Es ist erstaunlich: Inmitten von Kriegen und Krisen erlebt Deutschland die friedlichste Phase seiner Geschichte, aber in den Buchläden und Fernsehprogrammen herrscht ein großes Morden. Der Krimi-Boom hat absurde Ausmaße angenommen. In Deutschland sehen sonntags bis zu zwölf Millionen Menschen den Tatort, jede Stadt, die auf sich hält, will ihren eigenen Fernsehkommissar, jedes Mittelgebirge hat seine spezielle Regionalkrimi-Reihe. Warum ist das so? Wir wollen über Krimis reden – und zwar mit dem wohl besten deutschsprachigen Autor, den es auf diesem Gebiet gibt: Wolf Haas. Der Österreicher hat das Genre in den vergangenen Jahren klug durchschaut, hinterlistig persifliert und lustig erneuert.

Haas ist, auch wenn man es nicht gleich merkt, ein großer Dichter, es lieben ihn das Feuilleton wie das Massenpublikum. Seine acht Kriminalromane um den Privatdetektiv Simon Brenner bestehen scheinbar aus bizarren Abschweifungen und Lebensweisheiten, die ein schwatzhafter Erzähler den Leserinnen und Lesern im Ton äußerster Vertraulichkeit zusteckt. Wer ein paar Seiten von Haas gelesen hat, begreift, dass da ein Menschenfreund und Humorist am Werk ist. Die Gemeinde seiner Leser wächst stetig, seine Sprache kann süchtig machen, auch die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek bekennt sich zu dieser Sucht. Drei Brenner-Romane sind bisher verfilmt worden, stets mit dem Schauspieler und Kabarettisten Josef Hader in der Rolle des Simon Brenner. Die vierte Verfilmung, Das ewige Leben, kommt in dieser Woche in die Kinos.

Wir treffen uns mit Wolf Haas in Wien. Als Begegnungsort schlug er das Gasthaus Wild am Radetzkyplatz vor. Haas hat einen Tisch im hintersten Winkel des Schankraums bestellt. Der Lärmpegel ist hoch, die Schwingtüren zur Küche sind pausenlos in Bewegung. Von seinem Stuhl erhebt sich ein hochgewachsener Mann von 54 Jahren.

DIE ZEIT: Herr Haas, warum dieses laute Lokal? Wollten Sie uns nicht in Ihre Wohnung führen?

Wolf Haas: Ich dachte immer, das ist das Kriterium für die allergrößten Schriftsteller-Nutten, die alles mitmachen: Journalisten in die eigene Wohnung zu lassen. Außerdem hätte ich ungefähr eine Woche aufräumen müssen.

ZEIT: Wir stellen uns das so vor, dass bei Ihnen daheim eine Frau und fünf Kinder sitzen, die nicht zum lonely wolf-Image passen, das Krimi-Autoren ansonsten pflegen.

Haas: Nein, ich wohne allein. Aber es ist tatsächlich so, wenn man Journalisten zu sich nach Hause einladen würde, ginge es sofort los mit der Selbstkontrolle: Wie wirkt dies? Wie wirkt das? Soll ich vielleicht dieses Buch vorher wegwerfen? (lacht) Fragen Sie nicht, welches Buch?

ZEIT: Doch.

Haas: Was ist das peinlichste zurzeit? Fifty Shades of Grey?

ZEIT: Das haben Sie zu Hause rumliegen?

Haas: Nein! Aber es würde mich interessieren ...

ZEIT: Ist es nicht langweilig, allein zu leben?

Haas: Manchmal ist es langweilig, aber ich lebe ja an meinem Arbeitsplatz, und da hat das Singledasein große Vorteile. Ich steh auf und fang an zu arbeiten. Ich muss mir nicht überlegen, ob ich vorher duschen soll, weil ich sonst eine Zumutung für meine Mitbewohner wäre oder so.

ZEIT: In Ihren Kriminalromanen gibt es einen namenlosen Erzähler, der dem Protagonisten Simon Brenner überallhin folgt, zu allem eine Meinung hat und den Leser direkt anspricht ...

In Haas’ Roman "Das ewige Leben" schwafelt dieser Erzähler beispielsweise über die Frage, ob man Frauen besser mit einem Barbesuch oder einem Kinobesuch verführt: "Du musst wissen, der Brenner ist irgendwann als junger Mann draufgekommen, dass bei den Frauen, also bei den damaligen Frauen muss ich sagen, ein Problemfilm eine weitaus bessere Wirkung gehabt hat als zum Beispiel ein richtiger Film. Manche waren nach einem dreistündigen Problemfilm sogar zugänglicher als nach einem dreistündigen Barbesuch, und da ist die Kinokarte ja wesentlich billiger gekommen. Einziger Nachteil, dass der Brenner oft nach einem Problemfilm selber keine rechte Lust mehr gehabt hat und noch einen doppelt so langen Barbesuch gebraucht hat, um den Problemfilm zu vergessen."

ZEIT: ... wie bringen Sie diesen speziellen Ton zustande? Diese Mischung aus Bescheidwissen und Naivität? Muss man sich beim Schreiben in diesen Erzähler verwandeln – wie ein Schauspieler in seine Figur?

Haas: Ja, ich versetze mich schon in diesen fiktiven Menschen. Bei Fotos von Lesungen fällt mir auf, dass ich immer ganz fremd ausschaue und ein leicht idiotisches Gesicht mache – wie ein Darsteller.

Der Tonfall des ländlichen Österreichs der sechziger Jahre

ZEIT: Sie sind nicht selbst der Erzähler?

Haas: Nein. Der ist eine Stimme in mir, die sich zu Wort meldet. Und diese Stimme spricht fast wie zu einem Kind.

ZEIT: Wie meinen Sie das?

