Ein Abgeordneter des Deutschen Bundestages strandet auf einer Hallig, weil der Motor seines Bootes ausfällt, und nachdem in der Zwangspause auf dem Inselchen eine Frau seinen Berliner Erzählungen zugehört hat, sieht er etwas klarer: Er wird sich des öden Gleichlaufs der politischen Geschäfte bewusst, erkennt eine Nacht lang den Stumpfsinn und den Irrsinn und kehrt dann zurück in die Hauptstadt. Mehr passiert nicht. Bei Wolfgang Koeppen im Treibhaus sprang der Abgeordnete, all seiner Illusionen beraubt, wenigstens noch in den Rhein. Hier sitzt er nur wieder im Ausschuss.

Der Autor dieses kleinen Romans, Nikolaus Breuel, war einmal Vorstand bei der Bahn, er musste, nachdem es Pannen mit dem ICE gegeben hatte, seinen Sessel räumen und arbeitet seither als Interessenvertreter der Wirtschaft. Sicher hat er viele Sitzungen in seinem Leben abgesessen, er kennt den Sprech, die Beschlüsse, über die man sich schon einen Tag später verwundert die Augen reibt, das Gefühl der Leere und der Vergeblichkeit. Von dort sich die Acedia des deutschen Volksvertreters auszumalen ist nur ein kleiner Schritt. In Breuels Welt wird mitten in Berlin eine riesige Badelandschaft errichtet, mit viel Tamtam und Steuergeld. Natürlich passen die Rohre nicht zusammen, es gibt eine Überschwemmung, Verzögerungen, kleine Dramen, Eröffnungstermine hüpfen schon nach vorn, wenn man sie nur erwähnt. Dann will auch noch Zypern gerettet werden. Milliarden und Billionen schwirren umher, keiner blickt mehr durch, es ist die Verantwortungslosigkeit durch Verfahren, und dabei wird der Atem sauer, und es verläppert das Leben.

Nichts gegen einen neuen deutschen Abgeordnetenroman. Er ist fällig, aber dieser hier ist literarisch leider zu leichtgewichtig. Während des Erzählens bildet sich kein Charakter, niemand verändert oder entwickelt sich. Weil Dauerkrise ist, ist keine Krise, auch nicht in den Gemütern, und die verschämt verschwiegene Liebesgeschichte mit der Hallig-Dame taugt nicht einmal für ein Happy End. Auch den Tonfall – es ist ein an Thomas Bernhard erinnernder Litanei-Ton, gelegentlich fallen gelungene Epigramme dabei ab – wechselt diese Erzählung kaum. Ihr Problem ist auch: Das Thema ist Lesern nur allzu vertraut, und den Verdacht, wie die Menschen in der Politik so seien, bestätigt das Buch aufs Beste.

Dabei bleibt es. Nichts, keine heroische Tat, keine starke Persönlichkeit und kein Gewissenskonflikt, führt aus dieser schon bekannten Wirklichkeit hinaus. Bei Breuel ist die Bundespolitik kein Treibhaus mehr, sondern nur noch die Tüte, die einem Hyperventilierenden vors Gesicht gehalten wird. Ja, der Flughafen und Zypern – im Frühjahr 2013, vermutlich des Autors Schreibzeit, war das alles noch frisch und skurril. Heute zündet das Groteske nicht mehr und auch nicht die Übertreibungskunst, mit der Nikolaus Breuel spielt. Die Dinge haben die schlimmstmögliche Wendung genommen. Der politische Roman kann mit der Realsatire nicht mehr mithalten.