DIE ZEIT: Frau Mahler, im Februar 1990 erhielten Sie vom Magazin stern den Auftrag, den Politiker Ibrahim Böhme wochenlang mit der Kamera im DDR-Wahlkampf zu begleiten. Mit was für einer Geschichte, glaubten Sie, würden Sie es zu tun bekommen?

Ute Mahler: Anfangs war es wie im Märchen. Ein Feingeist aus einem Hinterhaus in Prenzlauer Berg, ein eleganter Herr im abgetragenen langen, schwarzen Mantel, erhält die Chance, zum mächtigsten Mann des Landes aufzusteigen. Dieser Ibrahim Böhme hatte eine Biografie wie eine Reihe von Ostdeutschen in der wilden Zeit um 1989. Er kam quasi aus dem Nichts in die Öffentlichkeit, in die Politik. Menschen wie ihn brauchten wir ja damals. Wir glaubten noch daran, dass es für die DDR einen "dritten Weg" geben könnte, ein Fortbestehen durch Reformen. Und ich nahm damals recht arglos an, dass Menschen wie Böhme nicht nur den nötigen Willen, sondern auch die moralischen Voraussetzungen mitbrachten.

ZEIT: Als Fotografin in der DDR hatten Sie sich einen Namen gemacht vor allem mit Bildern von Rockstars und Mode. Sie kannten sich also gut aus mit Inszenierungen ...

Mahler: Ja, aber nicht mit denen der Politik. Ich gehörte vor dem Mauerfall nicht zu jenen Leuten, die Zugang zu Politikern hatten. Von Erich Honecker hieß es, dass er manchmal mit Fidel Castro fischen gehe. Da wäre ich gern dabei gewesen – einfach weil ich so neugierig bin. Fotografie ist ein wunderbares Mittel, um Zugang zu bekommen zu Lebenswelten, die einem sonst versperrt sind. Ibrahim Böhme war nun also der erste Politiker, den ich porträtiert habe. Es war für mich die allererste Reportage, die ich in diesem Bereich gemacht habe. Meine Haltung war: Ich schaue mal, was passiert ...

ZEIT: Und, was geschah?

Mahler: Vom einem auf den anderen Tag fand ich mich in einem Pulk von Pressefotografen wieder, die alle gleichzeitig auf ihre Auslöser drückten, alle die gleichen Bilder machten. Ich fragte mich: Was soll ich hier?

ZEIT: Wo war das?

Mahler: In Leipzig, auf dem Parteitag der Ost-SPD, Ende Februar 1990. Unerfahren, wie ich in diesem Genre war, kam ich viel zu früh in die Halle und dachte, damit könnte ich mir den besten Platz mit der Kamera sichern, ganz vorne. Im entscheidenden Moment jedoch, als Böhme und der Ehrengast Willy Brandt die Bühne betraten, schoben sich die Kollegen vor mich und versperrten mir die Sicht. Ich ging dann erst mal deprimiert vor die Tür, um eine zu rauchen, und kam dort ins Gespräch mit den Fahrern der Politiker. Keine Sorge, sagten die mir, nach der Mittagspause sind die anderen Fotografen weg, dann bekommen Sie Ihre Chance. Es stimmte. Ich konnte aus nächster Nähe und in Ruhe meine Bilder machen.

ZEIT: Wie war Ihre erste Begegnung mit Ibrahim Böhme?

Mahler: Ich stellte mich vor und sagte, ich wolle ihn im Wahlkampf mit der Kamera begleiten. Fein, sagte er. Ich freue mich. Das war alles.

ZEIT: Über fünf Wochen hinweg haben Sie ihn immer wieder aus nächster Nähe beobachtet. Sie sind ihm sogar bis nach Moskau gefolgt.

Mahler: Wo Böhme und seine Berater dann nervös darauf hofften, von Michail Gorbatschow empfangen zu werden – vergeblich, wie sich herausstellen sollte. Irgendwann bat ich Böhme, ihn in seinem Hotelzimmer porträtieren zu dürfen, auch weil es ein Fenster mit Ausblick zum Kreml hatte. Er zierte sich zunächst, doch dann ließ er sich fotografieren – wie er rauchend am Fenster stand. Wow, dachte ich, so stelle ich mir einen Staatsmann vor! Ich war hinterher zufrieden. Und er war es auch. Er wusste, dass er einen überzeugenden Staatsmann abgegeben hatte.