Haas: Mich fasziniert dieser Moment, wo der Mensch das Sprechen lernt. Da gibt es ja eine Übergangsphase, wo man schon ein bisschen versteht, aber noch nicht mitreden kann. Ich habe so ein Bild vor mir: Ein Zweijähriger sitzt in seinem Kinderwagen, und drei Tanten und zwei Onkel reden auf ihn ein und sagen: Jetzt pass gut auf, bei Rot darf man nicht über die Straße gehen! Der Zweijährige versucht zu begreifen, aber er begreift nur halb und interpretiert den Rest dazu. So ist der Tonfall, in dem ich schreibe, der Tonfall, den man in sich hat, wenn man in den sechziger Jahren auf dem Land in Österreich aufgewachsen ist.

ZEIT: Führen Sie daheim Selbstgespräche?

Haas: Nicht nur daheim. Selbstgespräch, das ist wahrscheinlich etwas, das jeder macht, oder?

ZEIT: Der Drang, Selbstgespräche zu führen, heißt es, steige mit dem seelischen Druck.

Haas: Sie reden jetzt von lauten Selbstgesprächen. Das, glaube ich, mache ich nicht. Es ist aber genauso ein Selbstgespräch, wenn man es nur in Gedanken führt.

ZEIT: Wie viel Lebenserfahrung muss man haben, um ein gutes Buch zu schreiben? Nehmen wir mal die Stelle aus einem Ihrer Romane, an der Sie beschreiben, wie der Privatdetektiv Brenner im Krankenhaus liegt ...

"Jetzt musst du eines wissen, das mit dem Krankenbesuch. Es gibt in den Spitälern immer einen Prestigekampf unter den Sterbenden, wer kriegt den meisten Besuch, und wer kriegt vielleicht sogar außerhalb der regulären Besuchszeiten einen Besuch, sprich: wichtige Patienten mit wichtigem Besuch, und wer kriegt gar nie Besuch – sprich: der Brenner."

ZEIT: ... so was schreibt man eher, wenn man sich im Leben auskennt, oder?

Haas: Ich finde, man kann sich viele Dinge einfach hochrechnen aus anderen Erfahrungen. Man muss sie nicht selbst gemacht haben. Es gibt diese schöne Stelle in Kunderas Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, wo ein Dichter von seinem Adlatus spazieren geführt wird, Anfang des 20. Jahrhunderts, und der Adlatus sagt zum Dichter: "Meister, schauen Sie zum Himmel. Das erste Flugzeug fliegt über unsere Stadt!" Und der alte Meister sagt: "Ich kann es mir vorstellen." Beim Schreiben ist das oft so. Ich finde nicht, dass ich Dinge, die ich selber erfahren habe, besser beschreiben kann als welche, die ich mir vorstelle.

ZEIT: Also geben Sie nichts auf erzählerischen Realismus?

Haas: Gerade bei Krimis wird ja immer behauptet, die besten seien realistisch: Man rieche förmlich, wie es in der Bronx sei, der Autor kenne sich wirklich aus. Bei mir war es umgekehrt. Ich wollte, dass mein Detektiv daher kommt, wo ich selbst nie war. Weil ich diesen Hyperrealismus blöd finde. Also hab ich den Brenner aus Puntigam stammen lassen, das ist ein Stadtteil von Graz. Von Puntigam wusste ich nur zwei Sachen: dass dort eine Brauerei ist und ein Irrenhaus. Das hat also nichts mit Realismus zu tun. Trotzdem ist es mir mehrmals passiert, dass Leute aus Puntigam zu mir gesagt haben: "Es ist genauso, wie Sie es beschreiben!"

ZEIT: Sie sind für die Roman-Recherche nicht hingefahren?

Haas: Bewusst nicht. Ich habe es vermieden. Aber um an einer Kleinigkeit zu schildern, wie Schreiben eben auch funktioniert: Ich habe als Student in Salzburg neben einer Brauerei gewohnt, und ich weiß, wie es riecht. Was ich beschreibe von Puntigam, ist der Geruch, den ich von Salzburg kenne. Diese echten Puntigamer haben beim Lesen den Rest mit eigenen Erfahrungen ergänzt.

ZEIT: Die Brenner-Romane sind in einer Sprache geschrieben, die zunächst einfältig wirkt und erst nach und nach ihre Raffinesse, ihren Witz entfaltet. Sie klingt wie eine extrem elaborierte Volkssprache. Hat das mit Ihrem Studium zu tun? Sie sind ja promovierter Sprachwissenschaftler.

Haas: Ich glaube, ich bin der Autor, bei dem am öftesten geschrieben wurde, dass er studiert hat. Die Kritiker wollten sich absichern, dass die vielen Grammatikfehler nicht ganz zufällig sind.

ZEIT: Ihr Krimi-Tonfall wurde erst satisfaktionsfähig dadurch, dass der Mann dahinter einen Doktortitel hat?

Haas: Ja. Die Rezensenten haben sich wohl gedacht: Er ist nicht nur der tumbe Landmensch, der da irgendwie am Misthaufen gefunden wurde.

ZEIT: Wie erklären Sie sich den herrschenden Krimi-Boom? Die Buchhandlungen sind voll von Thrillern, jedes europäische Land hat seine spezifischen Kriminalfilme, und Skandinavien hat sich mit seinen Krimis regelrecht neu erfunden.

Haas: So allgemein ist der Boom schwer zu erklären, weil es ja total verschiedene Arten von Krimis gibt – von hard-boiled- mexikanisch bis zu heimattümelnd-bayerisch. Bevor mein erstes Buch in der bald darauf eingestellten rororo-thriller-Reihe rauskam, erklärte mir mein Lektor bedauernd, der große Krimi-Boom sei leider seit einiger Zeit vorbei. Das war 1996. Die Verlage haben auf die Kriminalromane nicht mehr "Krimi" geschrieben, sondern "Roman", weil "Krimis" sich nicht verkauften.

ZEIT: Und was geschah dann?

Haas: Es begann der Aufstieg von so Donna-Leon-artigen Büchern, die waren sehr soft-boiled. Im Schatten dieser ersten rauschenden Erfolge sind dann immer mehr Sachen rausgekommen.

ZEIT: Warum sind wir so süchtig nach diesen doch grimmigen Geschichten?

