Joachim Sartorius, der als Diplomatensohn in Tunesien, im Kongo und in Kamerun aufwuchs und selbst als Diplomat in New York, Ankara und Nikosia diente, zählt heute zu den umtriebigsten Figuren des Berliner Kultur-Establishments. Der von Mitterrand zum Ritter der Künste Gekürte hat sich nicht nur als Lyriker, Übersetzer und Herausgeber (etwa von Malcolm Lowry und William Carlos Williams) einen Namen gemacht, sondern er gehört zu der von Sammlerlust getriebenen Spezies der Anthologisten. Sein 1995 erschienener Atlas der neuen Poesie, in dem viele Dichter der neueren Weltpoesie erstmals in deutscher Übersetzung auftauchten, kann in seiner Bedeutung wohl nur mit Enzensbergers legendärem Museum der modernen Poesie von 1960 verglichen werden. Die schönste Anthologie aber, die wir Sartorius verdanken, trägt den Namen (s)eines literarischen Sehnsuchtsortes: Alexandria – Fata Morgana. Mit der jüngsten seiner Anthologien, Niemals eine Atempause – Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert, hat Sartorius leider weniger Glück, zumindest wirft sie viele Fragen auf. Doch der Reihe nach.

Was ist überhaupt ein politisches Gedicht? Stellt nicht jedes vollkommene Gedicht, auch oder gerade wenn es keine politische Botschaft befördert, schon durch seinen Abstand zur Welt der politisch-gesellschaftlichen Zwänge einen Einspruch gegen diese dar und ist allein dadurch, dass es keine politische, sondern eine andere Sprache spricht, implizit politisch? Joachim Sartorius fasst den Begriff "politische Poesie" viel enger. Für ihn ist ein Gedicht nur dann politisch, "wenn es ein politisches Thema hat, also der Anlass, das Gedicht zu schreiben, ein politischer gewesen ist". Weshalb er seine Anthologie in Kapitel unterteilt, die jeweils eine politische Epoche oder einen politischen Umbruch bezeichnen, denen dann entsprechende Gedichte zugeordnet sind. Der Radius reicht dabei vom Genozid an den Armeniern bis zum Bosnienkrieg und zur Belagerung Sarajevos, wobei – und hier beginnen schon die Fragezeichen – der Bombenkrieg der Nato gegen Serbien (den der große serbische Lyriker Miodrag Pavlović in seinem erschütternden Spätwerk anklagte) seltsamerweise ausgespart bleibt.

Im 20. Jahrhundert steht politische Poesie im Zeichen von Katastrophen und Tragödien. Das Preisen und das Erhabene wurden ihr jedenfalls gründlich ausgetrieben. Walt Whitmans Lobgesänge auf die Demokratie sind nur noch schöne Erinnerung an urferne Zeiten. Und wenn auch Brecht noch einmal in hohem, erhabenem Ton das Lob des Kommunismus anstimmte – Sartorius wollte darauf in seiner Auswahl nicht verzichten –, so wirkt das heute doch ziemlich schal, bestenfalls rührend wie alte Schlager. Politische Poesie schließt Affirmation jetzt aus, geblieben sind ihr einzig Anklage und Klage. Auch muss sie mit Repressionen rechnen. Sartorius weist in den knappen und klugen historischen Einführungen zu den einzelnen Kapiteln seiner Anthologie nach, wie viele der von ihm vorgestellten Autoren ins Exil getrieben, ins Gefängnis geworfen, gefoltert und ermordet wurden.

So interessant diese Anthologie dort ist, wo Sartorius sich den Rändern widmet – in der armenischen, bosnischen, afrikanischen, vietnamesischen oder chinesischen Lyrik sind ihm wirkliche Entdeckungen gelungen –, so auffallend sind ihre Lücken, wenn es um die Zentren geht. Um mit dem Nächstliegenden, drei eklatanten deutschen Beispielen, zu beginnen: Brechts an die DDR-Regierung gerichtetes Gedicht zum Aufstand des 17. Juni 1953 (mit seiner bösen Pointe: "Wäre es da / Nicht doch einfacher, die Regierung / Löste das Volk auf und / Wählte ein anderes?") fehlt hier ebenso wie Volker Brauns berühmtes Wende-Gedicht Das Eigentum ("Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÜTTEN FRIEDE DEN PALÄSTEN"), und erst recht vermisst man Ingeborg Bachmanns gegen die Wiederbewaffnung gerichtetes manifestartiges Gedicht Alle Tage ("Der Krieg wird nicht mehr erklärt, / sondern fortgesetzt"), das zuletzt "die Anthologie

Flucht von den Fahnen, / die Tapferkeit vor dem Freund, / den Verrat unwürdiger Geheimnisse / und die Nichtachtung / jeglichen Befehls" fordert.

Wer eine Anthologie politischer Poesie herausgibt, muss strikt auf Diplomatie und Political Correctness verzichten und darf Anstößiges nicht scheuen. In letzter Konsequenz heißt das: Gäbe es das gelungene politische Gedicht eines Autors, dessen Affinität zum Faschismus oder Nazismus erwiesen ist, müsste es dort dennoch vertreten sein. Aber D’Annunzio, Gottfried Benn oder Ezra Pound fehlen bei Sartorius. Dabei ist gerade Pounds Poesie stets politisch kontaminiert, auch hat kaum einer ein so radikales Fazit des Ersten Weltkriegs gezogen wie er: "Es starben Millionen, / Darunter die Besten, / Für eine alte Sau mit verfaulten Zähnen, / Für eine verpfuschte Zivilisation // Für zwei Gros zerbrochener Werke, / Für einige tausend zerfledderter Bücher".

