Was sich genau hinter dem ominösen Begriff "intelligente Unterhaltung" verbirgt, zeigen exemplarisch die Romane des Engländers David Nicholls, der 2009 mit seinem Weltbestseller Zwei an einem Tag dem Genre der Beziehungsgeschichte so etwas wie eine Frischzellenkur verpasst hat. Sein neues Epos Drei auf Reisen erweitert die landläufige Zweierkiste zum Dreieck Vater-Mutter-Sohn und wurde – ein Symptom für die neue Salonfähigkeit von Unterhaltungsliteratur? – für den Man Booker Prize nominiert. Nicholls, der die britische Tugend des Understatements perfekt zu verkörpern scheint, war zunächst Schauspieler, aber einer von der Sorte, die er in seinem autobiografisch gefärbten Roman Ewig Zweiter (2006) höchst amüsant charakterisiert. Mehr Erfolg hatte er als Drehbuchautor von Serien mit sprechenden Titeln wie Cold Feet und Rescue me, und es steht zu vermuten, dass er, als er anfing, Romane zu schreiben, auch den sympathisch chaosanfälligen Helden seines Debüts Keine weiteren Fragen (2005) mit eigenen Erfahrungen ausstattete.

Douglas Petersen, der Ich-Erzähler in Drei auf Reisen, passt ebenfalls in dieses Schema. Als nichtsahnender Gatte, der nach über 20 Jahren Ehe eines Nachts von seiner Frau Connie geweckt und darüber informiert wird, dass sie ihn verlassen will, gibt er gleich zu Beginn die typische Nicholls-Figur des liebenswerten Losers mit gestörtem Durchblick. Im ersten Moment glaubt er, ein Einbrecher sei im Haus, und eilfertig gesteht er dem Leser, er sei "kein besonders mutiger oder imposanter Mann", vielmehr einer, der einen Alarmknopf am Bett hat, sich aber nicht traut, ihn zu drücken, weil der Lärm jemanden stören könnte, vor allem den Einbrecher. Wenn er Connies schockierende Eröffnung schließlich mit dem lahmen Witz quittiert: "Na, wenigstens sind’s keine Einbrecher!", dann ist auf knapp anderthalb Seiten eine Situation von hohem Unterhaltungspotenzial hergestellt worden – was für die szenische Intelligenz des Autors spricht.

Und so geht es auch weiter. In 180 Kapiteln, zwischen wenigen Seiten und einer Zeile lang, rekapituliert Douglas die Geschichte seiner Beziehung zu Connie und schildert parallel dazu seine Bemühungen, die Ehe zu retten. Denn noch ist nicht alles verloren: Die geplante Europareise zu dritt mit Albie, dem gerade flügge gewordenen Sohn, soll trotz allem stattfinden; die Gattin will erst danach ihre Entscheidung treffen. Auch das Verhältnis zwischen Vater und Sohn bedarf der Rettung, und so hofft der Held, während der "Grand Tour", die nicht zuletzt eine Pilgerfahrt zu Erinnerungsorten der Liebe sein soll, seine Familienbande zu kitten. Eine geradezu klassische Komödien-Konstellation, die ihren Reiz aus dem Kontrast zwischen hohen Erwartungen und permanenter Pannengefahr bezieht. Bemerkungen wie die, dass das etwas zu sparsam kalkulierte Hotelzimmer in Paris "als Endlager für überschüssiges Schamhaar aus ganz Europa zu dienen schien", wirken als Perlen eines dezidiert englischen Humors zuverlässig stimmungsaufhellend.

Aber Nicholls zieht in die tragikomische Story noch einen doppelten Boden ein: Er lässt seinen Erzähler bis zuletzt verdrängen, dass etwas an der Beziehung zwischen ihm und seiner heiß geliebten Connie von Anfang an nicht stimmte. Der Leser indes hat davon schon bald eine diffuse Ahnung, für die er sich fast geniert, weil er dem netten Douglas doch von Herzen ein Happy End wünscht. Das ist intelligent gemacht, und unterhaltsam ist es allemal, wenn auch auf eher melancholische Art.