Haas: Interessant finde ich die Gewalt-Analyse von Steven Pinker, diesem amerikanischen Linguisten und Psychologen. Pinker sagt, dass unser Alltag heute viel gewaltloser ist als frühere Epochen. Und dass Gewalt sozusagen virtuell zelebriert wird, damit uns Zivildienstleistenden nicht – wie man in Wien sagt – "fad im Schädel" wird.

ZEIT: Stiften Krimis hinterrücks so was wie gesellschaftlichen Zusammenhalt?

Haas: Vielleicht. Die meisten Krimis empfinde ich gattungsmäßig eigentlich als Idyllen.

ZEIT: Deshalb auch der große Erfolg von Regionalkrimis?

Haas: Genau. Gerade durch die kriminelle Störung wirkt die Welt eigentlich intakt und abgegrenzt, die Polizeiarbeit hat so was Integres, fast wie die letzte nicht entfremdete Arbeit. Und die landestypischen Spezifika, das typisch Italienische, Skandinavische, Englische, haben in einer globalisierten Welt ja auch fast was von einer folkloristischen Behauptung.

"Den typischen Thriller-Lesern sind meine Bücher teilweise zu abgedreht."

ZEIT: Sind Sie ein Autor folkloristischer Bücher?

Haas: Um Gottes willen! Ich zucke immer zusammen, wenn meine Leser meine Bücher als typisch österreichisch bezeichnen.

ZEIT: Ihre Leser sind wahrscheinlich auch nicht die typischen Thriller-Leser?

Haas: Nein, den typischen Thriller-Lesern ist das teilweise zu abgedreht, die wollen ihre Ruhe. Manche meiner Leser sagen mir wiederum, dass ihnen meine Bücher jahrelang entgangen sind, weil sie eigentlich um Krimis einen weiten Bogen machen.

ZEIT: Der Kriminalroman gilt allgemein eher als niedere Form der Literatur. Warum haben Sie nie versucht, den großen Roman des 21. Jahrhunderts zu schreiben?

Haas: Das Beschränkte und Begrenzte am Krimi-Genre ist gerade das Reizvolle. Natürlich ist es äußerlich ein unglaublich banales Regelwerk – Mord und Aufklärung, Opfer und Täter, Polizei und Bösewichte. Aber so wie es für einen Architekten vermutlich reizvoller ist, auf einem zu schmalen oder zu steilen Grundstück ein sinnvolles Gebäude zu errichten, da etwas hinzuzaubern, übt auch die Beschränktheit des Genres einen großen Reiz aus: eine Geschichte dort irgendwie so reinzuquetschen, dass sie im Idealfall besser aussieht als ungequetscht.

ZEIT: Der Vorsatz, den großen Gesellschaftsroman unserer Zeit zu schaffen, hätte Ihrer Schreiblust geschadet?

Haas: Aus dem Vollen zu schöpfen ist selten eine Haltung, die zu interessanten künstlerischen Arbeiten führt. Formale Beschränkungen sind wie eine Batterie, die Strom erzeugt: Das kann ein Reimschema sein oder ein Krimi. Natürlich ist der Schutzheilige der Kriminalschriftsteller Prokrustes, dieser Riese aus der griechischen Mythologie, der seine Gäste dem Gästebett angepasst hat. Also: Die zu großen Gäste hat er auf Bettlänge gekürzt und die zu kleinen auf Bettlänge gestreckt. So ein Prokrustesbett ist der Kriminalroman. Realistische Gewaltszenen interessieren mich nicht, aber diese formale Gewalt turnt mich an.

ZEIT: War es nicht auch wirtschaftliche Not, die Sie zum Kriminalroman getrieben hat? Weil es ein populäres Genre ist, das leichter zu verkaufen ist als Hochliteratur?

Haas: Aus kommerziellen Gründen hab ich mich nicht für das Krimi-Genre entschieden, das wär sogar ein bisschen doof, weil man im Normalfall weder mit Krimis noch mit anderen Büchern viel verdient. Da ist es besser, man macht einfach das, wozu man Lust hat. Sonst geht es einem wie Julian Barnes, der unter Pseudonym Krimis schrieb, um seine richtigen Bücher querzufinanzieren, aber seine richtigen Bücher waren weitaus erfolgreicher.

ZEIT: Haben Sie, was Kriminalromane angeht, einen Geheimtipp?

Haas: Meine Geheimtipps sind nicht besonders originell, denn wer sich für Krimis interessiert, kennt die eh alle. Mir gefallen die Autoren, wo man das Gefühl hat, dass sie ein bisschen krank in der Birne sind – wie Charles Willeford, Richard Stark und Elmore Leonard. Aber für mich unterscheiden sich Krimis nicht so richtig von anderen Büchern.

ZEIT: Gibt es ein Tatort-Team, das Sie besonders lieben oder hassen?

Haas: Zum Tatort kann ich nicht viel sagen, weil ich keinen Fernseher hab. Aber ich wohne in Wien neben einem Lokal, das Tatort heißt. Da war ich allerdings auch noch nie drinnen.

ZEIT: Simon Brenner, der Protagonist in Ihren Kriminalromanen, ist eine Kunstfigur, die sich aus allen möglichen Gestalten zusammensetzt. Einer österreichischen Zeitung haben Sie verraten, dass der grantige österreichische Fußballspieler Andreas Ogris eine Art Vorbild für den Brenner war.

Haas: Der Ogris war eines der Gesichter, die mir vorschwebten. Ich hatte ein paar Leute vor Augen, auch den Schauspieler Hans Brenner.

ZEIT: Das war der Mann von Monica Bleibtreu, der Vater von Moritz Bleibtreu. Eine vierschrötige Erscheinung.

Haas: Genau. Wenn man als braver junger Schriftsteller einen Detektiv erfindet, versucht man den so anders wie möglich als sich selbst zu gestalten. Dass einen der eigene Charakter dann wieder einholt beim Schreiben, ist klar, aber zuerst versucht man einmal, weit von sich wegzukommen.

