Ein Großteil der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen geht nicht auf die ungleiche Bezahlung gleicher Arbeit zurück – sondern darauf, dass Frauen in Berufen arbeiten, die schlechter bezahlt werden. Noch immer streben sie seltener technische Berufe an und öfter soziale, auch in Schweden. Das kann man auf den Straßen Stockholms sehen, wo Kindergartengruppen vor allem von Frauen begleitet werden. Das zeigt sich bei der IT-Firma Netlight, wo trotz aller Bemühungen eben doch vor allem Männer arbeiten. Und das spiegelt sich in Statistiken: Schwedens öffentlicher Sektor beschäftigt zu rund 80 Prozent Frauen, etwa als Lehrerinnen, Krankenschwestern oder Erzieherinnen. In der Privatwirtschaft dagegen sind nach Angaben des schwedischen Arbeitgeberverbandes bloß 37 Prozent der Beschäftigten weiblich. In der Industrie werden aber oft höhere Gehälter gezahlt. Das ist einer der Gründe für eine große Kluft, wenn man Gehälter vergleicht, ohne auf die Berufe zu achten. Diese "unbereinigte" Lohnlücke beträgt in Schweden 15 und in Deutschland 22 Prozent.

Es wäre also tatsächlich eine Revolution, wenn eine Behörde bestimmte, dass eine Erzieherin oder eine Friseurin künftig genauso zu bezahlen ist wie ein Systemadministrator oder ein Industriemechaniker. Doch auch Björn Andersson hat keine Liste von Berufen, auf der ihr wahrer Wert und die angemessene Entlohnung zu finden ist. "Nein, wir haben bisher nicht das Mandat, so etwas zu entscheiden", sagt er. "Eine objektive Wahrheit ist da auch schwierig." Tatsächlich sind die Firmen nur angehalten, die Entlohnung überhaupt abzuwägen – und das bloß innerhalb ihres Betriebs, nicht branchenübergreifend. "Und wir sagen nicht: Diese Analyse ist falsch, da musst du mehr zahlen", erklärt der Ermittler. Die Behörde verlangt lediglich, dass sich die Firma mit dem Thema auseinandersetzt. Mehr nicht.

In schwedischen Unternehmen sind die Meinungen zu den vorgeschriebenen Berichten geteilt. Der Lkw-Produzent Scania, der an seinem Konzernsitz in Södertälje fast 10.000 Menschen beschäftigt, erstellt freiwillig sogar jedes Jahr (statt nur alle drei Jahre) einen entsprechenden Report. "Faire Bezahlung ist in unserem eigenen Interesse", sagt Personalchefin Sofia Vahlne. In einzelnen Fällen hätten Frauen nach diesen Analysen umgerechnet 150 Euro brutto mehr Gehalt im Monat erhalten. Große Änderungen bei der tariflichen Einstufung verschiedener Berufe habe es aber nicht gegeben. Jennifer Råsten hält die Berichte für gut. Netlight erstelle zusätzlich jedes Jahr einen Gleichheitssurvey, der noch umfassender die Frauenförderung analysiere.

Die Unternehmerin Anna-Lena Bohm äußert sich dagegen kritisch. Bohm, 67, eine gelernte Systementwicklerin, ist Gründerin und Chefin der Firma Uniguide mit Sitz in Visby. Das Unternehmen bietet telefonische Dienstleistungen an, kümmert sich etwa um den Leserservice einer schwedischen Tageszeitung. Sie sagt: "Das Ganze ist viel zu bürokratisch, das kostet Wochen und Monate." Es fehle Spielraum, um individuelle Leistungsunterschiede angemessen zu berücksichtigen. Und in den Diskussionen um Lohngleichheit werde der Markt ausgeblendet. "Wir haben zum Beispiel große Probleme, IT-Entwickler zu finden, sie sind rar und deshalb teuer. Bei Personalexperten ist das anders. Sollten wir ihnen jetzt auch Spitzengehälter bezahlen, weil sie eine genauso lange Ausbildung haben?" Kritik kommt auch vom Schwedischen Arbeitgeberverband, der ebenfalls Bürokratie beklagt.

"Viele erwarten eine Art Bullerbü und sind dann überrascht"

Es scheint erstaunlich, dass Schweden überhaupt solche Gehaltsreports nötig hat, denn im Prinzip sind alle Einkommen sowieso öffentlich. Jeder Bürger kann beim Finanzamt nachfragen, was sein Nachbar zuletzt verdient hat. Das Jahreseinkommen und die darauf entrichtete Steuer sind nicht geheim. Schwedische Boulevardzeitungen listen regelmäßig die Top-Verdiener jeder Gemeinde auf. Es existiert sogar eine Buchreihe, in der jährlich die Gehälter aller Schweden veröffentlicht werden. Der große Renner scheint sie allerdings nicht zu sein. In den Filialen einer Buchhandelskette in Stockholm ist der Taxeringskalender nicht vorrätig, und die Verkäuferin sagt: "Den habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen, danach fragt keiner." Viele Gesprächspartner sagen zu dem Thema: "Ich kenne niemanden, der sich diese Steuerinformationen holt." Oder: "Mag sein, dass es Einzelne gibt, die was über ihren Nachbarn wissen wollen." Und: "Bei den Gewerkschaften gibt es viel bessere Informationen für Gehaltsvergleiche." Jennifer Råsten erzählt, sie habe mit Studienkollegen eine Gruppe gegründet, in der sie sich gegenseitig über ihre Gehälter informierten. Entweder mag es niemand offen sagen, oder die Steuerinformationen spielen am Arbeitsplatz doch keine große Rolle.

Womöglich ist mehr Transparenz ohnehin das am wenigsten wirksame Instrument, um die Lohnunterschiede abzubauen. Rollenbilder, Erziehung, Kinderbetreuungsangebote, steuerliche Anreize – all das beeinflusst, welche Berufe Frauen wählen und in welchem Umfang sie erwerbstätig werden. In Schweden gibt es schon länger als in Deutschland ein breites Angebot an Kinderbetreuung. Dennoch ist es auch dort für Paare nicht immer einfach, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Patricia Steiner, Referentin für Sozialpolitik an der deutschen Botschaft in Stockholm, sagt: "Wir haben hier in der Botschaft oft mit enttäuschten Auswanderern zu tun. Viele erwarten eine Art Bullerbü und sind dann überrascht." Nach ihrem Eindruck sind viele Frauen in Schweden sogar gestresster als in Deutschland. Der Grund: Sie sind häufiger als ihre deutschen Geschlechtsgenossinnen voll berufstätig oder arbeiten in Teilzeit mehr Stunden. Gleichzeitig geht es ihnen wie deutschen Frauen: Viel von der Arbeit in der Familie und im Haushalt leisten sie, nicht die Männer, und zwar unbezahlt.