Das Kapitel Erster Weltkrieg ist bei Sartorius auch deshalb prekär, weil es nur Gedichte von Franzosen, Engländern und einigen deutschen Expressionisten enthält und damit suggeriert, dieser Krieg sei lediglich eine westeuropäische Katastrophe gewesen. Dabei haben die Russen und jene osteuropäischen Völker, die für den verhassten Habsburger Herrscher aufs Schlachtfeld ziehen mussten, einen ebenso hohen Blutzoll geleistet und ihre Dichter den Krieg schärfer angeklagt als die meisten Westeuropäer, die, darauf weist Sartorius hin, oft Täter und Opfer in Personalunion waren. Man denke nur an Majakowskis gewaltiges Poem Krieg und Welt, in dem der russische Dichter, gleichsam ein neuer Christus, alle Kriegsschuld durch den eigenen Opfertod sühnt, oder an den serbischen Lyriker Miloš Crnjanski, der mit seinem Versbuch Ithaka das poetische Antikriegsbuch schlechthin geschrieben hat. Sein Trinkspruch "Es lebe der Grabstein! / Er allein ist schön und treu und rein. / Es leben die Steine und die Ruinen! / Verflucht seien die Blumen auf ihnen. // Wir sind für den Tod!" oder gar sein Denkmal für Gavrilo Princip, den Attentäter von Sarajevo, hätten hierzulande einmal einen anderen als den üblichen Blick auf die osteuropäische Geschichte erlaubt.

Eine Provokation wie das Gedicht Historische Wende von Robinson Jeffers, für das der Dichter mit totaler Ächtung in den USA zahlen musste, hätte wiederum dem Kapitel Zweiter Weltkrieg gutgetan. Jeffers, der heroische Solitär, schrieb es 1943 als Klage über die Aufgabe der Neutralität seines Landes, dem er darin alles Unheil prophezeite, das die Rolle als Weltpolizist Amerika seither eingetragen hat: "Nun gibt es kein Zurück mehr. / Heut in zwei blutigen Sommern (denk ich) müssen wir wohl die / zersetzende Last und den Fluch des Sieges auf uns nehmen. / Wir werden die halbe Erde auf den Händen haben, krank vor Selbstekel, / Verhasst bei Freunden und Feinden; die halbe Erde – oder wir / lassen sie los und gehen mit ihr zugrunde." Überhaupt rätselhaft, warum so wenige amerikanische Dichter bei Sartorius auftauchen, weder Robert Frost noch Robert Lowell oder Sylvia Plath (deren Gedicht Daddy prächtig gepasst hätte) und nicht einmal die kalifornischen Beatniks Lawrence Ferlinghetti und Allen Ginsberg, die sowohl das Vietnam- wie das Kuba-Kapitel bereichert hätten. Wo denn wäre unsere unmittelbare Gegenwart der lädierten und liquidierten "westlichen Werte" und der neu heraufkommenden Religionskriege so fantastisch genau ins Gedicht gefasst worden wie in Allen Ginsbergs Schlacht zwischen Jahwe und Allah?

Apropos Jahwe und Allah: Auch im Nahost-Kapitel seiner Anthologie gibt sich Sartorius sehr vorsichtig. So darf selbst Mahmud Darwish, der palästinensische Nationaldichter, nicht als Ankläger der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik auftreten, sondern nur Klage darüber führen, nichts als ein Land aus Worten zu besitzen. Es hätte ja nicht das viel diskutierte Israel-Gedicht von Günter Grass sein müssen, dem Sartorius ästhetische Defizite vorhalten kann, aber ein Gedicht aus Erich Frieds Band Höre, Israel! hätte zweifelsohne in dieses Kapitel gehört.

Es gibt in dieser Anthologie zwar ein Kapitel Die grüne Utopie, aber keines über die Frauenbewegung und auch keines über die 68er, ihre Aufbruchsemphase und ihr Ende, entweder im Establishment oder in der RAF. Entsprechend fehlt hier auch ein so eminent politischer Dichter wie Pier Paolo Pasolini und dessen lyrisches Pamphlet Die KPI an die Jugend!, das seinerzeit einen riesigen Skandal auslöste, weil Pasolini in ihm gerade nicht für die demonstrierenden Studenten, sondern für die Polizei Partei ergriff: "Als ihr euch gestern in Valle Giulia geprügelt habt / mit den Polizisten, / hielt ich es mit den Polizisten! / Weil die Polizisten Söhne von armen Leuten sind // Hört auf, an eure Rechte zu denken, / hört auf, die Macht zu fordern. / Ein reuiger Bourgeois hat auf seine Rechte zu verzichten / und aus seiner Seele ein für alle Mal / die Idee der Macht zu verbannen."

Solche Einwände (und noch etliche mehr) sollen keineswegs die Herausgeber-Leistung von Joachim Sartorius schmälern, aber vielleicht dazu anregen, in einer künftigen Neuauflage seiner Anthologie einige dringend nötige Ergänzungen vorzunehmen. Wie wäre es zum Beispiel, um zuletzt noch das von Sartorius ignorierte Portugal ins Spiel zu bringen, mit Fernando Pessoas süffisantem Spottgedicht auf Salazar?