Es gibt Leute, die behaupten, der Kapitalismus mache die Reichen reicher und die Armen ärmer, aber das stimmt nicht, jedenfalls nicht immer. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel verringerte sich in fast allen Industrieländern der Abstand zwischen Oben und Unten, der freie Markt bereicherte nicht nur die Chefs, sondern auch ihre Angestellten, und Arbeiter konnten sich auf einmal Autos, Fernseher und Kühlschränke kaufen. Dann aber geschah etwas Bemerkenswertes: Beginnend in den späten siebziger Jahren, änderten sich in den westlichen Ländern die Einkommensverhältnisse. Der Wohlstand der Wohlhabenden wuchs weiter, die Armen aber wurden zwar nicht ärmer, doch sie gewannen kaum noch hinzu. Und die soziale Ungleichheit steigt wieder, fast überall.

Der amerikanische Investor und Finanzmagnat Warren Buffett hat dazu einmal den schönen Satz gesagt: "Es gibt einen Klassenkampf, natürlich, und meine Klasse, die Reichen, die ihn führen, gewinnt ihn gerade." Aber warum gewinnen die Reichen ihn, wie stellen sie das an?

Das ist die Frage, die der britische Soziologe John Urry in seinem Buch Grenzenloser Profit zu beantworten versucht. Urry, der das Zitat von Buffett am Anfang seines Buches präsentiert, analysiert darin, wie "jene globale Schicht, die aus hochvermögenden Einzelpersonen und Familien, Eigentümern/Managern großer Konzerne und Dienstleistungsunternehmen besteht", eine bestimmte ökonomische Strategie, quasi Kampftechnik, anwandte, um ihre Gewinne zu erhöhen: Sie nutzte den freien Raum.

Unternehmen verschoben ihre Fabriken in Billiglohnländer, um ihre Produktionskosten zu senken. Sie gründeten Tochtergesellschaften in Steueroasen, um ihre Abgaben zu reduzieren, was dazu führte, dass etwa auf den Cayman Islands 80.000 Unternehmen registriert sind, aber nur 53.000 Einwohner. Dies sind die beiden offensichtlichsten und bekanntesten Phänomene des Auslagerns, aber nicht die einzigen.

Urry beschreibt, wie sich manche Orte zu kostengünstigen Spezialisten für den Müll der Welt entwickelt haben. Giftige Chemikalien werden in Osteuropa abgelagert, alte Containerschiffe in Bangladesch entsorgt. Und die chinesische Küstenstadt Giuiyu gilt heute als Welthauptstadt des Elektroschrotts. "Rund vier Fünftel des Computermülls aus den USA und ein großer Teil dieses Abfalls aus anderen Ländern", schreibt Urry, "werden an diesen kleinen Ort in China exportiert." Auch der Konsum hat sich längst von Landesgrenzen und -gesetzen gelöst. In Südostasien, der Karibik, den Vereinigten Arabischen Emiraten, überall, so Urry, seien hochprofitable Offshore-Zentren entstanden, deren Existenz vor allem daraus resultiert, dass sie einer globalen Konsumentenklasse zahlreiche Produkte und Dienstleistungen anbieten, "die zu Hause verboten oder verpönt sind, wie beispielsweise Drogen, Glücksspiel, übermäßiger Alkoholkonsum oder Sex mit Teenagern".

Grenzenloser Profit ist kein Reportageband. Urry ist nicht zu Fabrikhallen und Mülldeponien gereist. Er war für sein Buch auch nicht auf einer der Offshore-Bohrinseln, auf denen Offshore-Energieunternehmen Öl aus dem Meeresboden pumpen. Urrys Informationen stammen also aus zweiter Hand, die Stärke seines Buches liegt nicht in der Schilderung des kleinen Ausschnitts, sondern in der Analyse des großen Ganzen. Er stellt dar, wie sich Konzerne und ihre Eigentümer, man kann auch sagen das Kapital, darauf besonnen haben, dass sie gegenüber Staaten und Arbeitern einen Startvorteil haben: Sie sind mobil. Sie können ihr Geld über Landesgrenzen hinweg verschieben und die Welt nach den geringsten Löhnen, niedrigsten Steuersätzen und lockersten Umweltauflagen absuchen. "Es ist", so lautet einer von Urrys bilanzierenden Sätzen, "eine allgemeine Offshore-Welt entstanden, die eine Neuordnung der globalen Machtverhältnisse nach sich zieht."

Es ist nicht so, dass sich diese Offshore-Welt nicht verändern ließe, dass man sie nicht in eine Onshore-Welt zurückverwandeln könnte. Nötig wären hierfür Bündnisse unter einzelnen Regierungen, eine Art zwischenstaatliche Solidarität, theoretisch ist das möglich. In der Praxis versprechen sich die Regierungen mehr vom zwischenstaatlichen Wettbewerb um die Gunst der Konzerne, in der Hoffnung auf Wachstum und Arbeitsplätze.

Auch das Freihandelsabkommen TTIP, das die Europäische Union und die Vereinigten Staaten derzeit ausarbeiten, um insbesondere gegenüber China konkurrenzfähiger zu werden, kann man als Ausdruck dieses Wettbewerbs sehen. Das jedenfalls ist die Interpretation eines zweiten aktuellen Buches, das Urrys Analyse gut ergänzt. Es heißt Die Freihandelslüge, der Autor ist Thilo Bode, Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. Bodes These ist, dass TTIP die Rechte der Konzerne stärkt, die der Bürger aber schwächt, und das alles für ein selbst nach den Modellrechnungen der Befürworter zweifelhaftes Versprechen auf mehr Wohlstand.

Bode geht alle Punkte, die im Zusammenhang mit TTIP in den vergangenen Monaten diskutiert wurden, die Thema von Demonstrationen waren, noch einmal detailliert durch: Da ist der sogenannte Investitionsschutz, der Unternehmen die Gelegenheit geben könnte, Staaten vor privaten Schiedsgerichten zu verklagen, da ist ein möglicher Regulierungsrat, in dem amerikanische Lobbyisten am europäischen Gesetzgebungsprozess beteiligt werden sollen, da ist eine denkbare Senkung europäischer Verbraucherschutzstandards, etwa bei der Lebensmittelsicherheit und dem Schutz vor Chemikalien.

Thilo Bodes Fazit: "Dieser Deal lohnt sich nicht." Man müsse kein Freihandelsfeind oder Antiamerikaner sein, um dieses Abkommen kritisch zu sehen, schreibt er weiter. Dem kann man zustimmen. Die alte Behauptung, dass wir in der Offshore-Welt alle reicher werden, glaubt jedenfalls kaum noch jemand.