ZEIT: In den klassischen amerikanischen Krimis von Raymond Chandler und Dashiell Hammett steckt immer auch Gesellschaftskritik. Das gilt speziell für Hammett, der Kommunist war. Sein Held bewegt sich durch eine Welt, die vom Kapitalismus vergiftet ist. Ist Brenner sein geheimer Verwandter?

Haas: Ich kann das nicht beantworten, weil mich ganz andere Sachen interessieren. Für mich ist wichtig, dass der Brenner keinen Wohnsitz hat, er wohnt immer dort, wo er ermittelt. Er wohnt im Internat, er wohnt bei den Rettungssanitätern, er wohnt in der Backhendlstation, und für mich kriegt er dadurch etwas Geisterhaftes. Er entsteht nur durch den Fall und verschwindet dann wieder. Brenner kann zum Beispiel auch nie jemanden zu sich mit in die Wohnung nehmen.

ZEIT: Der Brenner ist ein einsamer Wolf?

Haas: Das alte Spiel: der Einzelne gegen die Welt. Und dieser Einzelne tut sich schwer mit den Spielregeln. Mein erster Krimi beginnt damit, dass der Brenner nach einem ungelösten Fall bei der Polizei kündigt und dann denselben Fall als Privatdetektiv löst. Er beherrscht die Regeln nicht, er ist nicht integrierbar in die Gruppe.

ZEIT: Fühlen Sie sich selber auch so? Dass Sie ein Zimmer betreten, und alle anderen sitzen schon da, für Sie bleibt kein Platz mehr?

Haas: Ich glaube, dass sich jeder in gewisser Weise so fühlt. Das ist ja die Art, wie man auf die Welt kommt: Die anderen sind schon da, und man muss sich einen Platz suchen. Es gibt sicherlich Leute, denen es leichterfällt, in der Gruppe einen Platz zu finden, als mir. Aber stattdessen fällt mir etwas anderes leicht: Ich kann mir gut vorstellen, ich könnte auch ein anderer sein als ich selbst. Das ist, glaub ich, eine Voraussetzung fürs Schreiben. Es ist doch bloß Zufall, dass ich jetzt ich bin, und ihr befragt mich.

ZEIT: Sie sind ein Mann, Ihr Protagonist Brenner ist ein Mann. Was ist typisch männlich an ihm?

Haas: Er entspricht genau dem Männerbild, das ich vorgefunden habe als Kind. Das war ja noch die erweiterte Nachkriegszeit. Da herrschte ein sehr traditionelles Rollenverständnis. Ein Mann war einer, der eher nicht über Gefühle gesprochen hat, und der Brenner ist auch so einer.

ZEIT: Er wird immer wieder von seinen eigenen Gefühlen überrascht.

Haas: Genau. Denn gleichzeitig ist er schon brüchig. Er ist nicht wirklich in seiner Rolle stabil. Ich glaube ja, dass dieser Blick des Erzählers auf den Brenner in gewisser Weise den Raum schafft, in dem die Bücher spielen. Gestern war ich in der Velázquez-Ausstellung im Wiener Kunsthistorischen Museum, und da gibt es so ein Bild namens Venus vor dem Spiegel : Die Venus schaut in den Spiegel, aber sie schaut nicht sich selbst an, sondern ihr Spiegelbild schaut aus dem Bild heraus und schaut dich an, den Betrachter. Und dann gibt es noch so einen Amorknaben, der den Spiegel hält, und der schaut irgendwie in Richtung der Venus. Es gibt also drei Blicke, die sich kreuzen. Da habe ich ganz lange davorgestanden und tatsächlich an den Brenner gedacht.

ZEIT: Weil so Ihre Romane funktionieren? Der Brenner, der Erzähler und Sie, die sich immerzu gegenseitig anschauen?

Haas: Ja, genau. Ich schaue auf den Erzähler, und der Erzähler schaut auf den Brenner. Und der Leser liest, was der Erzähler über den Brenner sagt. Darum fällt es mir wahnsinnig schwer, Fragen zu beantworten über den Brenner, weil ich den Brenner auch nur um die Ecke kenne, nämlich von dem, was der Erzähler über ihn erzählt.

"Ich kenne die Melodie, du kennst die Melodie, warum soll ich sie spielen?"

ZEIT: Auch in Ihrem Buch Das Wetter vor 15 Jahren, einem Nicht-Brenner-Roman, erzählen Sie über Bande. Es ist im Grunde ein Interview, das ein Autor namens Wolf Haas einer deutschen Journalistin gibt. In diesem Interview geht es um einen Roman, der erst durch das Gespräch zwischen den beiden Personen entsteht.

Haas: Ja, wir müssen jetzt aufpassen, dass wir da bei unserem Interview nicht in eine Metaschleife geraten. (lacht)

ZEIT: Wie hat sich denn dieser Nichtkrimi im Verhältnis zu all Ihren Kriminalromanen verkauft?

Haas: Das Wetter vor 15 Jahren ist 2006 erschienen und war mein erstes Buch, von dem im Hardcover über 100.000 Exemplare verkauft wurden. Es ist ja, wenn man einmal den ersten Schreck überwunden hat, sehr leicht lesbar. Ich hatte überhaupt das große Glück, dass sich jedes meiner Bücher ein bisschen besser verkauft hat als das vorherige. Das Trauma, ein Leben lang einem einmaligen Supererfolg nachrennen zu müssen, ist mir also erspart geblieben. Aber wäre ich beim Wetter vor 15 Jahren nicht schon als Brenner-Autor bekannt gewesen, hätten sich davon wohl keine 500 Stück verkauft. Weil niemand den guten Willen aufgebracht hätte, von dem so ein Buch abhängig ist. Ganz am Anfang mussten sich die Leute allerdings auch mit dem Brenner anfreunden, mit der Sprache, von der es immer so schön heißt, sie sei gewöhnungsbedürftig.

ZEIT: Wieso erzählen Sie Ihre Geschichten immer so indirekt, mit einer Brechung?

