Montagmorgen, acht Uhr. Die Vorlesung beginnt. Moment. Eine Universitätsvorlesung im März? Ja, das gibt es. An der Bundeswehruniversität München läuft noch das Winter trimester. Drei Trimester, statt zwei Semester im Jahr studieren dort die künftigen militärischen Führer und haben dafür schon nach vier Jahren den Masterabschluss im Tornister.

Eva-Maria Kern – schlank, sportlich, rotblonde Naturmähne – beginnt pünktlich mit ihrem PowerPoint-gestützten Vortrag. Thema: Wissens- und Informationsmanagement. Im Hörsaal 0301 (Tafel, Beamer, 100 Plätze, großzügig verglast) sitzen der Ingenieurwissenschaftlerin zehn Studenten gegenüber. Worum geht es? "Wenn ein Kind auf die heiße Herdplatte fasst, dann hat es seine Lektion gelernt", sagt Kern, "Aber wie bringe ich das den anderen Kindern bei oder, im übertragenen Sinne, einer großen Organisation – ohne dass alle auf die Herdplatte fassen müssen?"

Es geht verblüffend unmilitärisch zu an der Kaderschmiede unserer Armee. Drei Studenten trudeln ein paar Minuten später ein, einer erst um kurz vor halb neun. Die jungen Leute, darunter zwei Frauen, sind Oberfähnriche, tragen aber Zivil.

Auch sonst: nur normaler Wahnsinn. Kurz nachdem die Professorin angefangen hat zu reden, zickt der Beamer. Ihr Mitarbeiter bringt ihn wieder zum Laufen, doch um Viertel nach acht verabschiedet sich das Gerät endgültig mit dem Gruß "Staubfilter reinigen".

Der Tag ist jung, die Technik streikt, das Thema ist kein Aufreger. Trotzdem hält Eva-Maria Kern, Jahrgang 1971, bis zum Ende um halb zehn die Spannung. Sie spricht mit österreichischem Akzent, gestenreich, artikuliert und wendet sich den Hörern freundlich zu.

Kern zeigt auf, wie Wissen in Unternehmen aufgespürt und eingesetzt werden kann. Mit der Kaffee-Ecke, die zum Plausch einlädt, oder mit computergestütztem Expertensystem.

Immer wieder lenkt sie den Blick auf die Wirklichkeit, an der theoretisch überzeugende Methoden oft scheiterten. "Wenn Sie das Wissen von Experten transparent machen wollen", sagt sie, "dann denken Sie an den Betriebsrat. Der will womöglich verhindern, dass stärkere und schwächere Mitarbeiter identifiziert werden." Erfolgsstatistiken misstraut sie: "Die Messgrößen sind oft fragwürdig."

Natürlich erreicht die Vorlesung nicht das Ideal des Universitätsreformers Friedrich Schleiermacher, der 1808 forderte: "Der Lehrer ... muss nicht erzählen, was er weiß, sondern sein eigenes Erkennen, die Tat selbst reproduzieren." Dennoch: Eva-Maria Kern hat nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Kritik und Skepsis als Prinzip.

Einige Studenten malen im Skript herum, tippen etwas ins Smartphone oder führen leise Zwiegespräche. Arbeiten sie mit? Werten sie das Wochenende aus? Träumen sie? Das soll ihr Geheimnis bleiben.

In unserer neuen Kolumne "Hörsaal", die zeitgleich in der gedruckten Ausgabe der ZEIT erscheint, schildern Autorinnen und Autoren der ZEIT Woche für Woche ihre Eindrücke von Vorlesungen an Hochschulen in Deutschland und im Ausland. Wir sind gespannt auf Ihre Diskussionen.

Falls Ihnen eine besonders spektakuläre Vorlesung auffällt, die wir besuchen sollten, dann freuen wir uns über einen Hinweis an: hoersaal@zeit.de.