Er ist wieder da. Und das einen ganzen Tag zu früh eigentlich. Aber so sehr man sich in Golfe Juan an diesem Wochenende um historische Akkuratesse bemüht: Zu genau will man es dann auch nicht nehmen. Sonst wäre der große Moment ja wieder genauso schnell vorbei wie damals, vor 199 Jahren und 364 Tagen.

Eingeklemmt zwischen dem noblen Antibes und dem mondänen Cannes, steht das kleine Nest an der Côte d’Azur seit je im Schatten seiner Nachbarn. Prominente verschlug es nur zweimal hierher: Pablo Picasso, der in den fünfziger Jahren gern das Restaurant Chez Marcel besuchte und für seine Gelage mit auf Servietten gekritzelten Skizzen bezahlte. Und dann war da eben noch er.

Als Napoleon Bonaparte den Strand von Golfe Juan betrat, nahm das wagemutigste Comeback der Weltgeschichte seinen Anfang. Nachdem der französische Kaiser halb Europa in Schutt und Asche gelegt und ihn der Wiener Kongress auf die Insel Elba verbannt hatte, entwischte er nach einem knappen Jahr im Exil seinen Bewachern. Am 1. März 1815 sprang Napoleon in der lauschigen Bucht von Golfe Juan aus einer Barke, hielt eine kurze Ansprache und begab sich dann unverzüglich nach Paris. Zugegeben: Der Besuch dauerte nicht lange, aber es reichte für die Geschichtsbücher.

Obwohl er gut drei Monate später in Waterloo sein Waterloo erlebte, gedenkt man Napoleons nun im 200. Jubiläumsjahr von März bis Juni nahezu überall dort, wo er während jener berühmten Herrschaft der hundert Tage seinen Stiefel hinsetzte. In Golfe Juan, der ersten Station der Reenactment-Route, haben sie das Dorf geschmückt und verzweifelt versucht, Buchsbäume auf Napoleons berühmte Silhouette zurechtzustutzen. Die Verkäuferinnen in der Boulangerie tragen blau-weiß-rote Schärpen. Aus ganz Europa sind Historiendarsteller gekommen, um für Touristen und Einheimische den Moment nachzustellen, der Golfe Juan in die Weltgeschichte katapultierte. Sogar Napoleon selbst ist noch einmal angereist. Und dafür, dass sein letzter Besuch zwei Jahrhunderte zurückliegt, ist er in ziemlich guter Verfassung.

Die Ähnlichkeit ist frappierend: Wenn Tourismusämter, Historienvereine oder Spektakelveranstalter einen Napoleon brauchen, wählen sie seit zehn Jahren die Nummer der Anwaltskanzlei für Verkehrsrecht in Paris, unter der man Frank Samson die Woche über erreichen kann. © REUTERS/Eric Gaillard

An einer Säule, die an jenen denkwürdigen 1. März 1815 erinnert, geht der Mann im grauen Armeemantel in die Knie und legt einen Kranz nieder, quasi zu seinem eigenen Gedenken – was bei einem, der sich selbst zum Kaiser gekrönt hat, irgendwie konsequent wirkt. Die Bürgermeisterin klatscht, die Fahnenträger stehen stramm, eine Blaskapelle schmettert die Marseillaise. "Vive l’empereur!", ruft die Masse. Der Kaiser antwortet: "Bien dit!", "Gut gesagt!". Dass der Mann nur ein Laiendarsteller ist, mit schwarzer Perücke auf der rasierten Glatze und einer nachgeschneiderten Uniform, scheint das Publikum kollektiv zu verdrängen. Er selbst ist ja auch ganz gut darin.

In Golfe Juan bejubeln die Menschen Frank Samson, als sei er tatsächlich die Reinkarnation von Frankreichs Glorie, was nicht nur an den Selbstzweifeln liegt, die derzeit an der Grande Nation nagen. Es hat auch damit zu tun, dass keiner so gut den Kaiser gibt wie der 47 Jahre alte Rechtsanwalt aus Paris. Jede überlieferte Marotte seines Vorbilds scheint er verinnerlicht zu haben: das häufige Nesteln am Uniformärmel, das nervöse Herumklopfen mit der Reitgerte auf dem Oberschenkel, den korsischen Akzent. Ganz zu schweigen von der physischen Ähnlichkeit, auch wenn Samson bedauert, genau genommen drei Zentimeter zu groß und trotz Bäuchlein etwas zu schlank für den späten Bonaparte zu sein. Wenn Tourismusämter, Historienvereine oder Spektakelveranstalter einen Napoleon brauchen, wählen sie deshalb seit zehn Jahren die Nummer der Anwaltskanzlei für Verkehrsrecht in Paris, unter der man Samson die Woche über erreichen kann.

Würdevoll schreitet er jetzt, umgeben von seiner Entourage, hinunter zum Hafen. Aus einem Salon kommen Kundinnen in Friseurkitteln gelaufen, mit feuchter Tönung im Haar, um ihrem Kaiser zu salutieren. Seine Majestät winkt zufrieden. Die Auftaktparade endet am Hafen, wo eine kleine Zeltstadt aufgebaut ist, in der Händler jeden erdenklichen napoleonischen Nippes verkaufen: Zinnsoldaten, nachgemachte Orden und Uniformen, sogar ein eigens kreiertes Parfum, das den Namen des Mannes trägt, der panische Angst vor schlechtem Odeur hatte. Hinter den Zelten erhebt sich eine große Tribüne mit blau-weiß-roten Plastiksitzen. Von hier aus werden morgen mehr als 1.000 Zuschauer verfolgen, wie Samson und die anderen Laiendarsteller die Landung des Imperators nachstellen.

Was in den darauffolgenden Tagen genau geschehen soll, erklärt Napoleon unten am palmengesäumten Strand, die rechte Hand unter der Knopfleiste seiner Uniformjacke, umringt von Fernsehkameras und Radiomikrofonen. Ja, er wolle nach Paris, um seinen Thron wieder zu erobern. Ja, er habe nur wenige Männer, aber die seien alle sehr motiviert, man werde wohl über Grenoble marschieren. Bonaparte gibt großzügigerweise eine improvisierte Pressekonferenz, was er als Autokrat natürlich gar nicht nötig hätte. Bis es seinen Adjutanten zu viel wird und sie ihrem Kaiser brüllend Platz verschaffen.

Der Tross zieht weiter zum hinteren Teil des Strandes, wo sich ein Lager aus Leinenzelten erstreckt, in dem für drei Tage Laiendarsteller auf Strohsäcken schlafen, die Napoleons Truppen mimen. Franzosen, Schweizer, Italiener – das Sprachgewirr ist ebenso groß wie in der echten Grande Armee. Manche Soldaten fachsimpeln sogar einträchtig mit Mitgliedern eines Jägerregiments der feindlich gesinnten k. u. k. Monarchie. Die waren zwar nie in Golfe Juan, aber man hat die Gruppe aus Tschechien trotzdem eingeladen, damit es später beim Schaugefecht fürs Publikum einen Feind gibt.