Haas: Weil ich finde, dass die Literatur dafür da ist. Ich verstehe die Direktheit nicht. Ich habe mal ein Interview mit einem Jazzgitarristen aus den sechziger Jahren gelesen, Wes Montgomery, und der hat den schönen Satz gesagt: "Ich kenne die Melodie, du kennst die Melodie, warum soll ich sie spielen?"

ZEIT: Wes Montgomery hat statt der acht Noten, die man von einem Refrain gewohnt war, nur noch zwei oder drei gespielt.

Haas: Abkürzen ist für mich das Allerlustvollste. Ich habe schon oft ein langes Kapitel auf einen Satz zusammengekürzt. Das ist eine Zerstörungslust. Man kann erstaunlich viel wesentlich kürzer sagen, und es vermittelt sich trotzdem.

ZEIT: Aber um die Abkürzung zu finden, müssen Sie selbst erst einen Umweg gehen?

Haas: Ja, ich schreibe richtig lang an einem Buch herum. Die Umwege muss ich gehen. Kann sein, dass ich fünf Seiten schreibe und davon nur drei Zeilen nehme.

ZEIT: Ist das Weglassen ein Vorgang, der wehtut?

Haas: Nein, im frühen Stadium noch gar nicht. Ich erzeuge erst mal den Brenner-Sound, und später schaue ich, ob irgendwas daran mehr ist als nur Sound.

ZEIT: Man legt jeden Satz auf die Waage und überlegt: Ist er zu leicht, oder ist er überlastet?

Haas: Das ist das Tolle am Schreiben. Ich habe einmal einen gotischen Dom in Burgund besichtigt, da gibt es Stellen, wo die Säulen übergehen in die Kuppeln, und diese Stellen sind immer verziert: Das ist der nervöse Punkt, wo tragende und lastende Teile zusammenstoßen. Um diesen Punkt dreht sich alles. Dieser Gedanke erregt mich richtig.

ZEIT: Über der Gestaltung dieses Punktes kann man wahnsinnig werden, oder? Wie viel lässt man weg, was muss unbedingt stehen bleiben? An diesem Punkt entscheidet sich der Stil eines Textes.

Haas: Auch beim Schreiben gibt es die tragenden Teile, die beim Krimi notwendig sind. Die Dinge müssen nachvollziehbar sein. Und der Schluss muss zum Anfang passen. Aber dazwischen kann man sehr viel abschlanken.

ZEIT: Was uns auch auffällt: Ihre Bücher haben eine eigene Musikalität ...

"In der nächsten Sekunde hat es dem Brenner schon wahnsinnig Leid getan, dass er das gefragt hat. Und in der übernächsten Sekunde auch noch. Nächste Minute auch noch Leid, nächste Stunde, nächster Tag auch noch Leid, nächste Woche, übernächste Woche Leid, sprich für den Rest seines Lebens Leid getan, dass er das gefragt hat."

Haas: Für mich steht bei dieser Stelle wirklich eher der musikalische Aspekt im Vordergrund als der inhaltliche. Über das denke ich am längsten nach: ob ich dann noch einmal "Leid" schreibe. Ich bin überhaupt beim Schreiben am meisten fasziniert von der Musikalität der Sprache. Ich finde Bücher ganz langweilig, in denen es nur um den Inhalt geht. Ich mag Bücher, wo man das Gefühl hat, die Geschichte wird erzeugt durch den Sprachmotor. Irgendwann als Student hatte ich eine Phase, wo ich mir gedacht habe, alle guten Schriftsteller sind Musiker im Hauptberuf. Gert Jonke, Thomas Bernhard, die Elfriede Jelinek. Alle von der Musik herkommend.

ZEIT: Welche Musik hören Sie?

Haas: Ich komme absolut aus so einer Popkulturecke.

ZEIT:Jimi Hendrix?

Haas: Den finde ich auch gut, ich war gerade zehn Jahre alt, als der gestorben ist. Diese Todesnachricht hat sich mir damals tief eingeprägt. Aus gewissen Altersschichten hat man immer so ganz intensive Erinnerungen.

ZEIT: Hendrix war für Sie einer der ersten Toten?

Haas: Ja. Ein starker medialer Eindruck. Ein anderer war die erste Mondlandung – das hängt auch mit der Präsenz des Fernsehens zusammen. In meiner Kindheit ist ja der Fernseher in die Haushalte gekommen. Als ich ganz klein war, gab es Fernseher erst in den Wirtshäusern, dann bei der einen reichen Familie, dann plötzlich da und dort.

ZEIT: Und auf einmal Farbfernsehen.

Haas: Ich kann mich erinnern, als Jimi Hendrix gestorben ist, habe ich ihn zum ersten Mal gesehen: dieser Typ, der mit den Zähnen Gitarre gespielt hat. Das war für mein ländliches Kinderhirn ein Wahnsinn. Das zu sehen war wirklich wie ein Drogenrausch.

ZEIT: Ihr Held Brenner kommt bei seiner Ermittlungsarbeit auch immer wieder in Zustände des Rausches. Nämlich dann, wenn er nachdenkt. Sie beschreiben das im Knochenmann als eine Art Brüten über alles und nichts, bei dem es sein kann, dass man einschläft ...

"Du hast es beim Brüten nicht in der Hand, was herauskommt. Kann eine große Überraschung sein, ja was glaubst du. Auch wieder Unterschied zum Denken, wo du die Überraschung ein bisschen ausschalten kannst. Schon eine Überraschung möglich beim Denken, aber nicht, sagen wir, dass es dich umhaut."

ZEIT: ... ist es das, was der Schreiber und der Detektiv draufhaben müssen: kreatives Brüten?

Haas: Es ist mir eine heimliche Freude, dass ich Probleme des Detektivlebens abhandle, im Grunde aber Probleme des Schreibens. Drum fällt es mir auch schwer, sinnvoll über meine Bücher zu reden, denn beim Schreiben ist man nicht so wohlüberlegt, ich zumindest nicht. Es ist mehr so ein Brüten als ein Denken – und da habe ich einfach behauptet, dass das beim Detektiv genauso ist.

