Als Napoleon auszog, die Alpen zu überqueren, da sah man ihn auf einem weißen Schlachtross, den roten Mantel vom Wind gebauscht, seine rechte Hand gen Himmel weisend. So drängend hatte ihn der französische Maler Jacques-Louis David im Jahr 1800 für die Nachwelt festgehalten, auch wenn der König in Wahrheit bei Nacht und auf einem Maultier aufgebrochen war.

Als Yanis Varoufakis auszog, ein gewaltiges Massiv aus Schulden zu überwinden, da sah man ihn nach seiner Wahl zum griechischen Finanzminister eine schwarze Yamaha XJR 1300 besteigen. Festgehalten wurde die Szene von den Historienmalern der Gegenwart, den Fotografen, die Varoufakis umgehend in ihr aufgeregtes Herz schlossen. Er vermag wie kein anderer, das Politische in wunderbar aufreizenden Bildern zu präsentieren. Die alte, oft mausgraue Ikonografie der Macht hat er in Windeseile neu belebt.

Varoufakis besteigt sein kraftstrotzendes Motorrad, und sofort sieht es aus, als wollte er als wilder Reiter gen Brüssel jagen, selbst steuernd in einer Zeit, in der Politiker gern als ferngesteuert geschmäht werden. Dass er in Wahrheit nur um ein paar Athener Ecken biegt, interessiert niemanden.

Politik war ja immer Bildpolitik. Schon die Herrscher der Antike inszenierten sich, damals noch mithilfe der Kunst und nicht im Fernsehen. Allerdings hatten sie es wesentlich leichter als die Demokraten von heute, die sich nicht schmücken, nicht brüsten dürfen. Die Demokratie verlangt, als Herausgehobene abzuschleifen. Sie verlangt Uniform.

Dass sich Varoufakis in seiner Bildpolitik dieser Uniform verweigern würde, wie gelegentlich geschrieben wurde, stimmt jedoch nicht ganz. Er verzichtet auf den Binder, ihm schlappt das Hemd aus der Hose, er will nicht so stramm erscheinen wie auf Politiker-Bildern üblich, sondern steckt sich die Hand in die Hose. Damit aber tauscht er die eine Uniform nur gegen die andere: die des fein gebügelten Bürokraten gegen die des Nonkonformisten.

Besonders schön lässt sich das auf den Fotos besichtigen, die vorige Woche in der französischen Zeitschrift Paris Match erschienen sind. Dort zeigt sich der wahre Varoufakis, unverstellt, privat. So jedenfalls will er gesehen werden auf diesen Bildern aus seinem Apartment, als unpolitischer Politiker. Natürlich weiß der Marxist Varoufakis sehr gut, dass es dergleichen nicht gibt. Ein Herrscher bleibt Herrscher, auch wenn er nur ein dunkelblaues T-Shirt trägt. Ja, eigentlich wird er sogar erst so als wahrhaftiger Souverän sichtbar. Das T-Shirt ist seine Krone und sein Zepter, eine Insignie der Macht.

Varoufakis demonstriert seine Volksnähe, seine Liebe zum Schmucklosen, Pflegeleichten und zum Freizeitglück der Gegenwart. Wer T-Shirt trägt, macht sich gleich. Ebenso macht er sich ungleich, denn bei aller Bequemlichkeit zeigt dieses Kleidungsstück doch unbarmherzig, wer und was unter ihm steckt. Varoufakis hat da einiges zu bieten: einen ganz offensichtlich nach amerikanischen Vorbildern gestärkten Körper mit einem Bizeps, der die übliche politische Schreibtischexistenz irritieren muss. Seine Kraft erzählt von einer anderen, einer besseren, weil sportlicheren Existenz. Im Körper des Herrschers scheint, so könnte man sagen, ein neu erstarktes Griechenland auf.

Auch Wladimir Putin liebt diesen Inszenierungstrick, man kennt ihn mit bloßgelegtem Oberkörper bei der Jagd oder zu Pferde. Doch gibt es auch in der Geschichte etliche Beispiele dafür, dass sich die Macht auch deshalb besonders unbekleidet und damit ungeschützt präsentiert, weil sie in Wahrheit ihre Unbesiegbarkeit vorführen will. Vor allem in der Antike – und Varoufakis’ Apartment liegt gleich unter der Akropolis! – zeigten sich die Herrscher gerne einmal in der Pose des Herkules, muskelbepackt, mit kaum mehr als einem Löwenfell bekleidet. Die Macht, daran kann man in Athen mit seinen vielen Statuen gar nicht vorbeischauen, ist fast immer nackt.

Allerdings betont Varoufakis mit seinem T-Shirt nicht nur die eigene Stärke, er weiß sich auch als kunstsinniger Herrscher zu inszenieren. Auf seiner Brust steht in weißen Lettern: Chinati. Der eilige Betrachter wird es für ein Modelabel halten, hinter Chinati aber steht die Chinati Foundation, und diese wiederum betreibt in Texas ein Kunstmuseum, das eigentlich eine Kultstätte ist, geweiht dem Werk des Minimalisten Donald Judd. Damit streicht Varoufakis wie nebenher seine Weltläufigkeit heraus, vor allem aber stellt er sich in die große Tradition des gebildeten, die Künste liebenden Herrschers.

Diese Kunstliebe ist so etwas wie das Leitmotiv dieser pseudoprivaten Fotogalerie. Auf einem der Bilder sehen wir Varoufakis am Klavier, wie er kraftvoll in die Tasten greift, ohne ein Notenblatt aufzuschlagen. Soll heißen: Er hat seine Partitur verinnerlicht, er weiß, alles zu verbinden, was den guten Herrscher ausmacht, das Musische und das Muskulöse, das einfühlsame Spiel mit einem Blick voller Entschiedenheit. Auf einem anderen Bild sitzt er am Schreibtisch, vor ihm der Laptop und halb auf dem Schoß ein aufgeschlagener Band, von ihm, dem Wirtschaftswissenschaftler, selbst geschrieben. Dieser Minister liest nicht nur, er schreibt auch kluge Bücher! So klug, dass er sich zum Zwecke der Selbstdarstellung gern in sie vertieft.

Vor allem in der Renaissance galt es unter Herrschenden als populär, sich klug und gelehrt zu geben, sich nicht nur von der Macht, sondern ebenso von Weisheit und Schönheit entzünden zu lassen. Daher ist es kein Zufall, dass just in dem Moment, in dem sich Varoufakis seiner Lektüre zuwendet, zugleich seine Frau, die Künstlerin Danae Stratou, von hinten an ihn herantritt und ihm die Hand auf die Schulter legt. Der Titel des Buches Rational Conflict könnte zugleich der Titel dieses allegorischen Bildes sein.