Es wird Frühling in Meiendorf. Die Vögel zwitschern. Der Nachbar wirft den Rasenmäher an. Dora Heyenn, bis vor Kurzem Spitzenkandidatin und Fraktionsvorsitzende der Hamburger Linken, sitzt auf der Terrasse, schaut in den Garten und ärgert sich. "Das war eine Demütigung zu viel", sagt sie.

Heyenn ist das Gesicht der Linken in Hamburg. Seit vielen Jahren. Bei der Bürgerschaftswahl im Februar verbesserte sie das Ergebnis der Partei um zwei Prozentpunkte. Doch in der Partei fühlten sich längst nicht mehr alle von ihr repräsentiert. In den vergangenen Wochen hat sich ein lang aufgestauter Frust entladen. Die Fraktion hat Heyenn entmachtet. Nun stellt sich die Frage: War das der kalkulierte Bruch in einer Partei, die schon aus historischen Gründen in zwei sehr unterschiedliche Lager zerfällt? Ein Generationswechsel mit der Brechstange? Oder schlicht ein Unfall?

Ein Unfall, so heißt es ja in der Fraktion. Man hatte sich geeinigt, dass es künftig eine Doppelspitze geben soll. Dass die 65-Jährige Heyenn ein Teil derselben wird, schien nur eine Formalie zu sein. Doch dann das Ergebnis der Abstimmung: fünfmal Ja, dreimal Nein, drei Enthaltungen. Keine Mehrheit für Heyenn. Ein Desaster. Man könne doch den Wahlgang zum bloßen Meinungsbild deklarieren, versuchten die Abgeordneten noch zu beschwichtigen. Heyenn lehnte ab. Am Tag danach erklärte sie ihren Austritt aus der Fraktion.

Warum hat sie sich nicht auf eine Wiederholung der Wahl eingelassen? Heyenn lacht kurz auf. "Hallo? Ich bin doch nicht Heide Simonis!" So ein "Hallo?" entfährt ihr gerne mal. Vielleicht hat sie das von ihren Schülern – sie war Lehrerin für Bio und Chemie in Tonndorf, ein paar Autominuten entfernt.

Cansu Özdemir wirkt jugendlich mit ihrer gelockten Mittelscheitelfrisur und ihrem glitzernden Nasenpiercing. Wie sie da so sitzt im Café am Uni-Campus, wo sie Politikwissenschaften studiert, denkt man: Die sagt bestimmt auch öfter mal "Hallo? Geht’s noch?" Macht sie aber nie. Die 26-Jährige, seit dem Putsch gegen Heyenn eine der beiden Fraktionsvorsitzenden, spricht in klaren, bedächtigen Sätzen.

"Ich hatte Interesse, mit Dora Heyenn eine Doppelspitze zu bilden", sagt sie. Vor vier Jahren, mit 22, zog sie in die Bürgerschaft ein – mit den zweitmeisten Personenstimmen nach der Spitzenkandidatin. Die kurdische Community habe sie hochgewählt, hieß es. Özdemirs Eltern kommen aus Kurdistan.

Der Generationswechsel ist nun also mit der Brechstange erfolgt. Weg von der pensionierten Lehrerin aus der grünen Vorstadt, die aus der bürgerlichen Mitte kommt, das politische Handwerk bei der SPD gelernt hat, ehe sie – in Zorn über Schröders Agenda 2010 – die WASG mitgegründet hat. Hin zu einer jungen Frau mit Migrationshintergrund, die sich zum Polit-Star der Großsiedlungen hochgearbeitet hat: In der Trabantenstadt Kirchdorf-Süd kam sie mit 29 Prozent der Personenstimmen auf den zweiten Platz hinter Olaf Scholz. Die bei Anne Will nassforsch erklärt, sie unterstütze die in Deutschland verbotene PKK als "progressive Kraft" – und dabei so freundlich wirkt, dass sie warmen Applaus erntet.

Doch der Wechsel an der Spitze ist mehr als eine Generationsfrage. Heyenn und Özdemir stehen für zwei Kulturen in der Linken, die sich seit Langem schon argwöhnisch beäugen.

Auf der einen Seite stehen die Fraktionsmitglieder Norbert Hackbusch, Heike Sudmann und Christiane Schneider, die zur Grünen-Abspaltung "Regenbogen" gehörten und die Linke für außerparlamentarische Politmilieus geöffnet haben. In der Fraktion wimmelt es inzwischen von Mitarbeitern, die aus stadtpolitischen Initiativen kommen. Mit dem Flüchtlingsaktivisten Martin Dolzer und der Hartz-IV-Protestikone Inge Hannemann sind gerade zwei Quereinsteiger neu in die Fraktion gekommen. Auch Cansu Özdemir kam so zur Partei: Als selbstbewusste Abiturientin und Übersetzerin fiel sie Norbert Hackbusch auf einer Kurdistan-Soli-Reise auf.

Auf der anderen Seite steht Dora Heyenn, die gerne mit Gewerkschaftern spricht, auch mal den Beamtenbund dazu überredet, Gregor Gysi einzuladen, die sich aber eher nicht ins Gefahrengebiet-Getümmel stürzt, zwischen Polizeikordon und schwarzem Block, wie es die Ex-Regenbogen-Leute gerne machen.