ZEIT: Haben Sie einen Freundeskreis, der sich einmal im Monat trifft, und dann sagt jeder mal die Sachen, die er sich schon die ganze Zeit gedacht hat? Und Sie schreiben sich das alles auf? Das würde die Überraschungen in Ihren Büchern erklären.

Haas: Bei mir ist es umgekehrt. Ich liebe dieses Freudsche Muster von der Wiederkehr des Verdrängten. Ich bin privat ein eher zurückhaltender und gehemmter Mensch. Das Brenner-Schreiben ist mein Ventil. Da sprudelt’s wahrscheinlich so, weil ich eigentlich nicht so bin. Ich bin von Wohlerzogenheit und Freundlichkeit immer in Schach gehalten im normalen Leben.

ZEIT: Hatten Sie nie das Bedürfnis, das abzulegen?

Haas: Doch, aber als Sohn eines Kellner-Ehepaars, der von Priestern im Internat aufgezogen wurde, ist das schwierig.

ZEIT: Sind Ihre Eltern noch am Leben?

Haas: Zum Teil tot.

ZEIT: Ist’s die Mutter, die noch lebt?

Haas: Ja. Sie ist 92 und noch erfreulich fit. Allerdings erinnert sie sich nicht mehr an viel. Jetzt macht es sich bezahlt, dass sie immer so viel erzählt hat. So kann ich ihr das vergessene Leben zurückerzählen. Sie schaut mich aber manchmal zweifelnd an, ob das wirklich alles so stimmt.

"Bibelexegese ist eine sehr sprachaffine Tätigkeit"

ZEIT: Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Haas: Klingt wie eine Erfindung, aber ich habe Lesen gehasst als Kind.

ZEIT: Sie haben also in Ihrer Jugend nur ferngesehen und nichts gelesen. Später haben Sie Linguistik studiert und über Konkrete Poesie promoviert. Wie kommt man dazu?

Haas: Der Hauptgrund ist, dass ich mit zehn Jahren in dieses katholische Internat gekommen und dort aufgewachsen bin, bis ich 18 war. Und Bibelexegese ist eine sehr sprachaffine Tätigkeit, das fesselt mich bis heute. Im Laufe meines Studiums war für mich der faszinierendste Moment der, wo ich über die Luther-Übersetzung eine Seminararbeit schreiben musste. Und gleichzeitig gab es meine Kellnerfamilie – Sprachverliebtheit gibt es nicht nur auf akademischem Niveau. Meine Eltern waren auch sprachverliebt. Der Vater war einer, der gern absurde Witze gemacht hat.

ZEIT: Sind Ihre Eltern schicksalsbedingt unter ihren Möglichkeiten geblieben?

Haas: Ich glaube schon.

ZEIT: Sie haben also einen Familienauftrag erhalten: Kind, du musst es schaffen?

Haas: Schon, ja.

ZEIT: Weil Sie begabt waren, mussten Sie von zu Hause weg?

Haas: Da wird mir fast kalt bei der Frage, weil ich von mir überhaupt nicht sagen würde, dass ich begabt bin. Ich kenne Leute, die können gut Klavier spielen und zeichnen und schreiben, die sind das Gegenteil von mir. Meine Hauptbegabung bestand darin, zu erkennen, dass ich nur ein Talent habe, nämlich Schreiben. Das wollte ich immer.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, Sie seien mit Komplexen beladen.

Haas: Hier ist der Beweis. (Er hebt seine Hände, in denen er seit Minuten ein Stück Papier zu einer Spindel dreht.)

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten sich schon als junger Mensch gewünscht, niemals in eine hierarchische Situation zu kommen, sei es als Untergebener oder als Chef. Hängt das damit zusammen, dass Sie der Peinlichkeit ausweichen wollen, anderen Befehle zu erteilen?

Haas: Bestimmt. Ich hab ja in Wien ein paar Jahre lang in einer Werbeagentur gearbeitet ...

ZEIT: ... von Ihnen stammt ein legendärer Werbespruch für den Rundfunk: Ö 1 gehört gehört.

Haas: Genau. Und ich kann mich erinnern, dass mein erster Chef in der Werbeagentur uns Zuträger zu mehr Konfliktbereitschaft aufgefordert hat. Er hat gesagt: Ich schreie doch auch über den Gang und kriege einen roten Schädel, ich blamiere mich vor euch! Das hat mir total imponiert, dass er das Cholerische als Hingabe und Leidenschaft sieht, als eine Großzügigkeit zu seinem Schaden. Ich würde mich nicht gern so ausliefern.

ZEIT: Wie kommt es eigentlich, dass Peinlichkeit auf der Skala der Höllenqualen die beinahe schlimmste ist?

Haas: Für mich hat Schreiben extrem viel mit Scham zu tun. Ich kann mich erinnern, dass es für mich als Zwanzigjährigen der Hauptreiz war am Schreiben, dass ich das Manuskript kopieren, in ein Kuvert stecken und an einen Verlag schicken konnte. Ich musste keinen persönlichen Kontakt aufnehmen. Nur so war es mir möglich. Ich wäre nicht fähig gewesen, zu einem Freund zu sagen: Lies das mal.

ZEIT: Warum nicht?

Haas: Da hätte ich das Gefühl gehabt, dass ich ihn in die Zwangslage bringe, dass er das entweder gut finden oder mich verletzen muss. Und es wäre mir unangenehm gewesen, dass er weiß, dass ich gern hätte, dass er das gut findet – das fand ich beschämend. Ich werde oft gefragt, ob ich bei Lesungen kein Lampenfieber habe. Schwierig fand ich es immer nur, vor wenigen Leuten vorzulesen, wo es noch persönlich ist.

ZEIT: Sie haben mal gesagt, Sie sind Schriftsteller geworden, um der Kontrolle Ihres Dorfes zu entkommen. Nun haben Sie das Dorf aber durch ein viel größeres Kontrollsystem ersetzt, nämlich Ihre Leserschaft. Die hat längst die Dimension einer mittelgroßen Stadt – lauter Leute, die mustern, was Sie so herstellen. Peinigt Sie das?

