all den herausgeputzten Bürgerpalästen immer wieder völlig zugewucherte Villen, in denen garantiert kein Zahnarzt wohnt. Auch der Künstler-Hotspot Plagwitz, das ehemalige Industriegebiet draußen im Westen, empfängt den Besucher eher kühl.

Auf einer Verkehrsinsel hinter dem Bahnhof steht ein baufälliges Hüttchen mit einem Schrebergarten drum herum, dessen Besitzer sich bereits mehr als ein Bier genehmigt hat. Durch das gigantische Areal der ehemaligen Baumwollspinnerei, ein paar Hundert Meter weiter stadtauswärts, fegt der Wind. Wüsste man nicht, dass viele der berühmten Leipziger Künstler, Neo Rauch, Ricarda Roggan, David Schnell, hier seit Jahren ihre Ateliers haben, könnte man denken, die abgewickelte Fabrik warte noch immer auf ihre neue Bestimmung.

... ein Sprayer an einer legalen Graffitiwand in Plagwitz

Sicher, es gibt ein kleines Café, die sogenannte Versorgung, es gibt Hinweisschilder auf Einrichtungen, die Carpe Plumplum, Luru-Kino oder einfach Ateliergemeinschaft XY heißen. Doch viele der alten Fabrikhallen stehen leer, manche Scheiben sind eingeschlagen, zwischen den Pflastersteinen blühen die ersten Krokusse. Vor dem Treppenaufgang zu Halle 18 steht Uwe-Karsten Günther, der Künstler, der immer wieder nach Leipzig zurückkehrt, wenn er es anderswo nicht mehr aushält. Er würde jetzt gern eine Zigarette rauchen. Doch leider ist seine kleine Tochter gerade ins Atelier gerannt, und Günther kann sich denken, was die da vorhat: "Nicht aufräumen, Schätzchen!", ruft er. "Das muss alles genau so bleiben!"

Drinnen, in seinem "Laden für Nichts", präsentiert er die Reste eines Gelages, zu dem er vor ein paar Monaten geladen hatte. 15 Freunde, darunter der Maler Paule Hammer und der Schriftsteller Clemens Meyer, haben hier eine Nacht lang gegessen, getrunken, gearbeitet und geschimpft, bis es am nächsten Morgen so aussah wie jetzt: Die lange Tafel biegt sich unter Speiseresten, leeren Flaschen und überquellenden Aschenbechern, die Wände sind bis zur Decke bemalt, teils mit Kunstwerken, die man teuer verkaufen könnte, teils mit Schmierereien, Invektiven und den Zeugnissen gekränkter Männlichkeit. "Ich wünsche mir einen heterosexuellen Mäzen", steht da etwa oder: "Ich gay kaputt."

"Vieles davon ist uns selbst peinlich", sagt Günther. Aber Kunst, so wie er sie versteht, darf sich nicht in Referenzen verstricken und ständig nach Vermarktung schielen. "Kunst darf ruhig mal peinlich sein." Ein Ortsfremder könnte das als Kritik an der Leipziger Maler-Prominenz empfinden, deren märchenhafter Aufstieg die Stadt schon vor über zehn Jahren bei Sammlern aus aller Welt ins Gespräch brachte. Doch selbst Neo Rauch, noch immer der bekannteste und teuerste Leipziger Maler, gehört zum erweiterten Freundeskreis des "Ladens für Nichts", genau wie sein Galerist Gerd Harry Lybke.

Dessen Galerie Eigen + Art, zwei Backsteinhallen weiter, zeigt auf den ersten Blick, dass der Betreiber kein Problem mit Kunstvermarktung hat. Ein schicker Empfangstresen mit diversen gut aussehenden Mitarbeiterinnen, eine eigene Bibliothek, zwei Schauräume und Videoinstallationen im Keller. Im großen Saal zeigt Lybke gerade stilllebenhaft eingefrorene Szenen von Demütigung, Ausgrenzung und Begehren, das Spätwerk eines ungarischen, nicht mehr ganz jungen Wilden. Die Preise stehen dezenterweise gar nicht dran. In Leipzig koche halt jeder seine eigene Suppe, sagt er. Und doch sei allen klar, "dass wir am Ende nur einen großen Topf haben".

So begeistert, wie er in den nächsten zwei Stunden das Hohelied auf die Toleranz der alten Handelsstadt singt, auf ihren Bürgersinn, ihre Gastfreundschaft und ihre besonnenen Regierungen, die in den vergangenen 25 Jahren fast alles richtig gemacht hätten, glaubt man, er würde sich um einen Posten beim Stadtmarketing bewerben. Doch vielleicht ist Lybke einfach nur ein Lokalpatriot, der sich freut, wie gut es für ihn und seine Stadt in den letzten Jahren gelaufen ist.

Die Voraussetzungen waren hier nach der Wende ja nicht besser als in anderen mitteldeutschen Städten. Fast 100.000 Industriearbeitsplätze hatte Leipzig verloren und mindestens so viele Einwohner. Bis Ende der neunziger Jahre muss es in ganz Leipzig so grau und leer ausgesehen haben wie heute nur noch in Anger-Crottendorf.

"Ohne den Aufbau Ost wäre hier wahrscheinlich alles in sich zusammengestürzt", sagt Sebastian Ringel am nächsten Vormittag bei einem frisch gepressten Orangensaft in einem kleinen arabischen Café auf der Karl-Heine-Straße. Es ist ein schöner Vorfrühlingstag, die Sonne wärmt schon ein bisschen, die Cafés stellen Stühle aufs Trottoir. Junge Menschen mit Instrumentenkoffern auf dem Rücken radeln stadtauswärts. Doch Ringel zieht es in die andere Richtung. Für den Stadtführer liegt die Erklärung für das Wunder von Leipzig im Zentrum. Schnell landen wir da allerdings nicht.

Immer wieder steigt er unterwegs vom Rad, um den Unterschied zwischen Reformstil und Art déco zu erklären, ein besonders üppiges Jugendstil-Geranke zu bewundern oder sich für die Opulenz eines Gründerzeithauses zu begeistern. Ringel, der gerade ein Buch über die Leipziger Stadtgeschichte geschrieben hat, kann einem genau erklären, warum Banken früher im Neobarock-Stil errichtet wurden, Bibliotheken eher der Renaissance verpflichtet waren. Am Karl-Heine-Kanal entdecken wir einen pseudovenezianischen Palazzo. Wer da wohl wohnt? "Reiche Leute – oder Menschen wie du und ich."