Haas: Das ist mir nicht peinlich, aber es ist eine Einschränkung, die auch wieder etwas auslösen kann. In einem Dorf oder in einer Familie wird man ja immer schnell definiert: Du bist der und der. Auch in einer Firma – jeder hat sofort sein Image weg, was er für einer ist. Und der hat man gefälligst zu bleiben. Und wenn man bekannt wird als Autor, wissen jetzt viele Leute, wer der Wolf Haas ist oder wer er zu sein hat. Eine Frau, die vor zehn Jahren einen Brenner-Roman nicht gut fand, hat mir einen Brief geschrieben mit einem Satz, der mir damals wirklich übel aufgestoßen ist: "Das ist nicht mehr der Wolf Haas." Die Leserin sagte also ganz explizit: Du bist nicht mehr du selbst. Das war irritierend.

ZEIT: Haben Sie mal eine Therapie gemacht?

Haas: Ja.

ZEIT: Liest man Ihre Bücher, denkt man, da hat sich einer sehr mit sich selbst beschäftigt.

Haas: Ich kann Ihnen sogar sagen, wie meine erste Therapiestunde anfing: Ich bin hingegangen und habe gesagt, ich bin 35 Jahre alt und ein erfolgreicher Werbetexter, aber ich werde sinnlos gequält von dem Wunsch, Schriftsteller zu werden, und den möchte ich gern loswerden. Ich möchte mit dem Leben, das ich führe, zufrieden sein und nicht so einer pubertären Chimäre nachlaufen. Und die Therapeutin hat mich angeschaut und gesagt: Wieso sollen Sie nicht Schriftsteller werden?

ZEIT: So wurden Sie Schriftsteller?

Haas: Ja.

ZEIT: Waren Sie länger bei dieser Therapeutin?

Haas: Ja.

ZEIT: Was haben Sie dort über sich gelernt?

Haas: Dass ich nicht besonders begabt bin darin, Leute an mich heranzulassen. Es gibt Leute, die sind gut darin, sich einer Therapiesituation hinzugeben, aber ich war, glaube ich, ein Versager.

ZEIT: Hat Ihre Therapeutin mitgekriegt, was aus Ihnen geworden ist? Hat sie sich gefreut?

Haas: Ich glaube schon.

"Selbst wer Gott lästert, lobt Gott"

ZEIT: Hat Ihnen auch der Brenner geholfen, aus der eigenen Haut herauszukommen?

Haas: Der redet ja kaum. Das Geschwätzige kommt alles vom Erzähler, der über den Brenner spricht.

ZEIT: Und der Erzähler – was ist das für einer?

Haas: Er ist ein schwankender Charakter: Er ist ein normaler, sowohl aus Ressentiments wie aus Weisheit bestehender Mensch. Manchmal sagt er arge Sachen, die ich niemals unterschreiben würde, manchmal sagt er auch Sachen, bei denen ich sogar ein bisschen stolz bin, dass er so gescheit ist (lacht) .

ZEIT: Hin und wieder sagt der Erzähler auch politisch Unkorrektes wie in dieser Episode über die Trafiken, diese kleinen Tabaklädchen ...

"Heute kann ja in Österreich schon jeder eine Trafik betreiben, da zahlst du einem Beamten eine gewisse Schmiergeldsumme, und du hast ganz regulär deine Trafik. Aber das war nicht immer so, weil nach dem Krieg haben sie gesagt, da machen wir für die Kriegsinvaliden eine kleine Hilfe, und da soll die staatliche Tabakgeschichte nicht jeder kriegen, weil Tabak immer Lebensgrundlage, sondern da soll einmal der Kriegsinvalide zum Zug kommen. An sich eine gute Idee, weil Trafikant ist ein Beruf, den kannst du auch mit nur einem Bein betreiben, mit einem Arm, ich sage, Trafikant kriegst du sogar mit dem einen oder anderen Splitter im Kopf gut über die Runden, wenn dir die Frau bei der Abrechnung hilft."

Haas: Witzigerweise ist das sogar der Realität abgeschaut. Es gab in Österreich dieses Gesetz, und dadurch waren die Trafiken ein natürlicher Treffpunkt für die Kriegsveteranen, für die Ewiggestrigen. Da haben immer so drei, vier Männer gestanden und über die guten alten Zeiten schwadroniert. Und man hat sich als Jugendlicher nur an guten Tagen reingetraut, um sich die falsche Zeitung zu kaufen.

ZEIT: Sie haben in der Jugend zwar die falschen Zeitungen, dafür aber das richtige Buch gelesen. Haben Sie aus der Bibel auch den Glauben mitgenommen?

Haas: Ich war nie besonders religiös, auch nicht als Kind. Aber ich habe auch keine Aversionen. Ich habe zu eigentlich allem, auch zur Religion, ein leicht distanziertes, von einem gewissen Interesse geleitetes Verhältnis.

ZEIT: Sie stellen sich also keinen Gott vor, der über Sie wacht und der Ihre Geschichte erzählt?

Haas: Und der über mich sagt: "Aber interessant! Dann ist ja doch noch was aus dem Haas geworden ..."

ZEIT: Ja, Ihre Bücher leben doch auch vom großen Erzähler. Warum halten Sie dann nicht Gott, den Welterzähler, für möglich?

Haas: Ich finde es so schön, wie Sie das schildern. Vielleicht habe ich jetzt gerade mein Erweckungserlebnis!

ZEIT: Wie kommt es, dass die österreichische Literatur so stark von der Blasphemie lebt, vom Verstoß gegen Tabus? Man hat das Gefühl, der österreichische Autor muss Übertretungsleistungen bringen, um zu beweisen ...

Haas: ... dass das Verbot viel Lust erzeugt?

ZEIT: Ja, die Übertretungslust.

Haas: Aber der schöne Satz "Selbst wer Gott lästert, lobt Gott" ist von Meister Eckhart, der war kein Österreicher. Es gibt zwei grundsätzliche Lebenshaltungen. Die eine versucht, das, was man schlecht findet, zu verändern; die andere versucht, das, was man schlecht findet, zu bewältigen. Es gibt ja dieses schöne Gebet: "Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Jedenfalls glaube ich, dass es Kulturen gibt, die eher Änderungskulturen sind. Und das ist Österreich sicher nicht. Wir sind eine Bewältigungskultur.

ZEIT: Was ist das?

Haas: Die ist ein bisschen resignativ, man glaubt nicht daran, dass man, wenn man die äußeren Parameter ändert, glücklicher wäre, sondern man denkt sich so halbherzig, ja, wäre schon schön, wenn alle gleich viel verdienen würden.

ZEIT: In welche Kultur gehören Sie?

Haas: Ich fürchte, ich gehöre auch eher in diese Bewältigungsrichtung.

ZEIT: Und der Brenner gehört auch dazu?

Haas: Noch mehr als ich!

ZEIT: Der Brenner wird älter, und seine Freundinnen altern mit ihm. In Ihrem jüngsten Brenner-Roman Brennerova ist er mit der ehemaligen Lateinlehrerin Herta liiert, einer wunderbaren Figur voller Großherzigkeit.

Haas: Es freut mich, dass Sie das sagen, die Herta ist nämlich eine meiner absoluten Lieblingsfiguren.

ZEIT: Warum haben Sie die Herta so gern?

Haas: Beim Schreiben ist das Schönste ja immer, was einem zufällig passiert. Die Herta war überhaupt nicht als Hauptfigur geplant. Es ist extrem schwierig für männliche Autoren, eine halbwegs nichtklischeehafte Frauenfigur in einem Roman unterzubringen. Das ist eine große Herausforderung, und es gelingt fast nie. Und in dem Fall hatte ich das Gefühl, die Herta passt. Sie ist ein Mensch, der relativ unbehelligt davon geblieben ist, dass er von einem Mann erfunden wurde.

ZEIT: Ihr Brenner verhält sich sehr respektvoll gegenüber der Herta. Man erlebt beim Lesen nie, dass er ihr zu nahe kommt. Sie beschreiben nie Szenen der körperlichen Lust, obwohl man schon merkt, die zwei haben was miteinander. Sie haben einmal gesagt, es sei Ihnen peinlich, Sexszenen zu lesen, es sei Ihnen sogar schon peinlich, sich einen Autor vorzustellen, der gerade eine Bettszene schreibt.

Haas: Ich glaube, dass das Explizite ein Fehler ist. Eine Filmszene wirkt stärker, wenn im entscheidenden Moment geschnitten wird und ich mir nur denke, jetzt passiert es gerade. Das ist für mich intensiver, als wenn es mir vorgespielt wird.

ZEIT: Ist es leichter, eine Metzelei zu schildern als eine intime Szene?

Haas: Wobei ich sagen muss, dass ich ja die Metzelei auch nicht wirklich schildere.

ZEIT: Das stimmt. Es werden in der Brennerova zwar zwei Männern die Hände abgehackt – aber die Szenen des Abhackens werden nicht geschildert, die Folgen wohl. Man sieht den Brenner niemals als ein Wesen vor sich, das glückselig verschmilzt mit einem anderen, er ist der ewig Unerfüllte und Ungestillte.

Haas: Ich habe für die Brennerova eine Sexszene geschrieben. Die Szene war sogar ziemlich gut, aber die habe ich schweren Herzens gestrichen.

ZEIT: Warum?

Haas: Hat einfach nicht reingepasst. Ich wollte es nicht. Der Witz an dieser Sexszene war, dass da zwei Personen Sex miteinander haben und jeder beim Sex an einen anderen denkt.

ZEIT: Die Zurückhaltung in dieser Sache ist schon auffällig, denn alles andere an Ihren Büchern ist eher barock: Körperdüfte, Körpergeräusche, Körpersäfte, alles wird süffig geschildert. Aber im Sexuellen herrscht absolute Trockenheit.

Haas: Ich verstehe schon. Ich freue mich eh drauf, ein Buch als eine einzige Sexorgie zu schreiben. Es gibt so einen schönen Film, Cinema Paradiso, wo der Dorfpfarrer überall die Kuss-Szenen aus den neuen Filmen herausschneiden lässt, damit die Leute sie im Dorfkino nicht zu sehen kriegen, und am Schluss des Films wird eine Rolle abgespielt, wo alle Kuss-Szenen zusammengeklebt sind. So etwas werde ich auch mal machen ...

ZEIT: Das klingt sehr katholisch.

Haas: Es gibt zwei Arten von Speck, solchen, wo das Magere und das Weiße einander in vielen dünnen Schichten abwechseln, und solchen, wo das Magere der halbe Speck ist und die dicke weiße Schicht die andere Hälfte. Der zweite ist der Protestantismus: alles klar getrennt. Bei den Katholiken ist irgendwie alles vermischt. Die katholischen Länder sind weniger klar. Das hat Vor- und Nachteile. Ich finde, der Katholizismus hat politisch nur Nachteile, künstlerisch aber auch viele Vorteile, weil das Rationale und das Irrationale erlaubt sind. Das ist ein bisschen mehr eine unkontrolliertere Kultur.

ZEIT: In Ihren Büchern wird viel gestorben. Wie groß ist Ihre Angst vor dem eigenen Tod?

Haas: Sie ist jedenfalls geringer geworden. Das fällt mir beim Fliegen auf. Ich habe jetzt viel weniger Angst beim Fliegen als früher, und zwar mit dem rationalen Argument, dass ich mir denke, ich hätte es scheiße gefunden, mit dreißig zu sterben. Aber jetzt bin ich 54. Jetzt kann ich mich eigentlich nicht mehr beschweren.

ZEIT: Und was soll dann Ihr letzter Satz sein?

Haas: Ein unvollständiger. Einer, der zum Brenner passt, wäre vielleicht: "Aber interessant!"